PETER-WEISS-FESTIVAL

Partisanen der Schönheit

Beim Festival „Die Ästhetik des Widerstands“ bringt das HAU mit ­politischem Theater aus aller Welt die Verhältnisse zum Sprechen

Politisches Theater aus Kroatien: „Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt“ von Oliver Frljić – Foto: Wiener Festwochen/ Alexi Pelekanos
Politisches Theater aus Kroatien: „Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt“ von Oliver Frljić – Foto: Wiener Festwochen/ Alexi Pelekanos

Text: Tom Mustroph

Das HAU wird immer mehr zur politisch-­ästhetischen Kompassnadel – unter Zuhilfenahme ein paar alter Säulenheiliger. Nachdem Heiner Müller vergangenes Jahr mit einem Festival bearbeitet wurde, holt ­Kuratorin Aenne Quinones nun eine weitere Gloriengestalt der künstlerisch engagierten Linken hervor: Peter Weiss.

Anlässlich des sich am 8. November jährenden 100. Geburtstags des Schriftstellers hat das HAU befreundete Künstler zu einer Re-Lektüre von Weiss’ Hauptwerk „Die Ästhetik des Widerstands“ eingeladen. Daraus ist nun ein buntes, mit ganz unterschiedlichem künstlerischen Handwerkszeug bearbeitetes Panorama von Konfliktzonen und Widerstandsnestern heute entstanden.
So blickt Nicoleta Esinencu aus der Winz­republik Moldau in „Life“ (5.-8.10.) anhand der Facebook-Konversation ihrer ukrainischen Kollegin Alevtina Khakidze mit deren in den ukrainischen Ostgebieten lebender Mutter auf den teils absurden, teils schrecklichen Alltag in dieser Krisenregion.

Nach Chile geht es mit Guillermo Calderon und Marco Layera. Calderon lässt in „Mateluna“ einen ehemaligen Guerilla-Kämpfer gegen Pinochet, der sich auch später gegen den neuen Turbokapitalismus in seiner Heimat zur Wehr setzte, über Bedingungen und Grenzen bewaffneten Widerstands reflektieren (28., 29.9.-2.10.). Layera hingegen nimmt die „Diktatur der Coolness“ aufs Korn, das Prinzip also, die eigene Gegenkultur zu vermarkten und damit ihr widerständiges Potential zu verraten (28.9.-1-10.). Der Kroate Oliver Frljić hinterfragt in „Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt“ europäische Abschottung (28.-30.9.). Ins Feld der postmodernen arabischen Heldenerzählungen führt Rabih Mroué. In „So Little Time“ analysiert der Beiruter Künstler Selbst- und Fremdbilder von Märtyrern des libanesischen Bürgerkriegs und macht auf die Kluft zwischen Leben und Propaganda aufmerksam (5.–8.10.).

So wild wie diese Mischung erscheint, so nah ist sie an der „Ästhetik des Widerstands“. Denn in diesem gut 1.000-Seiten-Wälzer, der in den 1980er-Jahren in kaum einer westdeutschen Studenten-WG fehlte, erzählt Weiss die Geschichte zahlreicher Widerstandsgruppen. Er berichtet von der antifaschistischen „Roten Kapelle“, ist im spanischen Bürgerkrieg unterwegs und schaut auch, wie prominente Migranten wie etwa Brecht überleben und dabei sogar Haltung bewahren.

In all seinen Streifzügen im Roman geht es Weiss darum, das Streben nach Gerechtigkeit mit dem Streben nach Schönheit, nach Harmonie, nach Glück zu verbinden. Darin ist der 100-Jährige ein ganz Heutiger, einer, mit dem man aber auch über die aktuelle News-Lage hinausblicken kann.
Denn Weiss reicht eben nicht nur die jeweils passende Ideologie aus, um mit ihr die eigene Empörung über Ungerechtigkeiten zu artikulieren – damals Kommunismus, mittlerweile, so schräg es klingen mag, ­Dschihadismus. Weiss prüft auch immer, ob die einzelnen Aktionen, das eigene Denken, die individuellen wie die kollektiven Begierden mit den moralischen und ästhetischen Idealen übereinstimmen, mit denen die eigene Empörung ursprünglich begann.

Ein künstlerische Re-Lektüre zur passenden Zeit. Und für alle, die sich auch für den Originaltext interessieren, das Buch aber gerade nicht parat haben, lesen denkende Schauspieler wie Fabian Hinrichs, Nina Kronjäger, Valery Tscheplanowa und Mark Waschke während des gesamten Festivals aus einigen Kapiteln vor.

28.9.–8.10., HAU1–3, Kreuzberg. Eintritt 8–30, erm. 5–10 €, Festivalpass 30, erm. 20 €

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