Berlins lässigste Antifa

Omas gegen rechts

Alt und deshalb konservativ? Nicht die „Omas ­gegen rechts“. Seit Anfang des Jahres finden sich  resolute Seniorinnen zusammen, um für ­Demokratie und gegen Ausgrenzung zu kämpfen
Dienstagabend im Café MadaMe am ­Kreuzberger Mehringplatz. Nach und nach trudeln sechs Frauen im Alter ab Mitte 50 ein. Sie steuern auf einen Tisch zu. Ein verspäteter Kaffeeklatsch? Ein Ehemaligen-Treffen? Egal! Eine Gruppe wie diese wäre in jedem Lokal willkommen. Die Frauen wirken selbstbewusst – und so wohlsituiert, dass sie sie sich locker ein üppiges Dinner leisten könnten.

Als „Best Ager“ oder „Generation 50 plus“ würde sie die Werbeindustrie bezeichnen. Eine Altersgruppe, die ­immer größer wird und wegen ihres Wohlstands im Fokus steht. Die Konsumindustrie will sie verführen, Bedürfnisse nach ewiger Jugend und Schönheit wecken, mit Tinkturen und Cremes. Dazu gibt es Reiseveranstalter, die mit Wellness-Hotels und Kreuzfahrten locken. Oder Online-Partnerbörsen, die Zweisamkeit versprechen, auf Portalen wie „Romantik 50 plus“ oder „Date 50“.

Vorbild aus Wien

Omas gegen rechts
Omas gegen rechts auf der Unteilbar-Demo
Foto: Maja Wiens

Doch die Frauen im Café MadaMe treibt Wichtigeres um als romantische Fantasien oder die Sorge, ein paar Falten mehr oder weniger zu haben. „Ich will, dass rechte Ideen bei uns nicht weiter Fuß fassen können“, sagt Antje, mit 56 die Jüngste am Tisch. Cordula, 75, fordert: „Ich will, dass sich bei uns nie wieder irgendwelche Leute, Männer, hinstellen und den Frauen sagen, was sie zu tun haben.“ Und Gertrud, 67, verkündet: „Wir stehen für einen guten ­Umgang mit Verschiedenheit.“

Die Berliner „Omas gegen rechts“, die sich monatlich im Café MadaMe treffen, haben sich – nach dem Vorbild von „Omas gegen rechts“ aus Wien, die sich gegen den ­Nationalismus unter dem österreichischen ­Bundeskanzler Sebastian Kurz wenden – im Mai erstmals zusammen­gefunden. Anlass war die von der AfD in der Hauptstadt angekündigte Großdemo„Tag der Abrechnung“, die am Ende 5.000 Teilnehmer auf die Straßen trieb. Dass so ein Hass-Aufmarsch keinesfalls unwidersprochen bleiben darf, brachten 25.000 Gegendemonstranten zum Ausdruck. ­Unter den Protestlern war auch Berlins erster Block von älteren Frauen, die Haltung zeigen. Der Hingucker: ihre Plakate mit dem Slogan „Omas gegen rechts“.

Lebenserfahrung und Selbstironie

„Derzeit sind es etwa 100 Frauen, die sich als ,Omas gegen rechtsʻ in Berlin vernetzt haben“, sagt Gertrud, die ­wendige Administratorin der angegliederten Facebook-Gruppe. Und berichtet: „Die Zahl nimmt weiter zu. Seit der ­#unteilbar-Demo am 13.Oktober, bei der wir gut sichtbar mitgemacht haben, melden sich stetig mehr ,Omasʻ, die ebenfalls gegen rechts sind, sich organisieren und gegen nationales und menschenfeindliches Gedankengut aufstehen möchten.“

Omas gegen rechts
Foto: F. Anthea Schaap

Dabei treibt die „Omas gegen rechts“ nicht allein die Angst um die Zukunft ihrer Kindern und Enkel an. Es sind auch Lebenserfahrung und Humor, der die etwa 50- bis 80-Jährigen verbindet. Schon die Selbstbezeichnung als „Oma“ zeigt in einer Gesellschaft, die dem Jugendwahn huldigt, so etwas wie Widerspruchsgeist. Und natürlich Selbstironie.

„Die meisten von uns kommen aus der Friedens- oder Frauenbewegung, manche auch gleich aus beiden Szenen“, sagt Gertrud. „Und es gibt Leute aus dem Osten wie aus dem Westen. Manche sind Alt-68er. Immer aber haben wir Zeitgeschichte erlebt.“

Wie etwa Sibylle, 75, eine ehemalige Grundschul­lehrerin, und die gleichaltrige Cordula, die aus dem ­Badischen stammt und früher ein Weingut ­bewirtschaftete. Beide wurden während des Zweiten Weltkriegs geboren. Und erinnern sich noch genau an das Ausmaß der Zerstörung, das der nationalsozialistische Größenwahn hinterließ. „Dieses nationale Denken hat nur Unglück gebracht“, sagt Cordula.
Sie verweist auf den Rhein in Baden-Württemberg, der früher die Grenze zwischen den verfeindeten Großmächten Deutschland und Frankreich markierte, dessen Brücken heute aber ohne Schlagbäume überquert werden können, in beide Richtungen, ob von Pendlern oder Ausflüglern. Cordula schwärmt: „Ich bin eine glühende Anhängerin der europäischen Idee.“

Die „Omas“ nehmen regelmäßig an größeren und kleineren Demos teil – damit Demokratie und Teilhabe gestärkt, hingegen Länder, Ethnien, Generationen, ­Geschlechter und Menschen nicht wieder auseinander dividiert werden. Gerne tragen sie dabei auch pinke Pussyhats, das aktuellste Symbol feministischen Widerstands. Außerdem unterstützen die „Omas“ öffentlichkeitswirksame Projekte. Schelmisch luden sie im November zum „Kekse backen gegen rechts“ – mit den Backwaren wollten sie einen multikulturellen Wintermarkt Anfang Dezember unterstützen.

Omas gegen rechts
Unterstützung für die Antifa und alle anderen, die rechten Wahn bekämpfen: die „Omas gegen rechts‟. Im Kreuzberger Café MadaMe zeigen sie Geschlossenheit – und gute Laune
Foto: F. Anthea Schaap

Am wichtigsten aber ist ihnen eine noch größere Vernetzung. Nicht nur innerhalb Berlins, sondern auch mit den rund 30 „Oma gegen rechts“-Gruppierungen, die sich mittlerweile in Städten wie Hamburg, Lübeck, Mainz, Köln oder auch in einem Bundesland wie Sachsen-Anhalt gebildet haben. Nachdem sich bereits auf Facebook die „Omas ­gegen rechts in Deutschland“ zusammengetan haben, sind nun überregionale Begegnungen geplant.

Die Ü50-Frauen sind alles andere als von gestern. Sie verkörpern eine emanzipierte Generation, die gelernt hat, sich nichts bieten zu lassen. Viele der „Omas“ haben ­anspruchsvolle Berufe ausgeübt und wissen, wie man Wind macht. Eines ist also sicher: Die Oma-Power ist ein Projekt mit Zukunft. Man wird noch viel von diesen Grand Dames der Protestkultur hören.

Omas-gegen-rechts-Treffen, jeden 3. Sa im Monat, 11 Uhr, Café MadaMe, Mehringplatz 10, Kreuzberg. Nächster Termin: Sa 15.12.. Facebook: OMAS GEGEN RECHTS Berlin