Der Ortstermin

Dragqueens gucken mit Mama

„Siehst du was?“, frage ich. „Ja, die Dicke mit Kronleuchter aufm Kopp“, antwortet meine Mutter. Wir sind bei der Wahl zur Miss Kotti, Drag Edition. Ausgerichtet wird der Schönheitswettbewerb von ­Pansy Presents, einer Größe der Berliner ­Dragszene.

An Pansys haarigem Oberkörper, der in einem goldenen Korsett steckt, rinnen Schweißbäche ­herab. Gerade sind Mama und ich weiter nach hinten ­gegangen, weil meine Mutter vorne keine Luft mehr gekriegt hat. Kein Wunder: Es ist brechend voll im SO36. Meine Mutter zog nach West-Berlin, als es eine Insel war, und verließ es kurz nach dem Fall der Mauer. Sie tanzte im Trash ein paar Häuser ­weiter und ging zu Acid-House-Partys im Metropol. Aber das ist lange her. Jetzt zeige ich ihr meine Welt, das Berliner Nachtleben von heute.

Problem Nummer Eins: Die Misswahl fängt erst um 23 Uhr an. Genau die Zeit, in der meine ­50-jährige Mutter normalerweise auf dem Sofa einpennt. Heute steht sie um diese Uhrzeit auf der vollen Orani­en­straße und sagt zu jeder dritten Kneipe: „Die gab’s früher auch schon. Aber da war’s nicht so voll.“

Zweites Problem: Das Outfit. Eigentlich sieht meine Mutter ziemlich cool aus, in ihrer schwarzen Jeans mit den silbernen Reißverschlüssen. Trotzdem, sie guckt sich um und stellt fest: ­„Neben den Leuten hier komme ich mir total langweilig vor.“ Im Publikum gibt es viele Netzshirts und hervorblitzende Pobacken zu sehen, glitzernde ­Bärte und farbenprächtige Lidschatten. „Netzshirts kenne ich nur an Dünnen“, sagt meine Mutter. „Schön, dass sich hier jeder darin wohlfühlt.“

Die neue Miss Kotti: Godxxx Noirphiles, weder Mann noch Frau, eine Person of Colour und auf der Bühne präsenter als Beyoncé. Mama findet, sie hat den Sieg verdient.
Foto: Xenia Balzereit

Backstage sitzen die Dragqueens vor erleuchteten Spiegeln, noch ohne Perücken, dafür mit viel Schminke im Gesicht. Martini aus Martinique ­dagegen ist schon fertig mit Schminken und will eine rauchen. Sie sagt: „Mein erstes Drag-Outfit habe ich aus einem Regenschirm gemacht, den ich zum Rock umfunktioniert habe.“

Einen Raum weiter macht sich Veranstalterin Pansy fertig. Die Jury hat sie um sich geschart. ­Darunter Peaches, international bekannte Punk-Sängerin und Vorkämpferin gegen Gendernormen. Ich setze mich neben Peaches, ohne sie zu erkennen und frage mich, wer diese Frau ist, die andauernd Kommentare zu meinen Fragen an Pansy abgibt. „Klar kenn ich Peaches“, wird Mama später sagen. „Du etwa nicht?“ Da ist sie, die Wissens­lücke, die meine Mutter und mich trennt. Was uns heute Abend verbindet: der Spaß.

Mamas einzige Kritik an der Show: Pansy ­redet zu viel. Dabei hat Pansy was zu sagen. Darüber, wie wichtig es ist, als Dragqueen und Transperson sichtbar zu sein, als Vorbild zu fungieren, auch angesichts der 324 Angriffe auf Schwule, Lesben und Transpersonen 2017. Über sexuelle Freiheit, Exzess und die Wichtigkeit von Arztbesuchen danach.

 

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Das Problem: Meine Mutter versteht nur die Hälfte, Pansy moderiert auf Englisch. „Ihr lebt hier in Berlin schon in einer Blase, in der alle Englisch sprechen. Hat ein bisschen was von einer kosmopolitischen Elite“, sagt meine Mutter. Ob das nicht eher ein Generationending sei?, frage ich. Sie antwortet: „Na, dann frag doch mal die Mittzwanziger auf dem Land, deine alten Freunde, wie viele von ihnen ,Game of Thrones‘ auf Englisch gucken.“