Vor den Wahlen

Parteien im AfD-Check

Im Spätsommer wählt Berlin ein neues Abgeordnetenhaus. Wie wollen die etablierten Parteien den Rechtspopulisten der AfD im Wahlkampf begegnen? Fünf ganz reale Szenarien

SPD

Dabei wildern die Rattenfänger auch im eigenen Wähler-Revier – darunter Seniorencafés der Arbeiterwohlfahrt in Steglitz oder Staaken.  Wer den Namen der Volksverführer auch nur erwähnt, muss zur Strafe Wowis verhauene

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Golfbälle aus dem Wannsee fischen. Aus ihrer Erstarrung findet die Partei erst dank Thilo Sarrazin, in dessen Regal neben Carl Schmitt   ja immer noch das sozialdemokratische Parteibuch steht. Im „Vorwärts“ empfiehlt der Apokalyptiker ein paar Wochen vor dem Urnengang, die rechten  Angstmacher zu wählen. Die SPD-Mitglieder aus der Hauptstadt sind not amused  – womit die altehrwürdige Partei einmal mehr Traditionsbewusstsein beweist: Erst wenn es gegen Feinde in den eigenen Reihen geht, kommt sie in Fahrt. Der Wahlkampfauftakt der SPD, abgehalten in einer Kleingartenkolonie in Britz-Süd, verläuft erwartbar wie ein Stück von Hallervorden im Schlossparktheater. Rhetorischer Faden sind Sätze im Futur III. Michael Müller  fantasiert von einem handlungsfähigen Beamtenapparat, ob in den Bürgerämtern oder am Lageso, und von der baldigen BER-Eröffnung. Über die AfD,  die in Umfragen bei 8,8 Prozent liegt, wird dagegen kaum gesprochen.  

Der Ruck, der durch die Partei geht, belebt auch den Wahlkampf.  Die SPD bekommt gerade noch die Kurve und segelt knapp an der 30-Prozent- Marke vorbei. 


Grüne

Alerta, alerta, antifaschista! Die Grünen sind im Wahlkampf auf der Hut. Erst recht, als die AfD ihre erste Hetzkampagne gegen Flüchtlinge startet. Auslöser ist ein Vorfall, aufgedeckt vom Fakten-Medium „RT Today“. Vermeldet wird die erste Gewalttat eines Asylbewerbers in Berlin; sie ereignet sich während eines „Welcome“-Fußballturniers in der Hasenheide. In einer

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Torjubel-Traube verletzt ein Syrer einen Biodeutschen beim Abklatschen am kleinen Finger. Mit Guerilla-Kampagnen versucht die Parteibasis, der AfD das Wasser abzugraben. Die Aktivisten überkleben AfD-Wahlplakate und starten einen Watchblog.

Ramona Pop, die Spitzenkandidatin, traut sich allerdings nicht mit AfD-Leuten vor die Kamera, aus Angst vor frauenfeindlichen Beleidigungen. Sie scheut das Claudia-Roth-Syndrom: Tränen vor laufender Kamera. Dabei hätte sie in der RBB-Elefantenrunde leichtes Spiel gehabt – Beatrix von Storch zerlegt sich in der Talkshow selbst, als sie davon schwadroniert, dass die „Systemparteien aus dem Abgeordnetenhaus“  schon bald nach Frankfurt/Oder auswandern müssten, um sich vor der Entladung des Volkszorns zu schützen. Zum Eklat kommt es, als die AfD die Einführung eines „Blutigen Freitags“ in Kantinen fordert, mit Fleisch vom Brandenburgschen Auerhahn – eine Retourkutsche für den Veggie Day. Als die Grünen mit dem Vorschlag eines Craft-Beer-Freitags kontern, kommt es bei senilen Studienräten zum endgültigen Kulturkampf um die Rechtschreibung und die deutsche Bierkultur. 


CDU  

Frank Henkel, Zuchtmeister der CDU und unvermeidlicher Spitzenkandidat, versteht die Aufregung um die AfD gar nicht: Endlich mal eine Partei, die Klartext redet. 

