FREIE SZENE

Leistungsschau von unten

Das Performing Arts Festival steht in seiner 4. Ausgabe erstmals unter einer neuen Leitung. Über 100 Produktionen an 64 verschiedenen Orten sowie zahlreiche Netzwerkformate umfasst das sechstägige Programm

Szene aus „Reflection“ von Isabelle Schad im HAU 1 – Foto: Dieter Hartwig

Text: Tom Mustroph

Wer neu nach Berlin kommt, sieht die Stadt meist schärfer. Aus München kommend, fiel Sarah Israel in Berlin zunächst Aggressivität und Armut auf. „Diese Probleme führen aber auch zu ganz neuen Bewältigungsstrategien“, meint die 1982 geborene Dramaturgin. Israel will als neue künstlerische Leiterin das Performance Arts Festival (PAF) von der Präsentationsplattform stärker in ein „Selbstreflektions-Tool“ der Szene umwandeln und dabei das Publikum nicht vergessen. Die Berliner Freie Szene findet sie größer, vielfältiger – und prekärer. In München bekäme man in der Einzelprojektförderung noch Budgets von 100.000 Euro komplett von der Stadt finanziert, meint sie. In Berlin undenkbar.

Jetzt gestaltet Israel hier für drei Jahre die Leistungsschau der hiesigen Szene. Es ist ein Festival von unten. Kein Kurator entscheidet. Wer auftreten will, muss sich nur rechtzeitig bewerben. In diesem Jahr allerdings durften nur die Veranstaltungsorte einreichen, nicht die Künstlerinnen selbst. Damit erhofft sich das PAF eine größere Verantwortung der Häuser inklusive einer Gage für die von ihnen ausgewählten Künstlerinnen. Die prekäre Arbeitssitua­tion ist ein Dauerthema.

Ästhetisch bildet das vom LAFT (Landesverband freie darstellende Künste Berlin e.V.) veranstaltete Festival wieder die ganze Breite der Berliner Szene ab, von eher narrativ angelegtem Kindertheater über performative Klassikeradaptionen, experimentelle Musiktheaterformate bis hin zu schrilleren Performances.

Die größeren Produktionshäuser präsentieren Stammkünstlerinnen, das HAU etwa die Szenegrößen Gob Squad (29., 30.5.+1.6.) und Isabelle Schad (30.5.-2.6.). Der Theaterdiscounter ist mit dem Reichsbürger-Event „Staatenlos“ von der Gruppe internil am Start (29.5.). Im Ballhaus Ost gibt es „Unendlichen Geschichtenspaß“ der schrägen Puppenspieler Das Helmi (30. + 31.5.) und Prinzip Gonzo lädt in „Fleck und Frevel“ zu einem Immersionsevent nach Dostojewski ein (31.5., 2.6.).

Tanzen mit Pflanzen

In den Sophiensaelen lockt Florentina Holzingers „Apollon“ – ein Tanzabend über Frauenbilder mit Freak Show- und Fitness Center-Elementen, Nacktheit und Cyborg-Stierkampf (1. + 2.6.). Das queerfeministische Theaterkollektiv Henrike Iglesias führt in „Oh My“ auf einen Pornofilm-Set (29.+30.5.). Ungewöhnlichere Orte sind der Botanische Volkspark in Pankow, wo das Tanzduo Angela Schubot & Jared Gradinger mit Pflanzen interagiert (1. + 2.6.) und der Rummelsburger Club Sisyphos, in dem die Musikthea­tertruppe Tutti d‘amore Jacques Offenbach auseinandernimmt (29.5.).

Mit dem Haus der Statistik als Festivalzentrum und der Alten Münze als Präsentationsort des Showcase-Formats „Berlin Diagonale“ sind zwei Standorte ins PAF integriert, die exemplarisch für den Kampf um Räume in dieser Stadt stehen. Über diese Akzentsetzung freut sich die neue Festivalchefin natürlich.

Ihre Aufgabe sieht Sarah Israel vor allem darin, die Zugänge zum prallen Angebot durch Konzentration zu verbessern. Die „PAF Packages“, Führungen von Akteurinnen der freien Szene, sind jetzt abgespeckt, von früher drei Produktionen pro Tour auf zwei. Aber auch der Austausch untereinander und das Herausfinden von Motivationen und Bedürfnissen ist ihr wichtig. „Als Festival sollten wir nicht fragen, was die Künstler*innen für uns tun können, sondern was das Festival für sie tun kann“, lautet ihr Anspruch.

Klassische Aktivitäten wie Öffentlichkeit herstellen, Vernetzen, internationale Produzenten einladen und professionelles Feedback gehören ohnehin zum Anspruch des PAF. Für das Berliner Publikum besteht für Israel der Reiz darin, „geballt neue Produktionen und bisher noch nicht bekannte Orte zu entdecken“.

28.5. bis 2.6., Haus der Statistik, HAU 1–3, Ballhaus Ost, Sophiensaele und 58 weitere Orte,
Eintritt je nach Event 0–17, erm. 0–10 €, www.performingarts-festival.de