Viel Luft für Liebe

Polyamorie ist Berliner Lebensrealität

Romantische Beziehungen mit vielen Menschen: Was lange als Utopie galt, findet Einzug in den Mainstreamdiskurs. Für viele ist Polyamorie längst kein abstraktes Konzept mehr – sondern Lebensrealität. Wir haben Berliner getroffen, die Beziehungen wider die Norm führen

Text: Stefan Hochgesand & Julia Lorenz

Schönhauser-, Ecke Kastanienallee. Das Haus schräg gegenüber von Konnopkes Currywurstbude hat Einiges überstanden. 1892 haben die Brüder Skladanowsky auf der Dachterrasse über der Wohnung im sechsten Stock die ersten Filmaufnahmen Deutschlands gedreht. In dieser Wohnung trafen sich in der DDR Künstler, die für das Regime Staatsfeinde waren. Als Rammstein-Sänger Till Lindemann in der Wohnung lebte, strich er alle Wände schwarz. Und nun geschieht hier erneut etwas, das einige unerhört, andere progressiv finden werden: Drei junge Männer in ihren Zwanzigern ziehen ein in diese Wohnung mit ihren breiten Milchglas-Dachfensterfronten. Donat, Peter und Huy. Drei Männer, die auch miteinander schlafen. Keine WG, sondern eine Liebesbeziehung. Zu dritt.

So spielt das Leben: Manchmal verliebt man sich in mehr als einen oder eine. Das wussten schon Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Oma und OpaFoto: public domain/ wikimedia
So spielt das Leben: Manchmal verliebt man sich in mehr als einen oder eine. Das wussten schon Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Oma und Opa
Foto: public domain/ wikimedia

Die Offenheit spiegelt sich in der Architektur der Wohnung wider. „Wir müssen ausprobieren, wie wir leben wollen“, sagt Donat. „Mit wieviel Nähe, wieviel Distanz.“ Jedenfalls hat nicht einfach jeder ein Zimmer; es gibt ein größeres, ein kleineres Schlafzimmer. Je nach Tag und Nacht, werden sie sich hier in verschiedenen Konstellationen wiederfinden. Sie haben viel Zeit zu dritt verbracht. Aber den großen Schritt, nun zusammenzuziehen, wagen sie wohl nur, weil sie ihn nicht als großen Schritt betrachten. „Wir weigern uns, alle möglichen Konsequenzen ernst zu nehmen“, sagt Donat.

Zwischen Tabu und Ideal

Liebesbeziehungen mit mehreren Menschen zur gleichen Zeit zu haben, ohne einander zu betrügen, im vollen Einverständnis aller Beteiligten: Polyamorie, ein Hybrid aus dem griechischen Begriff für „viele“ und dem lateinischen Wort für „Liebe“, ist ein Konzept, das bürgerlichen Beziehungsidealen entgegenläuft – und auch deshalb polarisiert. Ob man Polyamorie als Tabu oder Ideal betrachtet: Eine Meinung zum Thema hat jeder.

Kampf gegen die Norm

Schon die Freie-Liebe-Verfechter der 68er-Generation kämpften gegen die Norm der Zweierbeziehung mit Trauschein und Kind, doch heute scheint das Konzept aktueller denn je. Etwa 10.000 Menschen sollen nach Angaben des Portals polyamorie.de in Deutschland in Poly-Beziehungen leben, die meisten von ihnen sind zwischen 30 und 50 Jahre alt. Seit einigen Jahren jedoch steigt auch die Zahl der Polyamoristen zwischen 20 und 30. Immer mehr „Millennials“ stellen in Frage, ob Liebe nur zu zweit funktionieren kann. So wie Lene, Martin und Mara (s. Seite 18), die Beziehungen abseits der Norm führen. Polyamorie, lange abgetan als Althippie-Utopie, hält Einzug in den Mainstreamdiskurs. Warum gerade jetzt?

