Interview

Porn by pornceptual – Sexparties als Kunst

Seit fünf Jahren veranstalten Raquel Fedato und Chris Phillips die sexpositive Partyreihe „Porn by Pornceptual“. Ein Gespräch über gute Pornografie, Körperbewusstsein – und Meerjungfrauen

Raquel Fedato, Chris Phillips, Sex ist ja ziemlich präsent in unserem Alltag. Was ist eigentlich so revolutionär daran, nackt zu tanzen?
CP: Halt, Stopp. Was wir in den Medien sehen, ist ein sehr beschränktes Bild von Sex…
RF: … und ein sehr kommerzielles, konservatives noch dazu. Das versuchen wir mit dem „Pornceptual“-Projekt zu bekämpfen. Unsere Idee ist, zu beweisen, dass Pornografie etwas wirklich Schönes und künstlerisch Wertvolles sein kann – und nicht nur das, was wir in Werbespots sehen. Wir können heute leicht auf Unmengen an Pornografie zugreifen, aber im Ernst, der Großteil ist einfach schlecht.
CP: Das, was man dort sieht, mit echtem Sex zu verwechseln, kann sehr verwirrend sein. Dabei ist Sex ein so komplexes Thema! Deshalb ist es wichtig, Leute zu ermuntern, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und Pornografie zu erschaffen. Nur so können wir diese Mainstream-Vorstellung von Sex besiegen, …
RF: … die Grenzen zwischen Kunst und Pornografie austesten. Und überhaupt, Kunst zugänglich machen.

Sie stellen das klassische Privatsphäre-Konzept von Sexpartys auf den Kopf: Während sonst meist strenges Fotoverbot herrscht, haben Sie einen Raum eingerichtet, in dem sich die Gäste fotografieren lassen können. Die Bilder werden später auf Ihrer Website präsentiert. Was ist die Idee dahinter, eine so intime Party zu dokumentieren?
CP: Unsere Gäste sollen Teil des Projekts werden können, indem sie für die Website posieren. Es klingt sehr simpel, aber diese Fotos befreien unsere Gäste, helfen ihnen, die Selbstwahrnehmung zu schärfen und ein besseres Verhältnis zum eigenen Körper zu entwickeln. Und ein politischer Akt ist es außerdem. Durch unsere Fotos sind Menschen repräsentiert, die man sonst nicht in der Model- oder Pornoindustrie sieht.

Pornceptual
Foto: Chris Phillips

Apropos, wer kommt so zu Ihren Partys?
RF: Bei 2.500 bis 3.000 Gästen pro Party ist das immer ein sehr gemischtes, internationales Publikum von Leuten in ihren 20ern bis zu Gästen in ihren 40ern. Viele Leute fliegen sogar extra für die „Pornceptual“-Partys nach Berlin! Das Tolle ist, dass zu uns auch viele Frauen kommen, was bei queeren Partys oft nicht so ist.

In den letzten Jahren erlebten sexpositive Partyreihen wie „Pornceptual“ in Berlin einen Boom. Wie erklären Sie sich das?
RF: Es brauchte einfach Veranstaltungen, die hinterfragen, was eine Sexparty überhaupt sein soll.
CP: Berlin ist eine sehr sexuelle Stadt, Fetisch­partys gibt es hier seit Ewigkeiten …
RF: Aber wir wollten mit diesem Konzept spielen. „Pornceptual“ ist keine reine Sexparty, keine reine Technoparty …
CP: … und auch immer ein Kunstevent. Die Atmosphäre ist natürlich sexuell aufgeladen, aber du kannst dich auch einfach auf die Musik oder die Kunst einlassen, statt Sex zu haben. So ist es einladender für Menschen, die vielleicht noch nie auf einer Sexparty waren.
RF: Außerdem sind viele Leute einfach ­gerne nackt. Auf klassischen Fetischpartys bedeutet Nacktheit aber oft automatisch eine Einladung. Nicht so bei uns.

Eine Sexparty für Einsteiger.
CP: Natürlich haben wir einen Dresscode, der auch darüber entscheidet, wer reinkommt. Die Gäste sollten schon etwas zur Party beitragen und nicht in einem langweiligen Outfit aufkreuzen. Wir haben auch drei unterschiedliche Preiskategorien für Gäste, die vollständig angezogen, halbnackt oder nackt kommen. Das soll sie ermutigen, sich auszuziehen.
Was war Ihr schrägstes Erlebnis in fünf Jahren „Pornceptual“?
RF: Schwer zu sagen. Als wir mit dem Projekt angefangen haben, hat uns natürlich noch einiges geschockt, was uns heute total normal vorkommt. Ich sitze so oft mit meinem Partner beisammen und checke meine Mails, und die Hälfte meiner Post besteht aus Fotos von Schwänzen, Vaginas und Brüsten. Am Anfang fand ich das verrückt, heute gehört es einfach zu meinem Arbeitsalltag.
CP: Du entwickelst einfach eine neue Vorstellung von Normalität.

