Literatur Digital

Papier oder E-Book?

Im Haus der Kulturen der Welt tagt der Kongress „Literatur Digital“ 2014 und verhandelt Gegenwart und Zukunft des Textes

Die deutsche Literaturszene mag ja mehrheitlich politisch links, vermeintlich fortschrittlich aufgestellt sein, strukturell ist sie konservativ bis reaktionär.
Das sieht man an den Diskussionen, die gerade um digitale Literatur geführt werden. Für die einen ist sie Heilsbringerin – oder, nüchterner ausgedrückt, eine zeitgemäß-praktische Innovation mit verheißungsvollem Potential –, für andere stellt sie immer noch eine teuflische Bedrohung dar. Als stünde zur Debatte, das gedruckte Buch komplett abzuschaffen. Wer das behauptet, braucht ein paar Nachhilfestunden in Sachen Kulturgeschichte. Auch das Aufkommen früherer Neuerungen wie Radio, Film und später Fernsehen haben das Buch nicht beseitigt, sondern äußerst produktiv auf die Literatur eingewirkt, ja sogar neue literarische Formen wie zum Beispiel das Hörspiel hervorgebracht. Das gedruckte Buch war selbst einst eine Innovation, die von konservativen Zeitgenossen mitunter skeptisch beäugt wurde. Es gibt also keinen Grund für Pessimismus. Klar, die Neuen Medien und das World Wide Web verändern heute die Welt in rasantem Tempo. Und damit auch die Literatur. Es herrscht eine neue Unübersichtlichkeit. Aber hier liegt eine Chance, die man nutzen könnte.

Im Haus der Kulturen der Welt tagt nun der Kongress „Literatur Digital“ mit Gesprächsrunden, Vorträgen und Lesungen rund ums Thema. Es geht um die drängenden Fragen, wie sich Produktion, Verwertung und Rezeption von Literatur in der digitalen Wissensgesellschaft verändern, was Autorschaft heute eigentlich noch bedeutet, welche neuen Geschäftsmodelle entstehen und wie sich die Praxis des Lesens an moderne Zeiten anpasst. „Ich denke eher an Text als an Buch, wenn ich über mögliche Texte für ein E-Book nachdenke“, sagt die in Berlin lebende Autorin und Verlegerin Nikola Richter, die vor einem Jahr den umtriebigen Berliner E-Book-Verlag Mikrotext gegründet hat und jetzt auch in der ehemaligen Kongresshalle im Late-Night-Gespräch „Unabhängig elektronisch“ mit ihren Kollegen EJ van Lanen von Frisch & Co, Marc Degens von SuKuLTur sowie Jan Karsten und Zoë Beck von CulturBooks in Aktion tritt. Letztere lieferte sich gerade im Februar einen Schlagabtausch mit dem Buchgestalter Friedrich Forstmann, der auf den Blogseiten von Suhrkamp gegen E-Books polemisierte.

In der Digitalisierung eine Chance

Wie viele andere Kongressteilnehmer, ­darunter prominente Autoren wie Katharina Hacker, Adam Thirlwell oder Raoul Schrott, sieht auch Nikola Richter in der Digitalisierung eine Chance, die Wahrnehmungs- und Verbreitungsmöglichkeiten von Literatur weiterzuentwickeln: „Wichtig ist, dass die Texte den Leser halten, dass der Leser den digitalen Bildschirm vergisst und eine ästhetische Leseerfahrung hat. Die Autoren, die digital-first schreiben, schreiben sicherlich bisweilen anders, nämlich mit einem starken Gegenwartsbezug, einer starken Gegenwärtigkeit und mit einem Wissen um das Auffallende, Spezifische, ­Eigene, denn das meiste rutscht in den ­geselligen Netzwerken schnell weit nach unten. Nur das stilistisch, inhaltlich oder persönlich Auffallende hält sich etwas oben.“ Der Kongress „Literatur Digital“ schlägt einen Bogen vom Urheberrecht, inklusive historischem Rückblick bis ins Römische Reich, über interdisziplinäre Perspektiven unter anderem aus Anthropologie, Philosophie, den Rechts-, Kultur-, Medien- und Sozialwissenschaften bis hin zu konkreten künstlerischen Prozessen, die hier diskutiert werden.