Die Berliner Paar- und Sexualtherapeutin Elena Rauch sagt: „Der  Zeitgeist der modernen Gesellschaften – mit seiner hohen Aufklärung und Toleranz – macht es der Psyche möglich, sich individuell einzurichten, ohne dabei seelisch zu erkranken“, sagt Rauch. Das wirke schlechtem Gewissen und Selbstzweifeln entgegen.

Foto: joto/ Photocase
Foto: joto/ Photocase

Silvester 2015/16. Ein Tag, aufgeladen mit Erwartungen und Emotion. Huy ist auf der Party seiner besten Freunde. Er scheint ruhig, wie es so seine Art ist, doch innerlich ist er aufgewühlt. Es wird das erste Mal sein, dass er den Freund seines Schwarmes Donat sieht: Peter. Erst ein paar Tage davor hatte Donat ihm erstmals ein Foto von Peter gezeigt. „Der perfekte Schwiegersohn“, dachte Huy sogleich. Davor, seit September 2015, wusste Huy nur: In Donats Leben gibt es diesen Peter, mit dem er seit sieben Jahren zusammen ist.

Silvesterstimmung, Gläserklirren. Donat macht Huy und Peter bekannt, doch zunächst reden sie nicht viel. Später wagt sich Donat auf die Tanzfläche der WG. Electro-Pop beschallt die Party, The Knife aus Schweden singen: „I’m in love with your brother / When you to love / oh what a love“.Wie trefflich: das Aussprechen von Liebes-Tabus. Während Donat für sich allein tanzt, redet Huy mit Peter: „Ich freue mich, dich endlich kennen zu lernen.“ Und: „Ich habe ein schlechtes Gewissen dir gegenüber.“ Fünf Minuten später küssen sie sich, während Donat weitertanzt. Die nächsten vier Tage aber verbringen die drei innig zusammen. Freie Liebe. Klar, dass sie alle einander attraktiv finden. Aber wie sie konkret zueinander stehen könnten, bleibt noch in der Schwebe. Später gründen sie eine Whatsapp-Gruppe namens „Dreier“. Direkter geht es nicht.

Wie geht Romantik zu dritt? Letztens sind Donat, Peter und Huy zusammen an die Ostsee gefahren, waren wohl die jüngsten im Strandhotel in Warnemünde. Kein Doppelzimmer, sondern eine Familien-Suite, für drei oder so. Stockfinster die Nacht am Strand. Die drei zünden das Feuer für einen kleinen Ballon an. Himmelslaterne. Jeder wünscht sich was, ohne es laut auszusprechen. Ob sie sich das Gleiche gewünscht haben? In jedem Fall heizen solche Momente die Hoffnung an, dass weiterhin alles gut geht.

Polyamorie im Film

Die Idee ist gut, die Welt nicht bereit

Nach wie vor sind monogame Partnerschaften die Norm, Liebesbeziehungen mit vielen Menschen irritierend für die Mehrheit. Viele Polyamoristen berichten von Ablehnung: nicht selten, weil ihr Umfeld das Verhältnis nicht einordnen kann. Tatsächlich sind die Grenzen zu anderen Konzepten oft fließend. Wann wird etwa eine offene Beziehung – zwei Menschen sind liiert, daten aber auch andere – zu einer polyamoren? Wo endet eine Tinder-Affäre, wo beginnt eine tiefe Bindung? Wer sich auf eine polyamore Partnerschaft einlässt, muss Vieles hinterfragen und neu denken.

Ein Herz, kombiniert mit dem Unendlichkeitszeichen: Nicht für nie endende Liebe, sondern für Polyamorie – die Liebe zu Vielen – steht dieses SymbolIllustration: ZITTY
Ein Herz, kombiniert mit dem Unendlichkeitszeichen: Nicht für nie endende Liebe, sondern für Polyamorie – die Liebe zu Vielen – steht dieses Symbol
Illustration: ZITTY

