Hilfe für Nordsyrien

Cadus: Operation Mensch

Die Berliner Hilfsorganisation Cadus geht dorthin, wohin sich nur wenige trauen. In Krisen- und Kriegsgebieten leisten die Mitarbeiter*innen humanitäre Hilfe und stellen medizinische Geräte zur Verfügung. Ihr aktueller Einsatzort: Rojava in Nordsyrien – wo die Verbündeten vor Ort in Lebensgefahr sind

Zwei Menschen, die Leben retten: Nora Wagner und Jonas Grünwald, zentrale Figuren beim Verein Cadus
Fotos: Saskia Uppenkamp

Im S-Bahnbogen nahe der Michaelbrücke, direkt neben dem Club Kater Blau in der Holzmarktstraße, steht ein Garagentor offen. Über dem Toreingang, gemalt in roter Farbe: der Schriftzug „Cadus“. Dahinter unverputzter Boden, ein großer Tisch in der Mitte, Werkzeuge in Holzregalen an den geschwungenen Wänden, Baumaterialien stehen überall im Raum verteilt: der „Makerspace“. „Hier entwickeln wir Erfindungen, die Menschen in Krisengebieten helfen“, sagt Cadus-Sprecher Jonas Grünwald. Medizinische Geräte zum Beispiel.

Die Mitarbeiter*innen von Cadus gehen an Orte, wo die Hilfe besonders dringend ist und sich nur wenige andere Organisationen hintrauen. Der Verein, der vor allem von Spenden finanziert wird, füllt Lücken in der Hilfsversorgung in vernachlässigten Gegenden.

Cadus baut im Berliner „Makerspace“ Prototypen für medizinische Geräte, die dort gebraucht werden. Zum anderen führen die Mitarbeiterinnen humanitäre Einsätze in Krisengebieten durch. Anästhesistinnen, Chirurginnen und andere Medizinerinnen reisen für Cadus aus Deutschland einige Wochen oder Monate in diese Regionen, dort versorgen sie Schusswunden ihrer Patient*innen, kümmern sich um chronisch Kranke und retten Leben. In vergangenen Einsätzen behandelten sie Geflüchtete in Bosnien und Verletzte hinter der Front im irakischen Mossul, als 2017 der IS zurückgedrängt wurde. Ihr aktueller Einsatzort ist Rojava, Nord-
ostsyrien. Dort herrscht Krieg, humanitäre Hilfe wird besonders gebraucht.

Die Mitarbeiter*innen von Cadus lernten sich kennen, als sie halfen, Musikfestivals wie die Fusion zu organisieren. Gründer Sebastian Jünemann, bei Cadus nennen sie ihn Sepp, betätigte sich bereits während seines Studiums – Biologie, Erlebnispädagogik und Beratungswissenschaften – in der humanitären Hilfe und im Rettungsdienst. „Ich hatte aber Lust mit Menschen zu arbeiten, die in subkulturellen Kontexten aktiv sind“, sagt er. 2014 gründete sich der Verein Cadus. Die Mitglieder einte der Gedanke, helfen zu wollen. Einige von ihnen hatten wie Jünemann Vorerfahrungen in der humanitären Hilfe. Nach einem Festival, verkatert im Backstage, sei die Idee entstanden. Heute arbeiten etwa 50 Menschen im Verein, der Großteil von ihnen ehrenamtlich. Vieles, sagt er, habe funktioniert, weil die Mitglieder befreundet sind. Dadurch entsteht Vertrauen, auch wenn die Arbeit zu Anfang kein Gehalt abwarf. Um seinen Unterhalt zu finanzieren, arbeitete Jünemann in den ersten Jahren noch als Türsteher in Berliner Clubs. Würde er den Verein heute noch einmal gründen, wenn er wüsste, wie viel Arbeit dahinter steckt? „Ich würde es anders machen“, sagt er. Er würde weniger Angst davor haben, Anträge zu schreiben. „Wir hätten nicht so viel Schiss vor Struktur haben müssen“, sagt er.

Die Angst um Helfer*innen

Von Berlin nach Rojava: In Nordostsyrien hat sich die humanitäre Lage dramatisch verschlechtert, seit der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Anfang Oktober Truppen einmarschieren ließ. Laut Vereinten Nationen mussten 160.000 Menschen ihre Heimatorte verlassen. Bis zu 400.000 Menschen benötigen laut UN-Behörde für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten Hilfe. Sie sind tagtäglich Gefahren durch Krankheiten, Gewalt und Verfolgung ausgesetzt und brauchen medizinische Versorgung.

