Was mich beschäftigt:

Pisst du schon da?

Pinkeln, pullern, pissen, pieseln, pieschern, Pipi machen. Schiffen, strullern, strunzen, ­seuchen, für kleine Mädchen und viele mehr: Die deutsche Sprache birst vor Vokabeln für das ­Urinieren, vor allem in den Dialekten des Süddeutschen. Wo es die meisten kleinen Brauereien gibt. Bier und Urinieren gehören ­zusammen.

Besonders schön lässt sich dieses Paar im Friedrichshainer Bermudadreieck am Ende der Reva­ler Straße beobachten, dort, wo die ­Tische vor den Lokalen den Trinkenden nicht ausreichen und diese auf Spielplätze und Rasenreste ausweichen, auf denen es anderentags nach abgestandenem Urin riecht. Puh.

Für ordnungswidrig urinierende Menschen gibt es ­einen ­Euphemismus: „Wildpinkler“. Vom Wildpinkeln hieß es letztens beim RBB: „Kaum ­jemand ist angepisst.“ ­Einspruch. Ich. Fühle. Mich. Angepisst. Und werde es in den WM-Wochen noch mehr sein. Auch Fußball und Bier sind ein Paar.

Als ich am Ende der Revaler Straße einen Mann von hinten sehe, der gegen ­einen Baum strullert, brülle ich über den Rasenrest: „Ey, geht gar nicht!“ Ey, der Typ fühlt sich angesprochen, er dreht sich um. Offenbar gibt es eine Ahnung davon, dass Wildpinkeln nicht in Ordnung ist (kann 35 bis 5.000 Euro kosten). Kommt mir ein anderer Mann entgegen, an der Hand ein Kind. „Sehr gut“, sagt er zu mir und verdutzt mich damit. Später fällt mir ein, ­warum. Weshalb hat er nicht selbst protestiert?

Zwar empfehlen Antroposophen die Einnahme von Eigenurin gegen alle möglichen Leiden. Fremdurin aber ist ekelig. Urin enthält Bakterien, gutartige und solche, die krank ­machen, Zucker-, Medikamenten- und Drogenreste, alles, was die Nieren so abarbeiten. Harn enthält Säure, die Gebäude ruiniert und unverdünnt Pflanzen schädigt. Aber hat jemand mal jemanden gesehen, der mit einer Gießkanne nachwässert nach dem wilden Wasserlassen? In Berlin soll es nur 257 öffentliche Toiletten geben, rund 20 Prozent davon nicht oder vorüber­gehend nicht in Betrieb. Ein Witz. Und noch einer: Es gibt prozentual mehr im Westen als im Osten. Demnächst sollen 24 dazu kommen, vor allem in Außenbezirken.

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Alltagsfragen. Dieses Mal: ZITTY-Redakteurin Claudia Wahjudi
Foto: F. Anthea Schaap

Überhaupt kein Witz ist das Geschlecht, das beim Wildpinkeln dominiert. Es gibt eine ­lange, lange frauenrechtlerische Tradition, das unter­schiedliche Verhalten der ­Geschlechter im öffentlichen Raum zu analysieren, das Gebaren auf Bänken, Bürgersteigen, in Unterführungen und auf Autobahnen, von Breitmachen über Grapschen bis zu Überfällen. Lässt sich alles nachschlagen. Gefühlt sortiere ich das Wildpinkeln auf dieser Skala als etwas schlimmer als Breitmachen auf dem Bürgersteig ein, mit einem Extrapunkt für die unhygie­nische Hinterlassenschaft und gegebenenfalls einem weiteren für Sichtbarmachen eines Körperteils, um ­dessen Anblick niemand gebeten hat.

Was aber großen Spaß bereitet: Auto zu ­fahren, einen Wildpinkler sehen, zu hupen (mache ich natürlich nie im Leben, da ­Verstoß gegen die StVO, ab zehn Euro). Und mit dem Finger zu drohen, wenn er sich umdreht. Tut er garantiert.