Pädophilie-Debatte

Pädophilie in der zitty

Als Sprachrohr der alternativen Szene debattierte zitty 1979 über die Straffreiheit von Sex mit Kindern. Wie kam es dazu?
Text: Daniel Boese

„Liebe mit Kindern – darf man das?“. Diese Frage prangte auf dem Cover der zitty-Ausgabe 26/1979, erschienen am 13. Dezember jenes Jahres. Die provozierende Frage wurde in der ganzen Republik wahrgenommen. „Emma“,„Spiegel“,„konkret“ und der Rundfunk des WDR zitierten „das West-Berliner Szene-Magazin“ in den folgenden Monaten, wenn es um die Debatte um Pädophilie und die Lobby der „Pädo-Sexuellen“ ging.

Zitty wurde neben der „tageszeitung“ und dem Frankfurter Stadtmagazin „Pflasterstrand“ von anderen Medien als das Beispiel angeführt, wie eine Kampagne von Pädophilen in der breiten Öffentlichkeit die Straffreiheit von Sex mit Kindern einforderte. War zitty ein Forum für Pädophile?

Die Frage ist heute Teil einer breiteren Debatte: Im April diesen Jahres hat die „taz“-Redakteurin Nina Apin mit einem Text über „Pädo-Aktivisten im linken Milieu“ die Aufarbeitung der Frage, wie Pädophilie im alternativen Milieu der 70er und 80er Jahre salonfähig werden konnte, in Gang gesetzt. „Die sexuelle Neigung Erwachsener zu Kindern galtumindest in den Anfangsjahren der Zeitung als ‚Verbrechen ohne Opfer’“, hat Apin geschrieben. Neben der „tageszeitung“ seien auch zitty und „konkret“ Foren für die Selbstdarstellung von Pädophilen gewesen und hätten mit ihnen sympathisiert.

Hintergrund des Interesses an diesem Teil der Geschichte der alternativen Szene ist die Aufdeckung erschreckender Serien von Missbrauchsfällen seit Anfang des Jahres. Der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Klaus Mertes, hatte im Januar in einem Brief an Schüler und Ehemalige eine Reihe von Missbrauchsfällen durch Lehrer an dem katholischen Gymnasium aufgedeckt. Mit der Veröffentlichung des Briefes im „Tagesspiegel“ kamen Berichte und Ermittlungen über sexuellen Missbrauch von Kindern in ganz Deutschland ins Rollen. Nicht nur an katholischen Institutionen ,sondern auch an der reformpädadagogischen Odenwaldschule in Hessen. Und in den Kreisen der früheren links-alternativen Szene.

Als Reaktion auf den Beitrag der „tageszeitung“ hat die heute 55-jährige Anja Röhl, Tochter von „konkret“-Gründer Klaus Rainer Röhl im Mai im „Stern“ beschrieben, wie sie als Kind von ihrem Vater sexuell missbraucht worden sei (Stern Nr. 19/2010). In einem Beitrag für den„Spiegel“ berichtete dreieinhalb Wochen später auch Röhls zweite Tochter, die 47-jährige Publizistin Bettina Röhl, von sexuellen „Übergriffen“ ihres Vaters in ihrer Kindheit. Die Tochter von Ulrike Meinhof und Halbschwester von Anja Röhl schreibt, zwischen 1970 und 1973 habe ihr Vater manche Abende „mit einem Zungenkuss als Gute-Nacht-Abschied“ beendet. Als sie elf Jahre alt gewesen sei, habe Klaus Rainer Röhl seine Hände „nicht mehr zuverlässig in seiner Sphäre“ behalten. Klaus Rainer Röhl streitet die Vorwürfe seiner Töchter ab. Juristisch sind die vorgeworfenen Straftaten längst verjährt.