Werkstattbesuch: Bei Cadus werden medizinische Geräte angefertigt, die Menschen in Konfliktregionen überleben lassen

Anfang Oktober hat Cadus – so wie alle anderen internationalen Organisationen – die Kräfte abgezogen, die nicht aus der Region stammen. Denn: Bestimmte Truppen, vor allem die der türkischen Regierung,  nehmen keine Rücksicht auf humanitäre Helfer*innen. Vor Kurzem, so der Verein, sei ein Krankenwagen beschossen worden, in dem sich ein lokaler Sanitäter von Cadus und ein Fahrer befanden, der zum „Kurdischen Roten Halbmond“ (KRC) gehört. Beide wurden schwer verletzt, befinden sich aber außer Lebensgefahr. Auf der Webseite von Cadus sind Fotos zu sehen, die die Verletzten und den Wagen zeigen.

„Wir wissen nicht genau, wer geschossen hat. Die Kurden werden allerdings nicht ihre eigenen Krankenwagen angreifen“, sagt Jonas Grünwald. Cadus vermutet, dass es sich um türkische Angreifer oder syrische Milizen handelt.

Es ist eines von zwei Malen gewesen, dass Mitarbeiter*innen ihrer Partnerorganisation, des „Kurdischen Roten Halbmond“ (KRC), angegriffen worden sind, als sie unterwegs waren. In der Kritik, Menschenrechte zu verletzen, stehen unter anderem ehemalige Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“ (FSA). Unter ihnen sollen sich Islamisten befinden. Die Türkei spannt die FSA mittlerweile für ihre Bodeneinsätze in Nordsyrien ein. Amnesty International wirft der Regierung in Ankara außerdem vor, hunderte Kritiker der Offensive festgenommen zu haben, darunter Medienvertreter und Oppositionelle.

„Es ist bitter, dass der Zugang für humanitäre Organisationen gerade derart verschlossen ist“, sagt Nora Wagner. Sie ist die Projektmanagerin bei Cadus für den Einsatz in Nordostsyrien, war selbst erst vor Kurzem dort. Jetzt sitzt sie im Konferenzraum des Cadus-Büros, im S-Bahnbogen neben dem „Makerspace“. Glasfront mit Blick aufs Wasser, raue Wände, Start-Up-Feeling. Von hier aus koordiniert der Verein seine Einsätze. Oft klingelt das Telefon – täglich sind die Mitarbeiter*innen mit ihren Partnerorganisationen in Kontakt, die noch vor Ort sind.

In Nordsyrien betreibt Cadus zwei Standorte: ein Feldkrankenhaus in einem Geflüchtetencamp im Ort Al-Hol und eine Erste-Hilfe-Klinik in Raqqa. Die Einsätze sind lange geplant: Zuerst wird eine Crew aus Helferinnen zusammengestellt und die Einsatzdauer festgelegt, meist ein paar Wochen, manchmal auch Monate. Das Team wird dann nach Erbil im Irak geschickt, wo Cadus ein Büro betreibt. Von dort fahren die Mitarbeiterinnen gemeinsam über die Grenze nach Syrien. Beide Einsatzorte liegen nicht direkt an der Frontlinie. Trotzdem können sie im Moment nicht dorthin, die Situation ist zu gefährlich.

Das Problem sei, sagt Wagner, dass Staaten wie die Türkei Menschenrechte verletzen. Eigentlich sind diese dem humanitären Völkerrecht der Genfer Konvention verpflichtet. Auch 2017, als Cadus beim Kampf gegen den IS in Mossul humanitäre Hilfe im Irak leistete, wurden Mediziner*innen beschossen – vom IS. „Aber der IS ist eine Terrororganisation“, sagt sie, „die Türkei und Syrien sind Staaten, die in der Pflicht stehen, humanitäre Helfer zu schützen.“

Seit die Türkei in den Nordosten Syriens einmarschiert ist, fürchten Kritiker einen drohenden Genozid. Kürzlich soll die türkische Luftwaffe das Gebiet bombardiert haben, berichtet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Eigentlich hatten die Türkei und Syrien im Oktober eine Waffenruhe verabredet, von der beide Regime behaupten, sich weiter daran halten zu wollen. In dieser Zeit, forderten sie, sollte sich die kurdische YPG 30 Kilometer von der syrisch-türkischen Grenze zurückziehen. Infolge des Abzugs der US-Truppen ist die Miliz schutzlos. Medienberichten zufolge hat sie ihre Truppen dort mittlerweile abgezogen.

