Die Ärzte

„Paul“ oder „Junge“?

Das große Fan-Battle: Wann waren die Die Ärzte besser – vor oder nach ihrer Trennung?

Dreckig, feige und gemein

Nie wieder waren die Die Ärzte so gut wie vor dem Split. Ich war Ärzte-Fan der ersten Stunde! Ich war bei einem der allerersten Konzerte in der Villa Kreuzberg dabei, ich war beim legendären „Open Water“-Auftritt im Freibad Plötzensee, ich habe alles – wirklich komplett alles! –, was die Ärzte von ihrer Gründung 1982 bis zu ihrer Auflösung 1989 auf Vinyl gepresst haben: auch obskure Sampler wie „Ein Vollrausch in Stereo“ oder den Soundtrack zur SFB-Serie „Moskito“, die seltene 12’’-Single mit der Neun-Minuten-Version von „Westerland“ und die Mini-CD mit der indizierten Fassung von „Bitte, Bitte“.
Selbst Gastauftritte wie „Für immer Punk“ („Zwei Meter lang, so muss er sein, dass kleine Schwestern große Augen kriegen“) auf dem Debütalbum der Goldenen Zitronen stehen in meinem Schrank. 1989 aber war es vorbei, nicht nur weil Die Ärzte sich auflösten, auch weil ich Berlin für mehrere Jahre verließ und damit auch das Interesse an der hiesigen Musikszene verlor. Seitdem versuche ich immer mal wieder, meine Liebesaffäre mit der Besten Band der Welt aus Berlin zu erneuern (mit tatkräftiger Unterstützung des Kollegen Schwarz). Aber obwohl ich CDs wie „Rock’n’Roll Realschule“ und Singles wie „Junge“ gerne höre – so wie früher wird’s nie wieder.

Das liegt zum einen daran, dass ich nicht wirklich ein Nostalgiker bin. Die Ärzte waren damals – als sie noch Nena heiraten wollten – wirklich besser, schneller und komischer. Später wollten sie nur noch Teresa Orlowski poppen, das fand ich uncool. Dazu kommt, dass mein heutiger Musikgeschmack doch eher in Richtung Americana geht.

Auf der anderen Seite kann ich mit dem oft selbstreferenziellen Peter-Pan-Charme von BelaFarinRod immer weniger anfangen. Da ist schon oft viel Kikikram dabei, viele Witze und Wortspiele, die ich kenne, seit ich 12 Jahre alt gewesen bin, damals, als noch die Dinosaurier auf dem Tempelhofer Flugfeld gegrast haben. Womöglich bin ich ja doch noch erwachsen geworden – wenigstens irgendwie so halbwegs. Immerhin: Mein Bengel ist trotzdem ein großer Die-Ärzte-Fan geworden. Er war schon auf verschiedenen Konzerten und kann viele der neuen Texte auswendig mitsingen – obwohl er auch schon 17 Jahre alt ist.

Lutz Göllner

Als sie den Punk erfanden

Erst nach der Reunion fanden die Die Ärzte zu sich selbst. Vier Jahre Trennung und dann das: „Arschloch!“ Schon die zweite Die-Ärzte-Single „Schrei nach Liebe“ – es sollten noch diverse Nazi-Verarsch-Songs folgen – nach der Reunion 1993 machte klar: Die vorübergehende Trennung hatte Bela B. und Farin Urlaub ebenso gut getan wie das Dazustoßen des gebürtigen Chilenen Rodrigo González zur Band.
Und auch wenn Die Ärzte bis heute nie erwachsen geworden sind (der Rock’n’Roll-Gott bewahre), vollzogen sie nach ihrer ganz persönlichen Wiedervereinigung wenigstens den Schritt von der Kindheit in die Pubertät. Statt Kinderlieder wie jenes über den Bademeister „Paul“ oder über „Sommer, Palmen Sonnenschein“ wird lieber ein kräftiges „Das Ozonloch geht mir am Arsch vorbei“ ausgekotzt oder ein herb dahingeschmachtetes „Ich will dich ficken“ an die Band-Kollegen geschickt.

Statt infantiler Tabubrüche wie „Geschwisterliebe“ lieber diverse Aufrufe zur Rebellion, vom „Rebell“ bis zum „Grotesksong“, von „Nicht allein“ bis zum aktuellen „Das darfst du“. Und auch Belas ewige Schwärmerei für alles, was Beißerchen hat, vollzog eine erstaunliche inhaltliche Weiterentwicklung von „Dein Vampyr“ bis hin zum hinreißenden Dracula-Melodram „Der Graf“. Und musikalisch? Da sind Welten dazwischen! Man höre Songs wie „System“ (im Sambarhythmus), „½ Love Song“ (als Pop-Schmachtfetzen), „Nie gesagt“ (mit türkischen Folklore-Einlagen) oder Rods geniale Verbeugung vor Glenn Danzig in „Anti-Zombie“ – und wird feststellen, dass sich BelaFarinRod weit von Tralala-Liedern wie „Teenager Liebe“ entfernt haben. Überhaupt Rod: Schöner kann man Schlager nicht herbeischreiben wie er mit „Dinge von denen“ oder dem „Niedlichen Liebeslied“. Der Bassist ist längst gleichwertiges Bandmitgleid und ebenbürtiger Songwriter, was man von seinen Vorgängern nicht behaupten kann.

Und eines noch: Seit 1993 ist da, wo Punk drauf steht, auch wirklich Punk drin. Farins Gitarre reißt erst seit „Schrei nach Liebe“ mit schneidenden Riffs Löcher in die Konzerthallenluft. Denn merke: „Es gibt nichts Besseres zu tun als die Die Ärzte zu hören.“

Martin Schwarz