WERKSCHAU

Taufrische Reife

Das Festival „Out of now – Dance on“ im HAU bündelt künstlerische Arbeiten mit Tänzern und Tänzerinnen über 40

„Man Made“, Jan Martens Choreografie für das „Dance On“-Ensemble – Foto: Dorothea Tuch

Text: Annett Jaensch

Schauspielern werden auch im hohen ­Alter noch Rollen zugetraut. Musiker dürfen aufhören, wann sie es selbst für richtig halten. Im Bühnentanz hingegen ist deutlich früher Schluss mit Engagements: durchschnittlich mit 40, im klassischen Ballett sogar noch früher. Dieses Meinungsbild zum vermuteten Karriereende in den darstellenden Künsten brachte eine Zuschauerbefragung der Initiative „Dance on“ zutage. Und war ein Volltreffer, was die Realität in der Tanzwelt angeht.

Doch dass der künstlerische Ausdruck auch in dieser Sparte kein Verfallsdatum hat, hat bereits das renommierte Nederlands Dans Theater bewiesen, das 25 Jahre lang eine eigene Kompagnie nur mit Tänzern über 40 unterhielt, bis diese 2006 eingespart werden musste. Aber auch etliche Choreografen-Tänzer denken jenseits der 40 partout nicht ans Aufhören, Anne Teresa De Keersmaeker etwa tanzt auch noch mit 57, den Rekord hält vermutlich der japanische Butoh-Pionier Kazuo Ohno, der noch mit weit über 90 über die Bühne tanzte.

Dass Tanz kein Alter kennt, sondern Reife hohe Sprünge ersetzen kann, davon ist auch die Projektinitiatorin Madeline Ritter überzeugt. Zusammen mit der Tänzerin Riccarda Herre schob sie im Jahr 2015 ­„Dance on“ mit dem Ziel an, ein Repertoire für ein Ensemble mit Tänzern und Tänzerinnen über 40 zu entwickeln. Sie und ihr Team trafen damit ganz offensichtlich einen Nerv. „Wir haben Einladungen bekommen, da gab es weder das Ensemble noch die Choreografen“, erzählt Ritter.

Rund zwei Jahre und 104 Vorstellungen in 13 Ländern später lässt sich beim Festival im HAU in geballter Form erleben, was „Dance on“ bisher auf die Beine gestellt hat. Ein Programm mit ausdrücklich alterssensitiven Themen ist allerdings nicht zu erwarten. Darum geht es den Machern auch gar nicht. „Zeitgenössische Künstler suchen die Herausforderung“, betont Christopher Roman, der künstlerische Leiter der Kompagnie. „In diesem Alter möchte man nicht mehr nur die Dinge wiederholen, die man bisher gemacht hat.“

Stilistisches Wechselbad

Roman, 47, der selbst lange bei ­William Forsythe tanzte, erkundet gemeinsam mit Brit Rodemund, Ty Boomershine, Jone San Martin und Frédéric Tavernini das Feld der Möglichkeiten, das dieses Projekt bietet. Die Kooperation mit Choreografen, die teils extrem diverse Handschriften pflegen, hat bislang elf Produktionen hervorgebracht.

Der Eröffnungsabend taucht in ein stilistisches Wechselbad ein: Das Duett „Catalogue“ von William Forsythe schichtet einen architektonischen Dialog der Bewegungen auf. Der junge belgische Shooting-Star Jan Martens wiederum schneiderte dem Kollektiv mit „Man Made“ eine hypnotisierende Collage zu elektronischer Musik auf den Leib. Und schließlich steuert Rabih Mroué, libanesischer Regisseur und Video-Künstler, noch die Premiere von „Elephant“ bei.

Ein Highlight im Programm verspricht auch der Beitrag der Choreografin Deborah Hay zu werden. Die 1941 geborene US-Amerikanerin, die Tanz als Form des politischen Aktivismus sieht, lotet in „Tenacity of Space“ das Zusammenspiel von Stille und komplexer Spannung aus.

Einen breiteren Dialog zum Wert des ­Alters in der Gesellschaft anzustoßen, auch das ist erklärte Absicht von „Dance on“ und lädt zu weiterführenden Workshops und Gesprächsrunden während des Festivals ein. Normalität statt Kuriositäten-Status, das wünscht sich Madeline Ritter für die Tanzkunst jenseits der 40: „Die ­Zielvorgabe ist, dass es irgendwann kein Thema mehr ist.“ Dann also tänzerisch auf in die nächsten Dekaden. 

28.2.–4.3., HAU 1–3, Stresemann­str. 29, Hallesches Ufer 32, Tempelhofer Ufer 10, Kreuz­berg. Eintritt 12–15 €, Kombiticket: drei Vorstellungen 30 €, www.dance-on.net