Im Kampf gegen die türkische Offensive hatte die YPG die Regierungen in Damaskus und Russland vergeblich um Hilfe gebeten. Der syrische Präsident Baschar al-Assad hatte in die kurdische Autonomieregion seit sieben Jahren keine Truppen mehr geschickt, seine Macht war dort stark zurückgedrängt. Nun sind die Kurden sowohl den Machtansprüchen des türkischen als auch denen des syrischen und russischen Regimes ausgesetzt, die geopolitischen Einfluss  ausüben wollen.

Deutschland hat inzwischen angekündigt, Waffenlieferungen an die Türkei einzuschränken. Hierzulande kritisieren zehntausende Demonstrant*innen, dass der Westen die Kurden allein lasse. Seit Wochen protestieren sie auch in Berlin, zuletzt gingen mehrere tausend Menschen am Brandenburger Tor und am Hermannplatz auf die Straße. Kürzlich äußerte das Auswärtige Amt Zweifel darüber, dass der Einmarsch völkerrechtskonform sei.

High-Tech als Rettung

Ein medizinisches Gerät, das in Syrien zum Einsatz kommt, ist eine Plastikbox, so groß wie ein kleiner Koffer. In den Deckel ist ein kleiner Monitor eingelassen, dahinter sind bunte Kabel und Computerchips zu Schaltkreisen verbunden. Life Sensor heißt das Gerät. Es sieht unscheinbar aus, rettet aber Leben. Alle Vitalfunktionen, wie Herzfrequenz, Blutdruck oder Körpertemperatur, lassen sich damit messen. Es kostet in der Herstellung nur den Bruchteil eines Vitaldatenmonitors im Krankenhaus.

Seit zwei Jahren forscht der Makerspace gemeinsam mit der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft und der Beuth Hochschule für Technik an dem Projekt. Das Ziel: Ein leicht zu transportierendes Medizingerät, das günstig herzustellen und zu reparieren ist. Eingesetzt wird es bereits. Für humanitäre Hilfe im Krieg sind solche Geräte wichtig. „In Krisenregionen gibt es häufig das Problem, dass medizinische Geräte kaputt gehen und nicht repariert werden können“, sagt Grünwald. Häufig sind sie extrem komplex aufgebaut. Der Life Sensor lässt sich hingegen schnell selbst nachbauen, die Teile sind relativ leicht erhältlich.

Der Makerspace entwickelt Prototypen und stellt die Baupläne dafür ins Netz, auch die Pläne des Life Sensors. Nach dem Open-Source-Prinzip können sie kostenfrei heruntergeladen werden. Cadus forscht an vielen weiteren Projekten. Manche sind wie der Life Sensor bereits im Einsatz: Die mobile Krankenstation zum Beispiel, die die Macher*innen des Makerspace mitunter aus den Teilen zweier LKWs zusammengebaut haben. Die Holzfräsmaschine, die sie dafür benutzten, steht im Makerspace am Eingang. Die Cadus-Partnerorganisation, der Kurdische Rote Halbmond, nutzt die Krankenstation nun in Rojava.

Ein Berliner S-Bahn-Torbogen, der für Menschen in krisengeschüttelten Regionen, etwa in Syrien, lebensverändernd sein kann: die Cadus-Zentrale in Friedrichshain

Was Cadus ebenfalls entwickelt hat, ist ein Verbrennungsofen für medizinische Geräte. In Krisenregionen gibt es selten Möglichkeiten, infektiösen Müll zu entsorgen. Andere Projekte sind noch in der Entwicklungsphase: Das Air-Drop-Projekt AERU zum Beispiel. Per Flugzeug will Cadus mit ausrangierten Sportfallschirmen Kisten mit Hilfsgütern in abgelegenen Regionen abwerfen. Das Projekt testeten die Macher*innen bereits in der Schweiz.

Derweil muss sich der Verein auch um die Finanzierung kümmern – allein 30.000 Euro Fixkosten muss Cadus pro Monat ausgeben, dabei sind die Projekte im Ausland noch nicht mit einberechnet. Zwar erhält der Verein seit dem Einsatz in Mossul Förderung von internationalen Organisationen, ein großer Teil der Kosten wird allerdings dank Finanzspritzen der Spenderinnen getragen. An die ranzukommen, ist schwierig. „Es ist ein Spendenmarkt, da gibt es leider auch in der humanitären Hilfe Konkurrenz“, sagt Jonas Grünwald. Für die Mitarbeiterinnen bedeutet das, chronisch unterfinanziert zu sein. Mittlerweile kann Cadus zehn von ihnen bezahlen. Viele Mitarbeiter*innen stecken auch ihren Verdienst wieder in das Projekt.