Was Röhl aber nicht abstreiten kann, sind die in „konkret“ unter seiner Verantwortung erschienenen Texte. So stand etwa im August 1971 in einer Titelgeschichte: „Vorsicht: Minderjährig! Über 1.000 Männer müssen Jahr für Jahr ins Gefängnis, abgeurteilt nach dem Strafgesetz-Klischee: Böser Onkel verführt kleines Mädchen. Doch mehr als die Hälfte der Fälle läuft in Wirklichkeit andersrum: Kleines, scharfes Mädchen verführt dummen, scharfen Onkel.“

Die Forderung nach Straffreiheit

Gleichzeitig geht die Aufklärung der vielfältigen und unterschiedlichen Missbrauchsfälle weiter und die Debatten über Hintergründe, Ursachen und das jahrelange Wegsehen werden weitergeführt. Für zitty ist es wichtig, detailliert zu klären, in welcher Form das Magazin eine Plattform zur Selbstdarstellung von Pädophilen war. Inwieweit unterstützten Redakteure die Forderung nach Straffreiheit?

Der Blick ins Archiv zeigt: Nur einmal stellte zitty das Thema Pädophilie groß und offensiv dar, im besagten Heft aus dem Dezember 1979 – aber das geschah auf eine Art und Weise, die es in sich hatte.

Unter der Überschrift „Wer ist hier pervers?“ schrieb Wolfgang Spielhagen, seinerzeit einer der verantwortlichen Redakteure bei zitty, gegen das Feindbild des „Kinderschänders“ an: „In unserem Land [gibt] es eine große ‚Minderheit’, die wesentlich schärfer untergebuttert [wird], als alle anderen von der sexuellen Alltagsnorm abweichenden Gruppen: die Pädophilen.“ Im Text wurde diese Passage zwar als Zitat von „Schwulen aus der AHA (Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft e.V.)“ angegeben, aber Spielhagen machte sich auf den folgenden Seiten diese These zueigen, indem er sie mit zahlreichen Beispielen aus der Lebenswelt von Pädophilen anreicherte.

Aus heutiger Sicht ist es erschreckend, wie offensiv und naiv er Partei für die vermeintlich unterdrückten Pädophilen ergriff – und die Frage nach den Opfern und ihrem Leid völlig ausblendete.

In den folgenden Heften bis weit ins Frühjahr 1980 wurde auf den Leserbriefseiten der zitty heftig über die Ausgabe diskutiert. Von den Leserinnnen und Lesern gab es klaren und eindeutigen Widerspruch, aber die Redaktion räumte auch bekennenden Pädophilen Platz ein, und gab ihnen Gelegenheit, Jugendliche zur Kontaktaufnahme einzuladen.

Davon abgesehen wurde das Thema Pädophilie in den folgenden Jahren nicht noch einmal auf diese Weise aufgegriffen. Es gab bis in die 90er Jahre immer wieder Berichte über sexuellen Missbrauch – aber dabei nahmen die Autoren nicht die Perspektive der Täter ein, sondern stellten das Erleben der Opfer in den Vordergrund.

Zitty 1979: „Wer ist hier pervers?“

Es dürfte nicht zuletzt das Titelbild der zitty aus dem Dezember 1979 gewesen sein, das den Eindruck festigte, zitty führte eine Kampagne für Pädophilie. Die Zeichnung des Illustrators Torsten Tellmann zeigt zwei seltsam konturlose aufeinander liegende menschliche Figuren. Schon während der Produktion des Heftes war dieses Bild in der Redaktion der zitty heftig umstritten und wurde mehrfach überarbeitet. In Kombination mit den elf Seiten im Inneren des Hefts sorgte das Bild dafür, dass zitty in den Medien damals als Unterstützer von Pädophilen-Aktivisten angesehen wurde.

