Erlebnisbericht

Paddeln in Brandenburg: Die schönste, schrecklichste Route

Ziemlich genau 15 Jahre ist es her, da wurden ausgerechnet die unsportlichsten Zitty-Redakteure Lutz Göllner (damals Literatur), Martin Schwarz (Kino) und Friedhelm Teicke (Bühne) beauftragt, im Nordwesten Brandenburgs eine Paddeltour für das damalige Sonderheft Brandenburg durchzuziehen. Als vierten Mann holten sie sich den langjährigen Kinoautor Gerald Jung buchstäblich mit ins Boot. Die Tour wurde eine derartige Tour de Force, dass wir sie den Leser*innen noch einmal präsentieren möchten.


Richtig erholsam und idyllisch ist eine Paddeltour immer nur dann, wenn man sich abseits der Motorbootrouten bewegt. So wie hier im Drosedower Bek. Foto: Friedhelm Teicke
Richtig erholsam und idyllisch ist eine Paddeltour immer nur dann, wenn man sich abseits der Motorbootrouten bewegt. So wie hier im Drosedower Bek – Foto: Friedhelm Teicke

Von und mit Lutz Göllner, Martin Schwarz und Friedhelm Teicke

Der erste Tag: Schon während der Anreise bahnt sich Konfliktpotenzial an. Filmredakteur Schwarz will uns anscheinend mit dem Gesamtwerk seiner Lieblingsband vertraut machen. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt – Die Ärzte singen gerade „Erklär dem Piercing-Studio den Dschihad“ – steigen wir in Kleinzerlang aus dem Wagen. Theaterredakteur Teicke sucht sofort den Kontakt zu einer Einheimischen. Seiner Begrüßung „Tach, wir sind aus Berlin“ schleudert die Kajakvermieterin vom natour-Bootsverleih lakonisch ein „Schön, ich auch“ entgegen. Die Einheimischen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Bevor wir uns ins Flussbett stürzen, wollen wir unser Nachtlager richten. Die pfiffige Planung besagt, unser Quartier auf einem Campingplatz auf halber Strecke vorab aufzuschlagen. So brauchen wir erstens nicht unsere Zelte und Schlafsäcke mitzuschleppen und uns zweitens nach der Ankunft nicht noch mit dem Zeltaufbau abzuplagen. Wir finden einen Campingplatz, ungefähr fünf Kilometer Luftlinie von unserer Ablegestelle entfernt, am nördlichen Ende des Rätzsee, der wiederum am südlichen Ende der Mecklenburgischen Seenplatte liegt.

Göllner, Jung und Teicke beschließen, sich Gerald Jungs Viermannzelt zu teilen. Eine weise Entscheidung, denn als Schwarz beginnt, das Auto zu entladen, stellen wir fest, dass der Kollege seine halbe Wohnungseinrichtung mitgebracht hat – samt Matratze und Kuscheltier. Das alles stopft er in sein Einzelzelt.

Wir fahren zurück an den Kleinen Paritzsee zu unseren frisch gemieteten Kajaks, wo wir die Tour bei strahlendem Sonnenschein starten. Schon nach 50 Metern beginnt Mecklenburg-Vorpommern und Theaterredakteur Teicke mit einem seiner berüchtigten Beatles-Medleys: „We all live in a yellow submarine.“ Als wir in den Canower See einbiegen, teilen wir uns das Gewässer noch mit Ruderbooten und Motorschiffen aller Art. Erst hinter der Canower Schleuse – in der wir übrigens fürs Leben lernen, dass die Reihenfolge „Motorschiffe vor muskelbetriebenen Booten“ gilt – und hinter dem Labussee trennen sich die Wege der Motorboote und der Paddler.

Und hier fängt das vormalige Ruder-As Göllner erstmals an, seine Teilnahme zu bereuen. „Alles können sie erfinden, aber keine Kajaks mit Hilfsmotor!“ Dennoch bleiben wir guten Mutes, auch angesichts dessen, was sich derweil schwarz wie eine Sonnenfinsternis am Horizont zusammenbraut, als wir die Diemitzer Schleuse erreichen.