Anruf bei Elisa Stein, 36, Fachärztin für Innere Medizin und Notärztin bei Cadus. Seit fast 20 Jahren ist sie immer wieder in medizinischen Projekten im Ausland tätig, war 2017 in Mossul. Seit drei Jahren arbeitet sie für Cadus. Vor wenigen Wochen kam sie von ihrem Einsatz in Al-Hol in Syrien zurück, dort hat sie dabei geholfen, das Feldkrankenhaus aufzubauen. Stein telefoniert aus dem Zug heraus, die Verbindung knackt. Sie kommt gerade vom „Global Surgery Symposium“ in Lübeck, einer internationalen Zusammenkunft für Chirurgie. „Meine Unterstützung wird in Al-Hol weiter gebraucht“, sagt sie, „es ist sehr schade, nicht mehr da sein zu können.“ Stein hatte in Al-Hol die Krankenhausleitung übernommen, auch sie musste wegen der schwierigen Sicherheitslage gehen. Derzeit führen lokale Kräfte des Kurdischen Roten Halbmonds das Krankenhaus weiter.

Menschenrechte und der IS

In Al-Hol befindet sich ein Geflüchtetencamp, das dramatisch überbelegt ist. Etwa 70.000 Menschen leben derzeit dort, ausgelegt war es ursprünglich für 20.000. Das Camp wird ständig erweitert, die hygienische Lage ist schlecht. Ein großer Streitpunkt: Im Camp leben tausende Menschen, die sich dem IS angeschlossen hatten, als kurdische Gefangene – die Gefahr besteht, dass sie fliehen könnten.

Am Anfang, sagt Stein, sei es für sie moralisch schwierig gewesen, potenzielle IS-Anhängerinnen zu behandeln – wie auch schon 2017 in Mossul. „Aber als humanitäre Helferinnen gehört es nicht zu unseren Aufgaben, über die Menschen zu richten und sie zu verurteilen“, sagt Stein. Dass die Gefangenen überleben, sei ihr Menschenrecht. Die Verurteilung sollen Gerichte übernehmen. „Zumal der Großteil unserer Patienten Kinder und Babies sind, die defnitiv keine Schuld trifft.“

Indem sie die  IS-Anhängerinnen behandeln, unterstützen die Helferinnen indirekt auch die Kurden, so Stein. Diese seien von der internationalen Gemeinschaft mit deren Versorgung alleingelassen worden – obwohl IS-Anhänger*innen ihre Familien und Freunde terrorisiert und umgebracht haben. Medienberichten zufolge erlebt der IS in Al-Hol derzeit ein Comeback. Die Menschen dort haben wenig Perspektive – ein Nährboden für Extremismus. „Wir versuchen, der fortschreitenden Radikalisierung im Camp etwas entgegen zu setzen“, sagt Stein. Dafür will sie den Menschen mit Offenheit begegnen und andere Lebensmodelle aufzeigen.

Im Konferenzraum von Cadus stehen Club-Mate-Flaschen auf einem langen Tisch. Eine Karte der irakisch-syrischen Grenze hängt an der Wand. Der Krankenhausbetrieb funktioniere, sagt Projektmanagerin Nora Wagner. „Wenn das syrische Regime übernimmt, können wir aber nicht mehr sicherstellen, dass unser Projekt fortlaufen kann.“ Dann ist ungewiss, ob die selbstverwaltete Autonomieregion bestehen bleibt. Was passiert dann mit den Mitarbeiterinnen der Partnerorganisationen von Cadus? Auch Helferinnen entsenden, kann der Verein erst wieder, wenn klar ist, welche Regierung übernimmt.

Draußen färbt sich der Himmel rosa, auf der Spree schwimmen ein paar Schwäne nach Hause. Im Cadus-Büro sind die Lichter noch an. Die Computer summen. Sebastian Jünemann legt sich auf das Sofa im Konferenzraum, tippt etwas auf seinem Handy.  „An den Grundproblemen globaler Geopolitik kommen wir auch nicht dran“, sagt er. Ihr Auftrag als humanitäre Helfer*innen: durchhalten, um das Schlimmste zu verhindern.