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Deshalb will er die Rigaer Straße mit ehemaligen  NVA-Panzern planieren lassen. Derlei antikommunistische Machtfantasien wecken gleich  Avancen von AfD-Seite. Mit deren rechtsnationaler Altherren-Riege zieht sich Henkel in die Royal Suite im Adlon zurück. Dort wird die Stahlhelm-Fraktion wiederbelebt, über Parteigrenzen hinweg, besiegelt mit Metternich-Sekt. Zuletzt bestand dieser politische Kreis ja nur noch aus Erika Steinbach und ihrem Twitter-Account – was auf  Dauer keine Lösung sein kann. Weil CDU und AfD aber in den Wahlen enttäuschen, führt  das Techtelmechtel zu keiner Koalition im Roten Rathaus. Sicherheitspolitisch ist der Noch-Innensenator mit den Stramm-Stehern der AfD ohnehin auf einer Linie. Für Henkel ist es zudem ein Zeichen von Kompetenz,  dass AfD-Spitzenkandidat Georg Pazderski mal Oberst der Bundeswehr war – schließlich  träumt der CDU-Mann schon länger von Heeres-Einsätzen im Inneren. Im Wahlkampf fordert Henkel dann auch, die „linke SA“ auszumerzen, jene Terror-Kids aus der autonomen Szene, die heimlich Panzerfäuste von der Hisbollah horten, irgendwo hinter Backsteinritzen in Friedrichshain.


Linkspartei

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Solidarität mit der Arbeiterschaft – der wichtigste Wesenszug der Linkspartei. Also möchte sie die Verlogenheit der AfD in sozialen Fragen entblößen. Die Rechtspopulisten inszenieren sich ja gern als Anwälte des kleinen Manns: Neben altersreaktionären Akademikern mit Potenzverlust will die rechte Wut-Partei auch das Proletariat für sich gewinnen – indem sie Kalle Konnopke vorgaukelt, Ahmet aus Damaskus könnte ihm seinen prekären Job an der Säge im Baumarkt nehmen. Wie die vermeintlichen Arbeiterfreunde als falsche Fuffziger entlarven? Bewährtes Hausmittel: Korruption und Filz vorwerfen.

Im Sommerloch kommt der Linkspartei ein Skandal entgegen: Die AfD soll Spenden von Grenzzaun-Herstellern am Fiskus vorbeigeführt haben. Das Schwarzgeld ließ der Schatzmeister offenbar gegen Gold-Unzen eintauschen. Als Versteck dienten Zahnfüllungen von abgehalfterten Ex-Promis. Darunter Christian Anders, einst Schnulzensänger, heute Pegidist mit  Youtube-Kanal und Botschafter des abendländischen Lebensgefühls: „Wer heutzutage nicht verwirrt ist, der denkt nicht -richtig!“ Die Linkspartei reagiert darauf kühl und sachlich mit einem Frank-Schöbel-Sommerfest und holt die Arbeiterklasse wieder ins Boot.


Piraten

Die Piraten sind nur noch eine Rumpftruppe, seit Martin Delius und Christopher Lauer, die Steuermänner, das sinkende Schiff so gut wie verlassen haben. Die Umfragewerte sind so niedrig, dass selbst die dümpelnde FDP im Vergleich dazu wie eine Erfolgspartei erscheint. Der Niedergang ist andererseits auch befreiend: Wer einmal den -Anschluss verpasst, hat nichts mehr zu verlieren. Also werden die Piraten  endlich zu verwegenen Freibeutern – und pfeifen auf Gesetze, zum Beispiel den Datenschutz.

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Und Social-Media-Redakteure haben schon mittags Feierabend, weil sie keine Hasstiraden mehr löschen müssen. Die Piraten verpassen zwar den Wiedereinzug ins Abgeordnetenhaus, haben dafür aber den Sommer gerettet, zumindest ein bisschen.Hinterbänkler mit IT-Sachverstand hacken die Rechner von AfD-Anhängern. Auf deren Browser laden sie Worterkennungsprogramme. Sobald ein deutsch-nationaler -Unruhestifter mal wieder in Online-Foren gegen „Muselmänner“ oder „Gutmenschen“ herumgiftet, implodiert dessen Computer. Segensreiche Folge: Die Facebook-Chroniken der Berliner verströmen plötzlich die Harmonie einer Hippie-Kommune.


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