Die Menge und der Charakter der Texte in Heft 26/1979 sind verstörend: Neben dem Aufmacher-Text des zitty-Redakteurs schrieb der Pädophilen-Aktivist Olaf Stüben über den „Phili-Sound“. Stüben war Mitglied der DSAP, der „Deutschen Studien- und Arbeitsgemeinschaft für Pädophilie“. Er hatte einen Monat vorher schon in der „tageszeitung“ das Manifest „Pädophilie: Verbrechen ohne Opfer“ veröffentlicht. In der zitty beklagte er die Unterdrückung der Pädophilen durch Wissenschaft, Justiz und Gesellschaft: „Was wollen wir denn eigentlich ausdrücken? Doch nichts weiter als handgreifliche Sympathie zwischen einem jüngeren und einem älteren Menschen, die auch nicht vor dieser magischen Gürtellinie haltmacht. Warum sollte sie auch?“

Neben Stüben schrieben zwei weitere bekennende Pädophile: Eine 19-jährige Yvonne, ohne Nachnamen, berichtete von ihrer drei Jahre zurückliegenden Beziehung zu einer Neunjährigen. Und unter dem Pseudonym „Uwe Kroll“ schrieb ein weiterer Pädophiler über das „Objekt meiner Sehnsucht“, seine „glühende Knabenverehrung“. Es folgte eine Selbstdarstellung der West-Berliner Pädophilengruppe DSAP: „Uns gibt es wirklich“. Sie nannte am deutlichsten in der ganzen Ausgabe die Forderung nach Straffreiheit: „Wir fordern daher als Voraussetzung für freie und selbstbestimmte Beziehungen zwischen allen Menschen die Entkriminalisierung jeglicher sexueller Handlungen, soweit sie im Einverständnis der Beteiligten erfolgen.“

Die Redakteure von zitty vermieden jede direkte Aussage in diese Richtung, sie argumentierten indirekt-provokativ durch Fragen und Zitate. In der Tat bot zitty also bekennenden Pädophilen eine Bühne zur Darstellung ihrer Forderungen und ihrer Wunschvorstellungen. Die Frage nach den Opfern tauchte in dieser Ausgabe nicht auf.

Danach folgte noch ein polemischer Überblick über das Sexualstrafrecht und eine Rezension des im Eigenverlag erschienenen Buches eines Pädophilen, Jürgen Reinackers „Befreiung der Kindheit“. Verfasst hatte die Kritik der zitty-Autor Jochen Wittig unter dem Titel „Sweet Little Sixteen. Bemerkungen zu (aber nicht nur) einem Buch über Pädophile“. Wittig schrieb im Gestus des Tabubrechers: „Da ist sie wieder die Schimäre der unschuldigen Kindheit und die dazugehörige Trennung der Altersklassen: ein 40-Jähriger hat halt mit einer 14-Jährigen nicht gemeinsame Sache zu machen, sonst ist er ein Schwein.“

Aus den Texten der zitty-Mitarbeiter Wittig und Spielhagen wird vor allem deutlich, dass sie damals keinen Unterschied sahen und machten zwischen Pädophilen und anderen Gruppen aus der alternativen Szene: Schwulen, Hausbesetzern oder Kiffern. zitty verstand sich als Sprachrohr der Szene, in jeder Ausgabe erhielten Initiativen und Gruppen ausgiebig Platz zur Selbstdarstellung – beispielsweise die zahlreichen Bürgerinitiativen oder die „Instandbesetzer“ aus der Hausbesetzerszene. Spielhagen schreibt in seinem Text auch von 20 Pädophilen, „die wir im Oktober 1979 zur Aussprache in die zitty-Redaktion baten“.

Solche Treffen am Redaktionstisch mit Initiativen waren übliches Recherchemittel. Spielhagen war aus der Szene angesprochen worden und hatte das Anliegen aufgenommen. Das Thema wurde nicht fortgesetzt: Als Jochen Wittig Anfang 1980 vom Gründungskongress der Grünen in Karlsruhe ebenfalls in einer Titelgeschichte berichtet, ließ er die Besetzung des Podiums durch die pädophile „Indianerkommune“ unerwähnt.

