Stiftung Stadtmuseum

Paul Spies im Interview

»Unten Berlin, oben Weltkultur«: Der Amsterdamer Museumsmann hat sein Amt in Berlin angetreten

Wann waren Sie zum letzten Mal im Märkischen Museum? Eben. Deshalb fängt dort jetzt Paul Spies an, ein äußerst erfolgreicher Museumsmacher aus Amsterdam. Interview: Ronald Berg

Paul Spies wird am 1. Februar Herr über die fünf Häuser der Stiftung Stadtmuseum ­Berlin: Märkisches Museum, Niko­laikirche, Ephraim-Palais, Knoblauchhaus und Museums­dorf Düppel. Zudem wird er Chefkurator der Berlinabteilung im künftigen „Humboldt-Forum“ des Stadtschlosses. Unter dem von Michael Müller vorgegebenen Thema „Welt.Stadt.Berlin“ soll hier auf rund 4.500 Quadratmetern die Internationalität Berlins dargestellt werden.

Herr Spies, wie kamen Sie auf die Idee, Ihre Stelle als Leiter eines gut laufenden Museums in Amsterdam aufzugeben? Und nach Berlin zu ziehen, um hier mit dem Stadtmuseum Berlin konzeptuell noch einmal völlig neu anzufangen? Kulturstaatsekretär Tim Renner hat mich angerufen. Ich hatte mir das Stadtmuseum schon vor ein paar Jahren angesehen und gedacht, es wäre vergleichbar zu dem, was in Amsterdam anstand. Tim Renner hat mir aber auch gesagt, es komme noch die Fläche im Humboldt-Forum als Aufgabe hinzu. Darauf wurde mein Interesse noch größer.

Warum? Was ich in Amsterdam versucht habe ist, das Museum in die Mitte der Gesellschaft zu bringen, damit es nicht nur ein Ort für Liebhaber ist, sondern sich auch mit großstädtischen Problemen beschäftigt. Und die Modernisierung meines Museums in Amsterdam hat geklappt. Die Herausforderung hier in Berlin ist viel größer. Berlin hat Weltgeschichte geschrieben. Diese Internationalität, das ist für mich die nächste Stufe.

Bereits von Ihrer Familie her sind Sie ja international aufgestellt. Ja, meine Mutter war Österreicherin. Mein  Vater wurde im Zweiten Weltkrieg getroffen, als er im Arbeitseinsatz in Judenburg in der Steiermark war. Deutsch wurde zuhause nicht gesprochen, aber wir hatten ein Ferienhaus in Österreich, wo ich Freunde fand. Mein Deutsch ist also ein Feriendeutsch.

Paul Spies wird am 1. Februar Direktor der Stiftung Stadtmuseum. Spies, 54, ist Kunsthistoriker und Archäologe. Der Niederländer kommt vom Amsterdam Museum, für das er Publikum, Gebäude und Drittmittel dazugewonnen hat. Zu seinem Antritt erhielt die Stiftung Stadtmuseum vom Bund 32,5 Millionen Euro für Märkisches Museum und Marinehaus, Berlin gibt die gleiche Summe dazu. Foto: Sandra Weller
Paul Spies
wird am 1. Februar Direktor der Stiftung Stadtmuseum. Spies, 54, ist Kunsthistoriker und Archäologe. Der Niederländer kommt vom Amsterdam Museum, für das er Publikum, Gebäude und Drittmittel dazugewonnen hat. Zu seinem Antritt erhielt die Stiftung Stadtmuseum vom Bund 32,5 Millionen Euro für Märkisches Museum und Marinehaus, Berlin gibt die gleiche Summe dazu.
Foto: Sandra Weller

Wieweit haben Berliner Politiker die Inhalte der Ausstellung „Welt.Stadt.Berlin“ im Humboldt-Forum bereits vorgegeben? Überhaupt nicht. Wichtig für meine Auf­gabe beim Humboldt-Forum ist es, verschiedene Geschichtsorte, beziehungs­weise Standorte aufeinander abzustimmen. Das Humboldt-Forum darf das Märkische ­Museum nicht überflüssig machen. Ansonsten darf ich total neu anfangen und auch das Konzept von „Welt.Stadt.Berlin“ überdenken. Ich muss aber sagen, ich habe verstanden, dass die Internationalität von Berlin die richtige Aussage für die heutige Lage der Stadt ist. Es ist eigentlich ziemlich leicht, diese Internationalität mit den ethnologischen Ausstellungen im Humboldt-Forum zu verbinden. Das wird eine metaphorische Angelegenheit: Unten gibt es Berlin, oben die Weltkultur und dazwischen unser ­Museum, das die Brücke schlägt.

Die merkwürdige Eigenart des rekonstruierten Schlosses liegt darin, dass die Hülle schon fertig ist, bevor die Inhalte feststehen. Ist das für Sie ein Problem? Nein, wir haben ja noch mindestens vier Jahre, das zu lösen. Ich habe noch nie so viel Zeit für ein Projekt gehabt. Die Eröffnungsausstellung soll aktuell sein. Und die Räume sind sehr schön und sehr groß.