Duschen im Kajak

Mit Schleusen ist das so: Man fährt rein, wartet, bis das Wasser auf einen gewissen Pegel gefallen oder gestiegen ist – und fährt dann wieder raus. Das ist eine praktische Erfindung, funktioniert seit Jahrhunderten und soll auch nicht weiter kritisiert werden. Was die Erfinder der Stauwehre nicht bedacht haben: Wo bitteschön stellen sich Ruderer unter, wenn sie inmitten einer Schleuse von einem Unwetter überrascht werden? Wenn es kein Vor und Zurück gibt und vor allem kein Heraus? Und wenn der Schleusenwärter anscheinend vorhat, den Wasserpegelausgleich dem heftig prasselnden Regen zu überlassen?

An der Dollbecker Schleuse, vor dem Wolkenbruch. Foto: Uwe Schwarze

Da sitzen wir also in unseren Kajaks und duschen. Das Gesicht des Literaturredakteurs Göllner spiegelt den Wunsch nach einem sofortigen Amoklauf, gemischt mit voluminöser Verzweiflung: „Komm mit in die Müritz, haben sie gesagt. Fröhlich paddeln, haben sie gesagt. Gaaaanz toll das, haben sie gesagt.“ Man muss das verstehen. Die Hippies, die 68er, die Mauer und auch die Love Parade hat der Mann überlebt, um jetzt in einer Mecklenburger Schleuse zu ersaufen.

Irgendwann besinnt sich der Schleusenwärter seiner Pflicht, rennt durch den Regen zum Schleuse-öffne-dich-Schalter. Wir scheren uns einen Dreck um die zuvor gelernte Regel „Motor vor Muskel“ und rudern, was das Zeug hält, unter die gleich hinter dem Stauwehr auftauchende Diemitzer Brücke. Hier lernen wir die nächste Lektion: Eine Brücke hilft nur bedingt bei Regen, wenn man bereits völlig durchnässt ist.

Also machen wir, dass wir schleunigst Land gewinnen. Nur 30 Meter neben dem Ort unserer feuchten Folter betreten wir das Gasthaus von Biber-Tours, in dessen Eingangsfoyer sich ein munteres Völkchen in zwei Hälften teilt. In trockene Radwanderer und triefnasse Ruderer – uns. Spätestens jetzt wird die pfiffige Idee in Frage gestellt, die trockenen Ersatz-Klamotten zehn Kilometer flussaufwärts auf einem Campingplatz zu lagern. Im Haus befindet sich ein kleiner Outdoor-Shop, der an diesem Tag erfolgreich einen seiner Ladenhüter los wird. Kollege Göllner kauft ein knallrotes T-Shirt, XXL und trocken. Wir essen ein Süppchen und spülen unser nasses Abenteuer mit Bier und Kaffee herunter.

Von wegen Fontane

Das Paddeln in einem Kajak erweist sich jedoch als schwieriger als erwartet. Langsam dämmert es dem Literaturredakteur, warum der Brandenburg-Wanderer Fontane so gar nichts übers Wasserwandern geschrieben hat. An der Fleether Mühle müssen wir die schweren Kajaks dann 50 Meter über eine Straße tragen. Dafür kommt Südstaaten-Feeling auf: Die Sägemühle von 1802 ist nur noch eine verbrannte Ruine; Göllner erkundigt sich kurz, ob es im Osten auch den Ku-Klux-Klan gibt.

Bei leichter Gegenströmung auf dem Fluss Oberbek zwischen Vilz- und Rätzsee wird die Paddeltour zum ersten Mal richtig idyllisch. Eingebettet von Schilfgürteln und Bäumen schlängelt sich der Strom gemächlich durch Wald und Feld. Gelegentlich sieht man Haubentaucher. Auch ein paar verstreute Enten schwimmen vorbei, lassen sich von Göllner aber nicht zu einem chinesischen Abendessen einladen.

