Berlin

Porträt: Marica Bodrožic

Die Schriftstellerin Marica Bodrožic wurde im früheren Jugoslawien geboren und lebt heute in Berlin. Ihr neuer
Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ ist ein kluges und poetisches Erinnerungsbuch.

 

Kann Literatur wirklich Leben retten? Diese schwerwiegende Frage fällt im Schöneberger Café Lenzig, während die Spätsonne durchs Fenster scheint. „Ja, sie kann“, sagt Marica Bodrožic  entschieden. „Wenn man davon ausgeht, dass Leben mehr ist als der Körper, dann kann die Literatur das.“

Bodrožic weiß, wovon sie redet. Die temperamentvolle Schriftstellerin und Lyrikerin, deren neuer, ausgesprochen schöner Roman den nostalgischen Titel „Kirschholz und alte Gefühle“ trägt, verfügt über einen bewegten Erinnerungshorizont. Manchmal blieben ihr nur Bücher, Gedichtbände von Ossip Mandelstam und Marina Zwetajewa etwa. „Mit Lyrik wird die Tiefe des Seins berührt. Gedichten zu vertrauen hat mir die Kraft gegeben, meiner inneren Stimme zu folgen“, sagt sie. Das war, als sie die Kindheit ohne ihre Eltern verbringen musste. Oder als sie für einige Jahre alleine in Paris lebte, einer Stadt, in der sie niemals heimisch wurde.

1973 im dalmatinischen Dörfchen Svib, im heutigen Kroatien geboren, wuchs Bodrožic zunächst bei ihrem Großvater auf. Der war früher Koch bei den Partisanen, die die Faschisten vertrieben hatten, später Glöckner der katholischen Dorfkirche. „Jugoslawien hat mich geprägt. Es gab keinen Fernseher, kein Telefon, aber den Kommunismus und die katholische Kirche, an der ich als Pionierin vorbeimarschiert bin“, erinnert sie sich und schiebt mit einem warmen Lachen hinterher, dass Rosa Luxemburg und Jesus für sie genau die richtige Mischung sei. Erinnern funktioniert bei ihr nie ohne Reflektion. Zwar verfügt sie über viele konkrete Erinnerungen, inwieweit das Schreiben diese formt, sei sie sich nicht sicher. „Finden ist immer auch Erfinden.“

Erst mit zehn Jahren zog sie zu ihren als Gastarbeiter in Hessen lebenden Eltern und lernte Deutsch, die Sprache ihrer Bücher. „Ich bin in dieser Sprache angekommen, spreche, denke und schreibe deutsch.“ Nach einer Ausbildung zur Buchhändlerin studierte sie in Frankfurt am Main Kulturanthropologie, Psychoanalyse und Slawis­tik. 2002 reüssierte sie mit ihrem Erzählband „Tito ist tot“ und publiziert seitdem Lyrik- und Prosabücher wie den assoziativen Roman „Das Gedächtnis der Libellen“. Erinnerung ist ein zentrales Thema ihres Schreibens. Hinzu kommen Erfahrungen mit Fremdheit, das Ankommen an immer neuen Orten und auch in neuen Sprachen. In „Kirschholz und alte Gefühle“ kann sich die Protagonistin nicht von einem alten Tisch trennen, der ihrer Großmutter gehörte. Zu viele Erinnerungen hängen daran, an die Adria-Halbinsel Istrien, an Pariser Studentenzeiten oder die Liebe zum Maler Arik. Bodrožic von französischen Autoren wie Nathalie Sarraute, aber auch der deutschen Romantik und russischen Avantgarde beeinflusste Prosa kommt mit lyrischer Verve daher, eine Rarität im deutschen Literaturbetrieb. In gewisser Weise singt in ihren Texten etwas: „An den August denke ich. An das Damals im Hier. Es war mir nie genug, dass ich bin, wie ich bin, ich wollte immer wissen, was der Grund dafür war … Das Meer ist in mir und ich bin im Meer.“

Marica Bodrožic war immer eine Reisende. „Ich wusste nie, wo ich herkomme und auch nie wo ich hingehe“. In Berlin, wo sie seit zehn Jahren lebt, hatte sie erstmals das Gefühl, zu Hause zu sein. „Berlin – das war Liebe auf den ersten Blick. Ich habe es physisch empfunden: Hier will ich bleiben.“ Schöneberg hat es ihr besonders angetan. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Schriftsteller Gregor Hens, wohnt sie auf der Roten Insel. Einer ihrer Lieblingsorte ist die Langenscheidtbrücke, an der in Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“ der sterbende Motorradfahrer sitzt.

Für Bodrožic ist der Blick über die Gleise, an deren Ende der Fernsehturm aufragt, ein Schlüssel zur Stadt. Die Weite ist es. Genauso wie auf dem Tempelhofer Feld, wo sie morgens joggen geht. „Um diese Zeit hat man den ganzen Himmel für sich allein“, sagt sie. Sie mag Berlin auch, weil es „keine glatte Schönheit ist, die einem wie in Paris serviert wird. Man muss sich ihr aussetzen. Dasselbe gilt für die Literatur. Mir geht es darum, an der Sprache zu arbeiten. Ich will, dass sie etwas mit einem macht. Es ist ein Fehler, den Leser in dieser Hinsicht zu unterschätzen.“

 

Marica Bodrožic: Kirschholz und alte Gefühle, Luchterhand 2012, 224 Seiten, 19,99 Euro