Kino

Postcards from London

Eben noch nächtigte Jim in der ­Gosse, schon soll er Gauguin treffsicher von Goya unterscheiden können. Also ­deren ­Gemälde. Wobei Jim mit seinen unverschämt hohen roten Wangen (denen auch sein sonstiger jugendlicher Prachtkörper in nichts nachsteht) selbst so wirkt, als wäre er gerade einer ganz besonders schwulen Leinwand des barocken ­Meisters Caravaggio entstiegen. In einem Flashback erfahren wir alsbald auch, wie es so weit kommen konnte: Jim erklärt seinen Eltern voller Elan am Abendbrottisch im länd­lichen Essex, dass er, hungernd nach Möglichkeiten, raus nach London, ins Künstlerviertel Soho will, ja muss.

Schon diese kleine Szene ist ganz wunderbar: Die elterlichen vier Wände mit ihrer gleichförmigen, sich fortwährend wiederholenden Mustertapete rahmen ein nur wenige Kubikmeter kleines Pappkistenwohnzimmer. Man spürt die Enge, ohne Drama. Die Eltern sind keine homophoben Hasskarikaturen; sie werden zwar nie ganz verstehen, warum Jim weg muss, aber sie helfen, so weit sie eben können.

Kurze Zeit später hält Jim ein völlig überdimensioniertes Ticket in der Hand, Amélie-like. In London jedoch, wie gesagt, ist das Leben auch kein Zuckerlutschen. Ein Glück, dass Jim die Raconteurs trifft, einen charmanten Trupp junger, distinguierter Kulturstricher, die sich für Cash nicht bloß durch Soho bumsen, sondern vor allem mit ihren postkoitalen Künsten glänzen: Statt der Zigarette danach gibt’s bei den Raconteurs hochkulturelles Geplauder über die Meisterwerke der Kunstgeschichte. Geil. Diese Idee entspinnt der Film einfallsreich auf eine witzige Weise, die nie in plumpe Albernheit kippt.

Postcards from London
Foto: Salzgeber

Man muss die überquellenden Kultfilm-­Anspielungen, etwa auf Gus van Sants „My Private Idaho“ und Derek Jarmans „Caravaggio“, nicht mal als solche erkennen, um sophisticated Spaß zu haben. Doch Jim hat ein Problem in seinem Job: Er ­leidet am Stendhal-Syndrom, kollabiert also, wenn er wahrlich große Kunst sieht. Oops, nicht so praktisch. „Postcards from London“ ist von einer liebevollen Leichtigkeit, die süchtig macht. Keine einzige Einstellung könnte noch perfekter ausgeleuchtet sein. So lustig, lustreich und im selben Augenblick klug war schwuler Arthouse bis dato noch nie.

GB 2018, 90 Min., R: Steve McLean, D: Harris Dickinson, Jonah Hauer-King, Start: 13.12.

Infos und Termine

https://www.zitty.de/event/kino/postcards-from-london/