Es waren offensichtlich zwei Faktoren, die dazu führten, dass Pädophilie in der zitty umfangreich präsentiert wurde: Einerseits eine lautstark auftretende Gruppe, die sich als zu Unrecht kriminalisierte Bewegung darstellte und Straffreiheit forderte. Andererseits die Leidenschaft für Tabubrüche aller Art, in der alle gesellschaftlichen Verbote in Frage gestellt wurden.

Kritik am Tabubruch

Die Provokation ging auf. Noch im Juli 1980 sah der „Spiegel“ zitty als Vorreiter: „Mit massiver Propaganda suchen nun die von solcher Rechtsprechung sich verfolgt Fühlenden, die betreffenden Strafbestimmungen vom Tisch zu bringen. Vorredner in diesem […] Kampf […] sind vor allem die Tageszeitung ‚TAZ’ und das Szenenblatt ‚Zitty‘ in Berlin. Beide nehmen sich des Pädo-Problems in Fortsetzungsreihen an.“ Das war zwar nicht korrekt, fortgesetzt wurden nur die Leserbriefe, unterstreicht aber den bleibenden Eindruck der Ausgabe.

Wobei auch im alternativen Spektrum schon 1980 sehr klare, harte und präzise Kritik an zitty (und anderen) geäußert wurde. In der „Emma“ gab es ein langes Gespräch zwischen Alice Schwarzer und dem Sexualforscher Günter Amendt, das die blinden Stellen und Denkfehler in der Debatte deutlich zeigte. So sagte Schwarzer: „Das Frappierende an dieser sich progressiv gebärdenden Pädophilie-Diskussion in linken Szene-Zeitungen wie Zitty oder TAZ ist, daß neben dieser ganz unverhüllten Beschreibung von Kindern als Objekten der total aufgesetzte Anspruch steht, Pädophile seien Kinderbefreier … Und noch nicht einmal in Ansätzen fragen die Pädophilen sich selbst nach ihren Motiven für ihr zwanghaftes Fixiertsein auf Kinder.“ Schwarzer sagte deutlich, dass sie die Forderung nach Straffreiheit für falsch hielt.

Günter Amendt kritisierte ähnlich hart und deutlich in „konkret“ und dem Sonderheft „Sexualität konkret“ die Sympathie für Pädophile. Er betonte dabei, dass es die Tabubrüche seien, die die alternative Szene am Thema Pädophilie gereizt hätten. Wenn man heute mit Amendt über die Debatte sprechen will, verweist er nur auf seine Texte von damals, denen habe er nichts mehr hinzufügen. Zu Sexualpolitik äußere er sich nicht mehr.

Der ehemalige Redakteur Wolfgang Spielhagen will sich heute zu seinen Texten nicht mehr äußern. Die Bitte der zitty um ein Gespräch beantwortete er per Mail: „Mit Journalismus hat [die Ausgabe von 1979] ja herzlich wenig tu tun. Peinlich. Teilen der Linken war damals jedwedes Verbot durch Polizei, Justiz und andere Autoritäten per se verdächtig.“

Günter Amendts Analyse, Tabubruch um jeden Preis sei die Motivation gewesen, teilt auch der damalige Autor Jochen Wittig. Er arbeitet heute als Wort-Chef bei RadioEins. „In der linken Szene galten Tabubrüche als schick. Daniel Cohn-Bendit bekannte, dass er im Kinderladen von Minderjährigen auch mal angefasst wurde und das normal fand. Heute denkt man, um Gotteswillen, wie leichtfertig ist die Szene mit diesem Thema umgegangen. Da gab es keine Opferdebatten zum Thema Pädophilie, überhaupt nicht.“

Es sei ein Aufschrei gegen das prüde Deutschland gewesen, der Sexualität als Befreiungsakt sah und der Pädophilen in die Hände gespielt habe. Ähnlich naiv sei man auch an Drogen und Gewalt im bewaffneten Widerstand herangegangen – alles sei ausprobiert worden. Wittig: „Es ist schwierig, das heute nachzuvollziehen, was damals so diskutiert worden ist. Das kann man heute sehr befremdlich finden.“

Man kann nicht nur, man muss.

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