FREIE SZENE

Geballte Vielfalt

Sechs Tage, 71 Spielorte, etwa 150 Produktionen – das Performing Arts Festival, eine Mischung aus alternativem Theatertreffen und Gallery Weekend zeigt eine Woche lang den Stand der Dinge

Im „Bondage Duell“ trifft Tanz auf japanische Fesselkunst (Sophiensaele) – Foto: Brian Morrow

Text: Tom Mustroph

Die Funktion des Kurators ist in Verruf geraten. Eingeschränkte Blickwinkel und Machtkonzentration werden vielen Programm-­Machern vorgeworfen. Das Performing Arts Festival (PAF) weist einen Weg aus der Krise. „Es ist ein dezentrales und nicht-kuratiertes Festival“, betont Mit-Organisatorin Susanne Chrudina. „Weil wir eine enorm große und vielfältige Freie Szene in Berlin haben, ist es nicht angemessen, dass eine Gruppe von Leuten festlegt: ,Das hier ist die Freie Szene‘.“

Die Regisseurin ist Mitgründerin des LAFT, der Interessensvertretung der Freien Kulturschaffenden Berlins, die 2016 das Festival aus der Taufe hob. Das Programm schrieb sich durch einen Open Call gewissermaßen selbst. „Beteiligen kann sich jeder professionell arbeitende Künstler aus Berlin. Es muss aber eine echte Produktion sein, kein Workshop-Ergebnis zum Beispiel“, sagt Chrudina.

140 Produktionen sind jetzt zu sehen. Hinzu kommen die neun Projekte der Nachwuchs-Plattform „Introducing“, die von den Produktionshäusern HAU (6.6.), Sophiensaele (7.6.), Ballhaus Ost (8.6.) und Theaterdiscounter (9.6.) entwickelt wurde. Dieses Nachwuchs-Spotting ist damit eine kuratierte Insel in dem unkuratierten Festival und stellt einen der möglichen Zugänge zum schier unüberschaubaren Angebot dar, mit dem die Freie Szene machtvoll ihre Vielfalt und Qualität vorführen will.

Wer Orientierungen benötigt, kann an jedem Tag einen „Wanderweg“ abschreiten, den die Organisatoren vorschlagen oder an einer der sieben von Künstlern zusammengestellten und geführten Touren teilnehmen. Dazu bietet die Initiative Theaterscoutings Berlin zu ausgewählten Produktionen Gesprächsrunden und besondere Begleitprogramme an.

Reizvoll ist aber auch das Kennenlernen von für Theater neu erschlossenen Orten. Etwa die ehemalige australische Botschaft in Pankow, jetzt als „Bootschafft“ firmierend. Es gibt dort mehrere Probenräume und der holzgetäfelte Sitzungssaal wurde zum Bühnenraum. Hier spürt die Tänzerin Eva Baumann mit der famosen Pianistin ­Biliana Voutchkova Werken von Komponistinnen aus Barock bis Neuer Musik nach („her­story“, 6., 7.6., 14.30 Uhr). Ebenfalls als Botschaft, dieses Mal für Polen und Kuba, diente zu DDR-Zeiten das ehemalige Jüdische Waisenhaus. Dessen Geschichte wird in der Produktion „Opdakh“ (8.6., 11 + 18 Uhr, 9.6., 21 Uhr) nachgezeichnet.

An Genres und Subgenres ist alles vertreten – von Sprech- über Musiktheater und Performance, über Objekt- und Kindertheater bis hin zu Tanz und, als jüngstem Kind der Freien Darstellenden Künste, Produktionen des Neuen Circus. Und es gibt sogar japanische Fesselkunst im „Bondage Duell“ der Performerinnen Dasniya Sommer und Silke Schönfleisch (9. + 10.6., Sophiensaele).

Dass sich die vielen parallel stattfindenden Veranstaltungen kannibalisieren, fürchtet Mit-Organisatorin Chrudina nicht. „Das Festival schafft neue Aufmerksamkeit. Es lädt Menschen ein, sich jetzt mehr Zeit für Theater zu nehmen und sich vom Programm treiben zu lassen. Von den Spielorten hatten wir zuletzt die Rückmeldung, dass viele Menschen das allererste Mal dorthin kamen“, sagt sie.

Das PAF hat also eine Sogwirkung wie das Gallery Weekend – für Publikum wie für Geldgeber. Werden in der Galerieszene die Sammler gern gesehen, so gibt es jetzt extra Programmpakete für internationale Festivalkuratoren. An den gewöhnlichen Theaterkapitalismus ist dieses sich selbst gestaltende Festival also auch angeschlossen.

5.–10.6., diverse Orte, Eintritt frei oder bis 16 € (je nach Veranstaltung), Rabatte für Vielseher ab 3 (10 %), 6 (15 %) und 9 Tickets (20 %), www.performingarts-festival.de