Aber irgendein Feiererlebnis muss Ihnen doch besonders in Erinnerung geblieben sein …
CP: Einmal haben wir die Party einem alten Schlachthaus veranstaltet, das war schon etwas Besonderes. Dort ist dann ein sehr interessanter Performancekünstler aufgetreten, der als Meerjungfrau verkleidet war. Er legte sich in einen Swimmingpool – und die Leute sollten auf ihn pinkeln.
RF: Und dann schwamm die Meerjungfrau in der Pisse. Sehr interaktiv.

Oh.
RF: Sehen Sie? Früher dachte ich bei solchen Fetischen, wow, was ist das denn? Und heute sage ich mir: Okay, so ist das also.

Chris Phillips
Foto: Chris Phillips

Bei allem Spaß am Grenzentesten, wie schützen Sie Ihre Gäste vor Übergriffen und unangenehmen Situationen?
RF: Wir haben viele Regeln, die alle kennen sollen, die zu uns kommen. Und die wichtigste Regel lautet: Niemanden anfassen, ohne vorher zu fragen. Den Raum von anderen respektieren. Natürlich tolerieren wir auch keine Form von Sexismus, Homo- oder Transphobie, Fat- oder Bodyshaming.

Wie vermitteln Sie den Gästen Ihr Sicherheitskonzept?
RF: Unsere Regeln sind überall zu lesen. Wir kommunizieren viel online, aber auch auf den Partys selbst stehen unsere Richtlinien unübersehbar auf riesigen Schildern. Außerdem haben wir ein sehr großes Security- und Awareness-Team (Anm. d. Red.: geschultes Personal, das bei Problemen ansprechbar ist und selbst die Augen nach Gästen in Schwierigkeiten offenhält).

Kann eine Sexparty jemals ein völlig sicherer Ort sein?
RF: Ich denke schon, dass man dem nahekommen kann. Je länger wir die Partys veranstalten, desto wirksamer werden unsere Mechanismen, um unseren Gästen einen geschützten Raum bieten zu können. Klar, zu 100 Prozent kann man Sicherheit nie garantieren, solange man immer wieder neue, unerfahrene Leute auf die Partys lässt. Die brauchen dann Nachhilfe, das ist ein nie endender Prozess.

Wer einen Körper hat, der nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, legt seine Komplexe nicht an der Tür ab. Wie verhindern Sie, dass auf den Partys dieselben Normen greifen wie im Alltag?
RF: Tatsächlich ist das auf den Partys kein Problem …
CP: Wenn du immer nur einen Typ Körper in den Medien siehst, denkst du natürlich, irgendwas ist falsch mit dir. Aber sobald du auf eine Party gehst, wo alle Arten von Menschen nackt sind, legst du deine Scham sehr schnell ab.

Es gibt ja durchaus Kritik am Konzept der sexpositiven Partys. Was entgegnen Sie auf den Vorwurf, Veranstaltungen wie Ihre würden Sex und Sexualität zum Hochglanzprodukt machen?
RF: Ernsthaft, da würde ich komplett widersprechen. Als wir angefangen haben, gab es in Berlin noch keine vergleichbare Party. Wir haben „Pornceptual“ nicht mit der Intention gestartet, ein Produkt auf den Markt zu bringen oder Sexualität zu kommerzialisieren, vielmehr entstand das Projekt aus einem sehr persönlichen Bedürfnis heraus. Wir selbst wollten mehr über uns und unsere Sexualität herausfinden und hatten das Gefühl, viele Leute teilen diesen Wunsch, aber auch unsere Ängste davor.
CP: Außerdem denke ich nicht, dass sich Inszenierung und echtes Erleben ausschließen müssen. Du kannst Sex und Körper auf sehr ästhetisierte, künstlerische Weise präsentieren – und die Bewusstseinserweiterung, die daraus resultiert, im täglichen Leben doch sehr authentisch wahrnehmen.
RF: Ich denke, die Berliner Party-Community hat grundsätzlich große Angst davor, dass „ihre“ Veranstaltungen zu viel Aufmerksamkeit bekommen …
CP: Ja, die Techno-Szene der Stadt, ob hetero- oder homosexuell, ist ziemlich protektiv. Die wollen alle in ihrer kleinen Blase bleiben. Das ist okay, aber nicht unser Anspruch. Wir wollen viele Leute erreichen.

Surrealist Porn
Foto aus der „Surrealist Porn“-Reihe

Was hat sich in der Pornobranche getan, seit Sie angefangen haben?
RF: Wir haben definitiv mehr Filmemacher, die „Alternative Porn“ drehen. Eigentlich ein furchtbarer Begriff, es sollte nur „Porn“ heißen …

Weil der Zusatz „Alternative“ suggeriert, alle, die keine Modelmaße haben, seien die Abweichung von der Norm?
RF: Genau. Es gibt heute tolle feministische Porno-Regisseurinnen, zum Beispiel Erika Lust und Courtney Trouble, deren Filme sehr ästhetisch sind – und trotzdem etwas Reales transportieren. Das war vor fünf Jahren noch anders.

Pornceptual mit DJ Hell

pornceptual.com