Die Soziologin Gesa Mayer glaubt, Polyamorie beinhalte viele Werte – „wie etwa, sein Beziehungsleben an individuellen Wünschen statt an altbackenen Rollenklischees auszurichten“ –, die eigentlich gut in den Zeitgeist passen würden. Dennoch, sagt Mayer, können sich einer aktuellen Studie zufolge nur fünf Prozent der Befragten vorstellen, dass man mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig führen kann. „Um es mit Tocotronic zu sagen: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit.“

Professor Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, ist noch skeptischer: „Polyamorie ist ein Mythos wie Multi-Tasking“, sagt sie. „Sie funktioniert gerade in unserer Zeit nicht, weil wir so narzisstisch sind. Wir ertragen es nicht, wenn unser Aufmerksamkeitsbedürfnis zurückgesetzt wird.“ Heuser hält nichts davon, sich Eifersucht abzugewöhnen. Lieber solle man in einer monogamen Beziehung fremdgehen und die Seitensprünge gar nicht erst beichten. Eine Ansicht, die dem Konzept der Polyamoristen entgegenläuft. Sie glauben an das Gegenteil von Heusers Rat: radikale Offenheit.

Donat und Peter waren schon sieben Jahre zusammen, hatten von Anfang an eine offene Beziehung. Sie hatten sich stets von ihren Erlebnissen außerhalb der Beziehung erzählt. „Wenn man Sexualität wirklich miteinander teilt“, sagt Donat, „gehört auch die je eigene Sexualität dazu. Bei mir hat sich schnell ein Schalter umgelegt: Ich konnte es genießen, wenn Peter Spaß hatte, fand das geil und schön. Und es tat gut, diese Geschichten zu teilen.“ Dabei interessierte Donat, anders als Peter, nicht so sehr „technischer Sex“, wie er sagt, sondern: „Mit jemand anderem wirklich in Kontakt zu kommen.“ Dann lernte Donat Huy über die Dating-Plattform Gayromeo kennen, und es funkte – viel mehr als bei allen Männern davor. „Klassisch wäre gewesen: Ich verliebe mich in Huy“, sagt Donat,  „und muss deshalb mit Peter Schluss machen. Aber das stimmte so für mich nicht.“

Ein Vorurteil polyamoren Beziehungen gegenüber ist: Wer sich nicht auf einen Partner festlegt, pflegt Entscheidungsneurosen, ist unsicher, unreif, nicht bereit für eine tiefe, emotionale Bindung. Jules Goetzke, Journalist_in aus Berlin, glaubt nicht, dass Menschen sich für polyamore Beziehungen entscheiden, weil sie fürchten, etwas zu verpassen. Im Gegenteil: „Polyamor lebende Menschen sind bei Beziehungen eher konservativ: Sie wollen sie alle behalten“, sagt Goetzke.

Alle im Freundeskreis der drei Männer wissen Bescheid über die Liebesbeziehung. Fragen tauchen auf: Warum tut man sich das an? Muss man nicht wahnsinnig eifersüchtig sein? „Wir glauben“, sagt Donat, „dass Eifersucht überwindbar ist, indem man loslässt. Der Wunsch nach einer exklusiven Paarbeziehung ist auch nicht genuin, sondern erlernt.“

Frei von Eifersucht sein? Ein Mythos

Der Umgang mit Eifersucht ist eines der heikelsten Themen in polyamoren Beziehungen. Kann man sich Anspruchsdenken abgewöhnen – und muss man das überhaupt? Jules Goetzke glaubt, dass Verlustängste nicht angeboren sind. „Das Gefühl, das wir als Eifersucht beschreiben, wird so oft als natürlich deklariert, ohne dass wir versuchen, dahinterzuschauen“, sagt Goetzke. „Dann gilt Monogamie als die Lösung.“ Die Paar-Therapeutin Elena Rauch beschreibt Eifersucht als Mischung von eigenen Angstgefühlen und Wut, die jedesmal anders gefärbt sei – weil noch andere Zutaten beigemischt werden, wie Selbstabwertung, Übermachtsgefühle oder Besitzdenken. Man könne sich die Eifersucht tatsächlich abgewöhnen: Indem sich jeder Partner bewusst wird, welche Lebensaufgaben und Lebensmomente er mit dem Anderen teilen möchte. Viele Polyamoristen machen die Erfahrung, sagt die Soziologin Gesa Mayer, dass Zuneigung, Hingabe, Vertrauen und Freude nicht knapp werden und verschwinden, sondern wachsen, wenn mehrere daran teilhaben. Dann bestünde wenig Anlass für Verlustangst. „Es ist allerdings ein Mythos, dass Poly-Beziehungen gänzlich ohne Eifersucht auskommen müssen“, sagt Mayer. „Nur wird sie hier eben nicht als Naturgesetz betrachtet, sondern als etwas, woran man arbeiten kann.“