Wie denken Sie sich die Schwerpunkte bei den anderen Häusern des Stadtmuseums? Ich habe ein paar Ideen. Die Ausarbeitung des Masterplans ist meine Arbeit bis Juli. ­Es wird Veränderungen geben müssen, damit die Stiftung als Gesamtheit stimmig wird. Ich werde aber wenig mit der Presse darüber reden, bis das Konzept fertig ist.

Bei den Inhalten des Humboldt-Forums ist immer noch Vieles unklar. Es gab die „Humboldt Labs“ in den Museen Dahlem, die zeigten, dass die Leitung methodisch und inhaltlich Neuland betreten soll. Gilt das auch für Ihre Überlegungen? Es gibt Kenntnisse aus Amsterdam, auf denen ich aufbauen kann. In den kommenden Jahren werden wir Probeaufstellungen machen. Ich bin sicher, dass wir zusammen mit Neil MacGregor, dem Gründungsintendanten, und der Kulturprojekte Berlin GmbH diese Labore weiterentwickeln werden.

Gilt das auch für das Märkische Museum? Die große Qualität dieses Gebäudes liegt ­darin, dass es authentisch ist. Wenn man das Haus also so zurückbringen könnte, wie es einmal war und was mit der Darstellung von Geschichte 1908 gemeint war …

… als eine Art Museum des Museums? … als eine Art Museum des Museums der Geschichte, eine historische Erfahrung. Das Märkische Museum ist ja das erste Haus, das für die Darstellung der Geschichte überhaupt gebaut wurde. Es ist ein Schatz, denn es hat noch seine originale Ausstattung. Es könnte für die Besucher eine Art Zeit­maschine werden.

Was genau ist Ihre Absicht? Wir müssen proben, ob es so geht und ob es sich so anfühlt. Wenn die Leute sagen: „langweilig“, dann hat es nicht geklappt. Aber ich will, dass jeder Mensch in Zukunft über das Märkische Museum redet. Es soll wieder im Zentrum des Interesses stehen. Dazu haben wir noch etwas Zeit. Es heißt, dass das Märkische Museum erst 2019 für eine Renovierung schließen kann.

Das Marinehaus gegenüber gehört nun auch dazu. Was planen Sie dafür? Das Märkische Museum ist eine abgeschlossene Einheit. Im Marinehaus muss etwas anderes passieren, etwas, das es im Märkischen Museum nicht geben kann. Zum Beis­piel Kino, Veranstaltungen, Multimedia.

Bei der Nikolaikirche ist es wohl am schwierigsten mit dem Publikum, weil sich dort nichts verändert. Genau, der Ort ist bislang zu statisch. Bisher hat es nur eine Basis gegeben: alles, was mit dieser Kirche und Religion zu tun hat. Ich habe aber in Amsterdam eine Ausstellung über Fußball und Religion gemacht : „Fußball Halleluja!“. So etwas könnte man in dieser Kirche auch machen. Zudem hat sie auch eine Musikgeschichte, und man könnte das Mittelalter thematisieren, denn es ist das älteste Gebäude in Berlin.

Und was planen Sie für das Ephraim-Palais? Das Haus hat sich in letzter Zeit zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Es hat aller­dings keine Klimaanlage. Es wäre die erste Aufgabe, das zu ändern, auch, weil man sonst nur schlecht Leihgaben für Ausstellungen bekommt. Das Haus eignet sich für mittelgroße Themen, für Touristen ­genauso wie für Berliner. Und es hat zwölf schöne Säle. Da kann man viel machen für rund 200.000 Besucher im Jahr. Etwa zum Thema Ost-Berlin oder zum Wandel der Rolle der Stadtmitte für Berlin.

Ist es denn viel Publikum das Hauptkriterium für den Erfolg eines Museums? Sicherlich nicht. Man muss verschie­dene Zielgruppen ansprechen. Und wenn es eine kleinere Gruppe ist, dann ist sie nicht weniger wichtig. Vielleicht sind gerade das die Leute, die etwas sehr intensiv erfahren ­wollen.

Sie waren auch Unternehmer. Ein Unternehmer versucht immer auch die Produktionskosten zu senken. Für ein Museum dürfte diese Maßgabe aber doch gar nicht gelten, oder? Wir müssen nicht reich werden mit einem Museum. Einnahmen gehen sofort in neue Projekte, Vermittlung oder Sammlungen.

Gewinn ist in einem Museum eher seltenIn Amsterdam haben wir ihn gemacht.

Aber Sie hatten einen Etat von der StadtJa, wir hatten den Etat, und was wir darüber hinaus verdienten, konnten wir behalten. Ich hoffe, die Stadt Berlin sagt nicht: Wenn ihr mehr verdient, dann bekommt ihr weniger Geld von uns. Das müssen wir jetzt vereinbaren. Wenn Gewinn an die Stadt gehen soll, höre ich wieder auf.