Auch die aktuelle Ausgabe der vierteljährlich erscheinenden Literaturzeitschrift „Neue Rundschau“ des Fischer Verlages mit Beiträgen unter anderem von Ann Cotten, Georg Klein, Thomas Stangl und Olga Martynova stellt sich die Frage nach einer Literatur der Zukunft, über die freilich nur Prognosen möglich sind. Der große Zeitroman, heißt es dort, müsse in der Unübersichtlichkeit des Internets zu finden sein oder zumindest mit ihr korrelieren. Die traditionellen Mittel des Schriftstellers lösten sich auf – die Buchform, die herkömmliche Urheberschaft als Individuum, die Vertriebsformen sowieso. Doch auffällig sei, dass die neuen Optionen und Formen, die die Digitalisierung bietet, kaum genutzt würden. Es gibt Ausnahmen. Unter dem Titel „Fünf Vorschläge für ein neues Jahrtausend“ haben sich die Autoren Annika Reich, Clemens J. Setz, Jörg Albrecht, Jan Brandt, Hannes Bajohr und einmal mehr Nikola Richter kürzlich für 24 Stunden in dem ­Live-Texteditor „Etherpad Lite“ an einem gemeinsamen Text „über die Räume des Netzes, über Illusionisten und Bastler und über die Widerständigkeit des Schreibens“ betätigt (nachzulesen auf www.hundertvierzehn.de). Die eine oder andere interessante Perspektive auf die Frage nach der Literatur der Zukunft lässt sich hier durchaus finden.

Der Text braucht das Ding nicht mehr

„Jede Geschichte kämpft, indem sie erzählt wird, gegen die eigene Unmöglichkeit, sie kämpft dagegen, dass zu allem, was in ihr vorkommt, noch Abermillionen Querverbindungen existieren, andere Geschichten anderer Menschen, die ins Zentrum der Geschichte schießen könnten, um ihre Souveränität zu zerstören, das, worum der dadurch beschämte Autor so bemüht war“, heißt es in dem Onlineformat, das es mehreren Autoren in Echtzeit ermöglicht, einen Text zu bearbeiten. Hier wird digitale Kollaboration zu einer neuen Form, die ohne jegliche Print-Manifestation auskommt. Für Freunde des Haptischen ist das natürlich ein Affront, aber das wissen die digitalen Kollaborateure: „Das Ding entrüstet sich, weil es vom Unding her Witterung aufnimmt. Das Unding ist das Digitale. Der Text, der immer schon Gedanke war, braucht das Ding nicht mehr. Er kann sich im Unding niederlassen, sich darin verschieben und verschwimmen. Weil das Unding keinen Körper hat, kann es so viele Gestalten annehmen, wie ihn auszulesen bereit sind.“

Klingt wie eine Utopie, ist aber schon Rea­lität. Trotzdem ließe sich das entstandene „Unding“, also der Text, auch prima in ein Buch verwandeln. Auch Nikola Richter, die  im Jahr 2001 das Online-Literaturmagazin www.schriftstelle.de gründete und in ihrem Verlag zur Hälfte Texte publiziert, die auch im Netz entstanden sind, veröffentlicht eigene Erzählungen und Lyrik in Buchform und in Zeitschriften. Zusammen mit Timo Berger hat sie einst auch die Berliner Lesebühne visch & ferse ins nichtdigitale Leben gerufen. Wie gesagt, das eine schließt das andere nicht aus.
Text: Steffen Maher

Kongress Literatur Digital am 21. und 22.3.
im Haus der Kulturen der Welt, Programm unter www.hkw.de, Eintritt frei
Neue Rundschau 2014/1 – Manifeste für eine Literatur der Zukunft
Fischer, Frankfurt/M. 2014, 15 Euro

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