Das Leben wird nicht zwingend leichter

Donat geht es nicht darum, eine Theorie auszutesten:  „Ich will nicht ein abstraktes Konzept ausprobieren, und ich habe auch kein missionarisches Bedürfnis gegenüber Monogamen. Es geht mir um konkrete Schritte in meinem Leben. Ich habe Angst, irgendwann zu erstarren. Das passiert schnell, wenn man zu zweit aufeinander fokussiert ist. Es ist, egoistisch formuliert, für mich der Wunsch, geliebt zu werden, ohne besessen zu werden. Man achtet auf das Wohl und Glück der Anderen, aber die Basis muss jeder einzelne für sich sein.“ Huy sagt: „Wir haben keine Regeln, sondern nehmen Rücksicht. Auch unser Dreierkonstrukt ist offen: Es gibt den Dreierteil und jeden für sich.“ Anders als der skeptische Freundeskreis stehen Donats Eltern bedingungslos hinter dieser Liebe. Peter und Huy gingen auch schon mit Donats Vater Abendessen.

Fühlt sich Sex zu dritt anders an? „Für mich fühlt sich Sex jedes Mal mit jedem Menschen anders an“, sagt Donat. „Ich kenne gar nichts, was sich so sehr nicht wiederholt, wie mit jemandem zu schlafen.“ – „Zu dritt dauert es länger“, meint Huy. „Überhaupt“, sagt Donat, „ist bei diesem ganzen Poly-Ding der limitierende Faktor die Zeit.”

„Jules und Jim“ von François Truffaut – 2 Männer lieben eine Frau

Treffen koordinieren, sich Zeit nehmen, aufeinander achtgeben: Was sich bereits in monogamen Beziehungen im Alltag oft schwierig gestaltet, wird noch komplizierter, wenn sich die Aufmerksamkeit auf mehr als einen Partner richtet. In Zeiten, in denen Menschen alle Prozesse – von der Kommunikation bis zum Musikkonsum – effizienter gestalten wollen, ist Polyamorie ein Konzept, das viel Zeit und Energie einfordert – und ein Leben nicht zwingend einfacher macht.

Wenn es darum geht, ab Oktober zu dritt im Eckhaus Schönhauser/Kastanienallee die Utopie freiheitlicher Liebe zu leben, spürt man bei Huy den großen Wunsch, einander noch vertrauter zu werden. „Peter kenne ich einerseits schon gut“, sagt Huy, „andererseits ist er auch noch ein Fremder. Wir haben schließlich die ersten Schritte übersprungen.“ Vielleicht gibt es bei einer Liebe zu dritt auch nicht die konkreten Blaupausen, auf die man zurückgreifen kann. Donat, Peter und Huy werden in den legendären Eckhausräumen ihre eigene Liebesgeschichte weiterschreiben.

Diese Woche steht die Einweihungsparty an, sicher auch auf der Dachterrasse, auf der 1892 Deutschlands erster Film gedreht wurde. Ein Ort für kleine Revolutionen. Steht man auf diesem höchsten Haus im Bezirk, schweift der Blick in alle Richtungen frei bis zum Horizont. Keine Limits, außer dem Himmel über Berlin.

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Vom Beratungsstammtisch bis zum Polytantra: www.polyamorie.de

 

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