Dada-Revue

Pfusch

Herbert Fritsch zitiert in seiner letzten Volksbühne-Inszenierung ­vergnüglich eigene Arbeiten

Lauter Komödianten: Jan Bluthardt, Axel Wandtke, Ingo Günther, Stefan Staudinger, Varia Sjöström, Carol Schuler, Ruth Rosenfeld, Werner Eng, Florian Anderer, Komi Mizrajim Togbonou, Wolfram Koch, Hubert Wild, Annika Meier (v.l.n.r.) – Foto: Thomas Aurin
Lauter Komödianten: Jan Bluthardt, Axel Wandtke, Ingo Günther, Stefan Staudinger, Varia Sjöström, Carol Schuler, Ruth Rosenfeld, Werner Eng, Florian Anderer, Komi Mizrajim Togbonou, Wolfram Koch, Hubert Wild, Annika Meier (v.l.n.r.) – Foto: Thomas Aurin
ZITTY-Bewertung: 5/6
ZITTY-Bewertung: 5/6

1993, als der Schauspieler Herbert Fritsch noch kein gefeierter Regisseur war, inszenierte er bei einer Beckett-Spektakelnacht in der Volksbühne „Die rausfallenden alten Weiber“ von Daniil Charms: Darin passierte nichts weiter, als dass das gesamte Volksbühne-Ensemble nacheinander in schrulligen Frauenklamotten durch ein Bühnenbildfenster stürzte.

An diesen Beginn seiner Regielaufbahn erinnert Fritsch jetzt in seiner Abschieds­inszenierung an der Volksbühne, wenn er sein in Perücken und Rüschenkleidchen ausgestattetes Ensemble von einem sich drehenden Rohr stürzen lässt.

Es gibt noch mehr Eigenzitate und es wird noch oft aufs Kunstvoll-komischste gestolpert und gefallen an diesem Abend – der Erzkomödiant Wolfram Koch etwa stürzt kraftmeiernd vom Sprungbrett in ein Bassin ab, seinen berühmten Satz „Ich leg’ mich hin!“ aus „Die (s)panische Fliege“ auf den Lippen. Irgendwie handelt Fritschs Thea­ter ja immer auch vom Glück des Stolperns, Fehltritte als Antrieb des Lebens und Geschehens. Die große Kunst der sinnig unsinnigen Klamotte, kaum einer beherrscht sie seit Buster Keaton so brillant wie Herbert Fritsch.

Das mit blauen Schaumstoffwürfeln gefüllte Bassin war zuvor lange ein Bodenloch in der Drehbühne, Zitat des Abgrunds aus Fritschs vorletzter Inszenierung „Apokalypse“, dann wurde es als Trampolin-Spielfläche eine Erinnerung an „(S)panische Fliege“, mit der Herbert Fritsch 2011 fulminant als Regisseur an die Volksbühne zurückkehrte. Zwischendurch ist „Pfusch“ sehr lange auch schönster Konzert-Pfusch an zehn Klavieren, „heute gibt‘s nur Achtel“, das grandios-skurrile Ensemble wird hier angeführt von Fritschs Stammmusiker Ingo Günther.

„Heute gibt‘s nur Achtel“: Prima Pianopfusch – Foto: Thomas Aurin
„Heute gibt‘s nur Achtel“: Prima Pianopfusch – Foto: Thomas Aurin

Irgendwann schreibt jemand „Schön!“ aufs Bühnenbild­rohr. Und ja, eben das ist dieses vergnügliche Abschiedsstück: schon schön. Schließlich wird es auch noch noch melancholisch schön. Nacheinander krabbelt jeder Spieler aus dem Bassin heraus, in das alle zuvor kunstvoll gestürzt sind, tritt an die Rampe und sagt „Tschüss“. Bei der Premiere taucht am Ende natürlich auch Fritsch selbst aus dem Bassin auf, „tschüss“. Und der eiserne Vorhang senkt sich erbarmungslos im Jubel des Schlussapplauses. Man soll ja aufhören, wenn es am Schönsten ist.

Eine Ära endet nach dieser letzten Castorf-Spielzeit an der Volksbühne, schade und „tschüss“, aber wir rappeln uns wieder auf, woanders öffnet sich eine neue Tür: Für Fritsch und sein Ensemble wird es an der Schaubühne weitergehen. FRIEDHELM TEICKE

30.11., 9.12., 19.30 Uhr, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Eintritt 10, erm 7 €