Frauen

Immer dieses Rosa

Die Ausstellung „Pissing in a River. Again!“ im Kunstraum Kreuzberg lässt sich feministisch lesen, soll es aber nicht sein. Doch zu sehen gibt es auf jeden Fall ­Arbeiten, die sich auch mit dem Alltag von Frauen auseinandersetzen

Und dann sind die Wände pink! Als „Cool Down Pink“ wird das gedämpfte Rosa, mit dem jetzt der Kunstraum Kreuzberg gestrichen ist, in Gefängniszellen eingesetzt. Sie gilt als beruhigend. Aggressives Verhalten bei Frauen wurde jedoch lange Zeit weiblicher Hysterie zugeschrieben, wissen die Künstlerinnen Stephanie Kloss und Andrea Pichl, die die Ausstellung „Pissing in a Riv­er. Again!“ kuratiert haben. Mit dem Pink symbolisieren sie ihre Kritik an dem Klischee, die sich durch die ganzen Säle zieht.

© Keren Cytter
Aus Keren Cytter: „Terrorist of Love“, 2016, HD video © Keren Cytter

Zum gestalterischen Konzept zählen zudem dunkle Seile, die sich wie Dachbalken an den Decken entlang ziehen. Sie dienen der räumlichen Verbindung, denn in der groß angelegten Schau sind über 50 Kunstwerke von 31 Künstlerinnen zu sehen. Sie sollen die Arbeiten auch inhaltlich miteinander in Beziehung setzen. Alles gehört irgendwie zusammen: die meter­hohen Fahnen von Inge Mahn, die auf kleinen Bergen aus Gips wehen, der Vorhang aus Acryl von Berta Fischer, der die umliegenden Werke reflektiert, und die Bilder von Nadira Husain, aus denen blaue Gliedmaßen über die pinke Wand wachsen. Dennoch sollen die Arbeiten auch für sich selbst sprechen, so wie es die Künstlerinnen tun, versichern Kloss und Pichl. Dass da Farzaneh Rosta auf einen bunten Gebetsteppich „Ich bin nicht gläubig“ in Farsi schreibt oder Ina Weber ­einen Tischkicker mit ausschließlich weiblichen Spielfiguren besetzt hat, sei eine Ansage.

Geborene und Ungeborene

Die Kritik an Zuschreibungen setzt sich im Abendprogramm fort. So nimmt am 3. Januar Käthe Kruse die aktuelle Debatte über Abtreibungen zum Anlass für ihre Performance, behandelt aber die Selbstbestimmung von Frauen über ihren Körper generell. Kruse wird einen Text vortragen, der davon handelt, wie sie bei ­einem Arzt eine Abtreibung vornehmen lassen möchte. Dass ihre beiden Töchter Edda und Klara die Künstlerin musikalisch begleiten werden, ist zentral für die Arbeit. Solch eine Entscheidung vor den eigenen Kindern zu rechtfertigen, sagt Kloss, sei ein Konflikt, in dem sich nur Frauen befinden können.

Doch in die Opferrolle wollen Kloss und Pichl Frauen keinesfalls geraten lassen – und schon gar nicht die Ausstellung in einen Diskurs über Feminismus. „Wir zeigen Künstlerinnen. Und Punkt“, meint Pichl. Und trotzdem stellt sich die Frage, ob die Ausstellung nicht doch zu genau dem Diskurs beiträgt, in den sie eben nicht geraten sollte. „Wir kämpfen dagegen an, dass Künstlerinnen an zweiter Stelle kommen.“ Diese Widerstände gilt es zu überwinden, so wie es die Sängerin Patti Smith in ­ihrem Lied „Pissing in a River – Watching it Rise“ besingt, das der Schau den Titel gibt. Der Kampf um die Gleichstellung in der Kunst sei eine ­„Sisyphos-Aufgabe“, denn egal, wieviel man in einen Fluss pinkele, sein Wasserspiegel steigt nicht. Und trotzdem müsse man es immer wieder tun.

Bis 13.1.: Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Mariannenplatz 2, Kreuzberg, Mo–So 11-20 Uhr, 31.12. geschlossen, Eintritt frei
10.1., 19 Uhr: Lesung Ann Cotten
13.1., 18 Uhr: Konzert mit M.O.G. (Mothers of God) Katrin Plavcak und Ulrike Segerberg

 

© Inge Mahn
Inge Mahn, Berge mit Fahnen,1988 Gips, Eisenrohr, Scharnier je ca 70x250cm © Inge Mahn