Am Rätzsee, Kanuten Lutz Göllner (vorn) und Friedhelm Teicke. Foto: Schwarz

Nach knapp einem Kilometer geht es in den Rätzsee. Das motorbootfreie Gewässer präsentiert sich nach dem beschaulichen Flüsschen als eine sich unendlich erstreckende Wasserfläche. Der Wind weht aus Norden. Gegenwind also. Göllner und Schwarz beschließen erst mal eine zu rauchen. Teicke stimmt „With A Little Help From My Friends“ an. Filmkritiker Jung meint, erstens sei er nicht Teickes Freund und zweitens alles halb so schlimm. Göllner fragt, warum man eigentlich die Zelte nicht gleich rechts auf dem FKK-Zeltplatz aufgebaut habe. Wir blicken auf seinen Astralleib und schweigen.

Als wir am frühen Abend endlich auf unserem Zeltplatz ankommen, sind wir rechtschaffen müde und trinken erst mal ein Bier. Aus der PET-Flasche und schön warm. „Das schmeckt ja ausgebrochen gut“, kalauert Kollege Schwarz. Als es dämmert, zünden wir ein Lagerfeuer an und grillen Würstchen. Es ist Neumond, die Sterne funkeln. Teicke ist bei „Across the Universe“ angelangt.

Der zweite Tag: Am nächsten Morgen werden wir vom Schnarchen des Redakteurs Schwarz im Nachbarzelt geweckt. Zum Frühstück wollen wir am Kiosk des Campingplatzes einen Kaffee kaufen. „Gibt‘s nicht“, wird uns unfreundlich beschieden. „Warum denn nicht?“, hakt Redakteur Teicke nach, „da stehen doch zwei Kaffeemaschinen!“ – „Aber den Kaffee verkaufen wir nicht.“ Der ansonsten durchaus freundliche gebürtige West-Berliner Teicke wird jetzt so richtig fuchsig: „Jahrelang haben wir Kaffeepakete in den Osten geschickt, und jetzt ….!“

Schwarz, Jung und Göllner zerren Teicke vom Kiosk weg, bevor der auch noch die Mauer wieder haben will. Also geht es eben ohne Kaffee wieder raus aufs Wasser. Die nächsten Stunden paddeln wir durch eine der schönsten Landschaften Deutschlands, durch schmale, verwunschene Kanäle, die an die Sumpfgebiete der Mississippi-Bayous erinnern und über unberührte schilfumwachsene Seen inmitten von Wäldern.

Im Abenteuermodus. Foto: Imago/Jürgen Heinrich

Das Motorbootverbot macht die Fahrt auf dem Drosedower Bek (etwa vier Kilometer) zu einem regelrechten Idyll, zum landschaftlichen Highlight unserer Tour. Vorbei an Schilf, Wald- und Auengebieten hat man in der vormittäglichen Stille das Gefühl von unberührter Natur. Teicke unterbricht sogar sein Beatles-Medley. Der Fluss mündet in den Gobenowsee, den wir etwa anderthalb Kilometer entlang paddeln bis zur Einfahrt in die Dollbeck, die uns nach einem Kilometer wieder zum Labussee bringt, den wir am Vortag ja bereits in westlicher Richtung überquert hatten. Hier hat das Idyll ein Ende, Motorschiffe tuckern die Müritz-Havel-Wasserstraße entlang.

Aufkommende Verklärung

In den zwei Tagen unserer Tour tauschen wir immer wieder die Zweier-Kombination der Kajaks. Aber egal in welcher Zusammensetzung wir rudern – das Boot mit Göllner ist immer Schlusslicht. Jung und Teicke trinken deshalb längst ihren verspäteten Morgenkaffee in einem Fischlokal kurz vor der Canower Schleuse, als Schwarz und Göllner endlich anlanden. Es sieht erneut nach Regen und Göllner nicht so glücklich aus.

Als wir wieder bei unserer Boots-Vermieterin in Kleinzerlang ankommen, wird auch klar, warum sich das eine Boot so schwer lenken ließ: Irgendwann, vermutlich gleich beim Reintragen, war das Blatt verbogen worden. Auf der Rückfahrt hören wir das restliche Oeuvre von Die Ärzte.

Schon einige Tage später setzt bei Göllner der Verklärungsprozess ein. „Lasst uns das nächstes Jahr wieder machen“, sagt er im Gegensatz zu seiner sonstigen Gewohnheit völlig unironisch. Teicke summt „Mother’s Nature Son“ und Schwarz plant bereits den Proviant. Nur Jung schaut skeptisch.


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