»Wer schläft, liebt nicht«

Porträt Christopher Rüping

Keine 30 und schon zum Theatertreffen eingeladen: Jung-Regisseur Christopher Rüping macht Furore. Jetzt inszeniert er „Romeo und Julia“ am Deutschen Theater. Ein Porträt

Text: Regine Bruckmann

Das findet man unter Theaterregisseuren gar nicht so oft: einen netten jungen Mann – unprätentiös, gesprächsbereit, Jeans, ­Pulli, offener Blick. Er nimmt sich Zeit, obwohl er am Deutschen Theater gerade mitten in den Proben zu „Romeo und Julia“ steht. Er redet sich hinein in Gedanken und Wort­kaskaden, die immer wieder in seiner Begeisterung zu leuchten beginnen: „‚Romeo und Julia‘“, sagt er, „ist das Stück überhaupt. Die größte Geschichte der Welt!“

Christopher Rüping ist ein Shooting­star unter den jungen Regisseuren. In Hannover geboren, noch keine 30 Jahre alt, ­Regie-Studium in Hamburg und Zürich, einige freie Produktionen, die auf Festivals wie Kaltstart in Hamburg oder dem DISKURS­-Festival in Gießen gezeigt wurden. War es Glück oder war er zur rechten Zeit am rechten Ort? Jedenfalls bekam er 2011 seine erste große Chance, als die vorgesehene Regisseurin erkrankte und die Theaterleitung in Frankfurt das Wagnis einging, ihm den „Großen Gatsby“ anzuvertrauen. Die Inszenierung wird ein Erfolg. Von nun an geht’s nur noch bergauf.

Zeit für eine neue Generation von Theatermachern

Nach einigen Stationen an Staats­theatern der Republik – Braunschweig, München, Berlin – kommt nun mit der Stuttgarter Inszenierung von „Das Fest“ (nach dem Film von Thomas Vinterberg) so etwas wie der Ritterschlag: die Einladung zum diesjährigen Thea­ter­treffen, zur prominentesten Leis­tungsschau im deutsch­sprachigen Theater. Darauf ist Rüping natürlich stolz. Und er ist „glücklich, Teil der Runde zu sein, die dieses Mal ihre Arbeiten präsentiert“. Er nennt Robert Borgmann und Susanne Kennedy, Regisseure seiner Generation, Rüping aber ist der Jüngste unter ihnen. „Das ist eine Entscheidung der Jury für eine andere, eine neue Generation von Theatermachern“, sagt er, es sei „Zeit für ein post­heroisches Regie­theater“. Zeit für ein Theater des Gruppen- und des Wir-Gefühls.

„Wir“, sagt er und meint etwa den Bühnenbildner Jonathan Mertz, die Kostümbildnerin Lene Schwind oder den Musiker Christoph Hart. Sein Kernteam, das auch bei „Das Fest“ mit dabei war. Und jede Produktion erfordere ihre eigene Ästhetik: „Bei dem ‚Fest‘ gab es schon eine extreme Knalligkeit und gewalt­tätige, brachiale und komische Interventionen“, sagt Rüping über seine In­szenierung des Stücks, in dem der sexuelle Miss­brauchs eines Vaters an zweien seiner Kinder aufgedeckt wird. „Aber warum? Weil die Figuren mit allen Mitteln versuchen, die Tatsache der Vergewaltigung zu über­spielen.“

Bei „Brandung“, dem ersten Text, den er für das Deutsche Theater inszenierte, „ging es um einen Albtraum, der Klarheit und Kälte erforderte“, erklärt Rüping. „Und bei ‚Romeo und Julia‘ wird die Bildsprache wieder eine ganz andere sein – viel sanfter, poetischer.“ Das gemeinsame Credo des Teams ist: Die Form sollte aus dem Inhalt entstehen, nicht umgekehrt, und von den beteiligten Menschen geprägt sein.

Der Superlativ der Liebe

Rüping ist die Vorstellung einer „persönlichen Handschrift“ eher unangenehm: „Das finde ich sogar schlimm. An jeder Produktion sind doch so viele Menschen beteiligt, die viel von sich hinein­geben. Wenn man das nicht sieht, wenn das keinen Einfluss auf die Produktion hat, sondern man nach zehn Minuten im Theater sagen kann: Das ist ein typischer So­undso – da muss man sich doch fragen, was das eigentlich bedeutet?“ Daher ist jemand wie der Regisseur Nicolas Stemann ein Vorbild für ihn, oder auch die Arbeits­weise der Performance-Gruppe She She Pop – eher suchend als findend, gemeinsam kreativ, unter Freunden.

Klar deshalb, dass Rüping den „mündigen Schauspieler“ bevorzugt, der seine Persönlichkeit, seine Gedanken und Ausdrucks­möglichkeiten einbringt. So verlangte Rüping vom DT, dass die Rolle der Julia nicht aus dem Ensemble, sondern mit der Schauspielerin Wiebke Mollenhauer besetzt wird, die er aus Frankfurt kennt: „Julia muss etwas Mädchenhaftes haben, darf aber nicht hys­terisch werden. Wie ich mir Julia vorstelle, diese Zart­heit, diese Tiefe, diese offenen Augen – das ist Wiebke!“

Ach, „Romeo und Julia“ – dieses unfassbare, einzige, ewige Stück: „Das ist der Superlativ der Liebe. Die beiden gucken sich einmal an und entschließen sich, füreinander zu sterben. Liebe, Familie, Tod – alles ist konzentriert in einer einzigen Geschichte.“ Die wir alle kennen und doch nicht erleben. Eine Geschichte wie aus einer anderen Welt, die trotzdem wahr und wirklich ist: „‚Romeo und Julia‘ sollte man nicht als Sozialdrama in prekären Verhältnissen spielen lassen, das ist Mythos pur.“ Der Mythos der einzigen, der großen Liebe. Verkörpert wird dieser gelebte Traum von jungen Menschen, die, so Rüping, am Ende alle tot sind: „Das ist so traurig an dem Stück. Die ältere Generation, die Erwachsenen, die allesamt unseriös und egoistisch sind, die im falschen Augenblick mit dem falschen Ratschlag zur Stelle stehen – die überleben.“

Rüping und sein Team haben das bekannte Shakespeare-Stück, die wohl berühmteste Liebesgeschichte der Welt­literatur und ein Stück Popkultur, in einzelne Szenen auf­gebrochen und in ihrer Reihenfolge verändert, manches wiederholt sich. So wird, mit etwas Glück, „ein albtraumhaftes Karussell, ein rauschhafter, schlafloser Zustand“ entstehen. Denn die Handlung von „Romeo und Julia“, vom ersten Kennenlernen bis zum Liebestod, ereignet sich in nur dreieinhalb Tagen, und in dieser Zeit schläft niemand. Noch nie aufgefallen?

Christopher Rüping hat es gemerkt und zitiert aus dem Roman „Schlafes Bruder“: „Wer schläft, liebt nicht.“ Dann muss er eilig aufbrechen, zu den Proben. Und nimmt seine ganze Begeisterung, seine junge Leidenschaft und seinen unbekümmerten Mut mit hinein, „Romeo und Julia“ und damit das Theater neu zu erfinden.

28.3., 20 Uhr (Premiere), 2.4., 19.30 Uhr, Kammerspiele des Deutschen Theaters. Regie: Christopher Rüping; mit Wiebke Mollenhauer, Marcel Kohler, Natalia Belitski, Michael Goldberg. Eintritt 5-48, erm. 9 Euro