Ungeheure Präsenz

Porträt Anna Drexler

Das preisgekrönte Jungtalent Anna Drexler spielt erstmals am Deutschen Theater. Im Sommer 2015 wechselt die Schauspielerin fest ins Ensemble

Text: Georg Kasch

Berlin wimmelt vor wunderbaren Schauspielern. Aber solche vom Format einer Anna Drexler sind auch hier rar. An den Münchner Kammerspielen hat sie in den letzten zwei Jahren Hauptrollen in Serie gespielt, vergangenes Jahr kürten die Kritiker des Fachblatts „Thea­ter heute“ sie zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres, kürzlich verlieh ihr das Bayerische Kultus­ministerium den hoch dotierten Kunst­förderpreis für junge darstellende Künstler. Jetzt wird sie auch in Berlin zu sehen sein: in Jette Steckels DT-Inszenierung von Arthur Schnitzlers „Das weite Land“. Zur nächsten Spielzeit wechselt sie fest ins DT-Ensemble. Drexler ist 24. Muss man mehr sagen?

Man muss. Zum Beispiel etwas über ihre ungeheure Präsenz. Wie sehr sie einem an die Nieren geht, wenn sie in Johan Simons’ „Onkel Wanja“-Inszenierung dick bebrillt und mit strähnigem Haar die Sonja spielt. Mit welcher hilflosen Zärtlichkeit sie gleich zu Beginn ihre Hände von hinten durch Wanjas Achselhöhlen steckt, als wolle sie ihn umarmen, dann aber nur ihre Augen und Finger irrlichternd irritiert bewegt. Wie berührend es ist, als sie später ihre Finger sacht über den Rücken des von Sonja geliebten Arztes tanzen lässt, als könne sie mit dieser hilflosen Geste alles über ihn erfahren.

Ihre Hände mit den intensiv­rot bemalten Nägeln sind auch im Gespräch präsent und flackern durch die Luft wie eine Geburtshilfe für Gedanken. Jeden Satz stemmt sie auf eine euphorisch-hibbelige Art aus sich heraus. Erstaunlich erwachsen wirkt sie, so gewissenhaft lässt sie sich auf die Fragen ein. Zum Beispiel die über Berlin, die Stadt, in der sie aufgewachsen ist. Sie freut sich darauf, „an einen Ort zurückzukommen, den ich neu kennen­lernen darf“. Geboren wurde sie zwar in Filderstadt nahe Stuttgart, als Tochter zweier Schauspieler. Aber als sie neun war, zog die Mutter mit ihr nach Berlin. Hier ging sie auf eine Waldorfschule, spielte dort in „Kasimir und Karoline“ die weibliche Hauptrolle.

Schauspielerin wollte sie dennoch lange nicht werden, und im Theater war sie als Jugend­liche auch nur selten, im Deutschen Theater etwa zwei bis drei Mal. „Ich hatte kein Durchhaltevermögen, meistens bin ich rausgegangen.“ Eine Erfahrung, die sie auf der Bühne äußerst ungern macht: „Es gibt ja diese Gemeinschaft zwischen Zuschauern und Schauspielern. Wenn die jemand verlässt, dröselt die Spannung auf.“

Ihre erste Rolle am DT ist eine weitere in der Reihe jener jungen, vom Schicksal und den Anderen nicht gerade behutsam angefassten Frauen, für die sie gefeiert wird: Erna, die der Fabrikant Hofreiter zu seiner Geliebten macht und sie dabei ebenso behandelt wie den Rest der Gesellschaft – als eine Unterhaltung. Drei Wochen vor der Premiere hat Drexler die Rolle noch nicht endgültig umrissen, sagt aber: „Dafür, dass sie so jung ist, handelt sie ziemlich unkonventionell. Sie gibt sich bewusst in eine Situation, die nicht gut für sie ausgeht.“

Dass die neue Situation im star­satten DT-Ensemble gut für Drexler ausgeht, ist wahrscheinlich, aber nicht selbst­verständlich. „Man ist immer darauf angewiesen, dass man aufgenommen wird“, sagt sie. Wieder so ein gelassen-kluger Satz. „Ich will mich nicht ­ellenbogenmäßig reinzwingen, sondern mit mensch­lichem Interesse reingehen. Das braucht Vertrauen.“ Geerdet wirkt Drexler übrigens auch. Keine schlechte Eigenschaft, um in Berlin anzukommen.

„Das weite Land“, Fr 12. (Premiere) + Sa 13.12., 19.30 Uhr, Deutsches Theater. Regie: Jette Steckel; mit Felix Goeser, Maren Eggert, Anna Drexler, Ulrich Matthes. Eintritt 5-48, erm. 9 Euro