Kunst

Weniger Häppchen beim Preis der Nationalgalerie

Nach der Kritik 2017 ist an seinem Format geschraubt worden: Der Preis der National­galerie soll in entschlacktem Rahmen überreicht werden

Foto: David von Becker
Gruppenbild Shortlist-Kandidat*innen Preis der Nationalgalerie 2019 Pauline Curnier Jardin, Simon Fujiwara, Katja Novitskova, Flaka Haliti (v.l.n.r.) Foto: David von Becker

Zum zehnten Mal wird er schon verliehen, der renommierte Preis der Nationalgalerie . Auf der Shortlist für die alle zwei Jahre vergebene Auszeichnung stehen vier Künstlerinnen, die eins gemeinsam haben: Sie sind Kinder der 80er-Jahre und präsentieren Installationen. „Alle vier zeigen nicht einfach eine Zusammenstellung ihrer Werke in den gegebenen Räumlichkeiten, sondern schaffen eigene Welten oder Atmosphären“, sagt Kuratorin Dorothée Brill, „es entstehen neue Räume, mal theatralisch, mal futuristisch, mal nüchtern.“

wie das aussieht, lässt sich in der Ausstellung sehen, die am 16. August im Hamburger Bahnhof startet. Hahn im Korb ist der 1982 in London geborene Simon Fuji­wara. Zu den Finalistinnen zählen die in Marseille geborene Pauline Curnier Jardin, Flaka Haliti, die aus Pristina kommt, und Katja Novitskova, die in Berlin und in Amsterdam arbeitet. Am 12. September wird eine Jury den Gewinner oder die Gewinnerin bekannt geben. Zudem wird gemeinsam mit der Deutschen Filmakademie zum fünften Mal auch der Förderpreis für Filmkunst verliehen.

Kritik am Auftreten der Sponsoren

Die Preisfeier wird anders ausfallen als vor zwei Jahren. 2017 hagelte es Kritik an ihr, von der damaligen Preisträgerin und ­ihren Mitnominierten. Es sei mehr über ihr Geschlecht und ihre Nationalitäten gesprochen worden als über ihre Kunst, monierten die Künstlerinnen Agnieszka Polska, Sol Calero (s. S. 98), Iman Issa und Jumana Manna. Das hätte den Blick auf die ungleichen Chancen im Kunstbetrieb nur verschleiert. Eine gleichberechtigte Welt sehe anders aus. Auch die Zeremonie bekam ihr Fett weg. Zu viele Reden samt Entertainment hätte es gegeben, auf Kosten der Kunst, am Ende sei es mehr eine Feier der Sponsoren gewesen. Die Vier kritisierten zudem, dass es kein Honorar für die Präsentation gegeben habe.

Foto: Oumeya El Ouadie
Pauline Curnier Jardin „Blutbad Parade“, 2014 Film. Installationsansicht aus „Fußnoten eines Krieges“, Kulturtage Festival, 2014 | Courtesy of the artist and Ellen de Brujne Projects, Amsterdam | Foto: Oumeya El Ouadie

Das sei ein „Aufrüttler“ gewesen, heißt es bei der Nationalgalerie und ihrem Förderkreis, den Freunden der Nationalgalerie, die den Preis gemeinsam ausrichten. Man habe am „Format geschraubt“. So wurde die Shortlist diesmal nicht im exklusiven Häppchen-und-Champagner-Rahmen des Sponsors BMW bekanntgegeben, sondern auf ­einer öffentlichen Veranstaltung samt Party im Hamburger Bahnhof. Eine Aufwandsentschädigung gibt es nun auch. Der Festakt am 12. September soll schlichter werden: Die vier Künstlerinnen sollen als „Hauptdarsteller“ gleich zu Beginn auf der Bühne vorgestellt werden, nicht erst am Schluss. Ein Rahmenprogramm entfällt, die Moderation ebenso. Ob die Kunst an dem Abend auf ihre Kosten kommt, bleibt die Frage.

The Photographers‘ Gallery, London / Photographers’ Gallery and Ishikawa Foundation, supported by Arts Council England | Courtesy Simon Fujiwara, Esther Schipper, Berlin, TARO NASU, Tokyo
The Photographers‘ Gallery, London / Photographers’ Gallery and Ishikawa Foundation, supported by Arts Council England | Courtesy Simon Fujiwara: „Joanne“, 2016, © Simon Fujiwara, Esther Schipper, Berlin, TARO NASU, Tokyo

Wer sich die Viten der vier Künstlerinnen angeschaut, sieht: Es wird medienübergreifender gearbeitet als je zuvor – und eine (gesellschafts-) politische Ausrichtung weisen alle Werke auf. Vor Simon Fujiwara, der in Berlin mit seinem „The Happy Museum“ auf der Berlin Biennale 2016 bekannt wurde, muss man sich hüten, sonst ist man schnell Teil seiner Raumensembles, die mit Identität spielen. Seine eigene Biografie spielt dabei eine Rolle: Da baut er schon mal die alte Bar des Hotels seiner Eltern auf.

Reale Flucht, digitale Funde

oto: Andrew Radford
Katja Novitskova: „Invasion Curves“, 2018. Ausstellungsansicht, Skulptur, Ton, verschiedene Medien Aus der Einzelausstellung Invasion Curves, Whitechapel Gallery in London, 2018 | Courtesy of the artist, Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin , Foto: Andrew Radford

Auch Pauline Curnier Jardin hantiert mit verschiedenen Medien, ihr Fokus liegt jedoch auf dem Film. Dabei balanciert die Wahl-Berlinerin gern auf dem Seil des Abgründigen, immer mit einer guten Portion Humor. Mancher Horror-Trash erinnert an Filme von David Lynch. Auf der Biennale in Venedig 2017 war sie vertreten wie Flaka Haliti bereits 2015. Die Kosovo-Albanerin hat wie viele ihrer Landsleute die Flucht erlebt. Zuerst kam sie in einem Camp unter, dann bei Verwandten in Mazedonien. Mittlerweile lebt sie in München. Kaum verwunderlich, dass sich ihre Installationen und Skulpturen mit Migration und den Grenzen Europas beschäftigen. Ihre Werkserie „Is it you, Joe?“ wird in Berlin zu sehen sein. Als „Digital Native“ frickelt die aus Estland stammende Künstlerin Katja Novitskova Assemblagen aus Werbung und digitalen Fundstücken zusammen. Die meiste Zeit sitzt sie also vor dem Computer. Vor allem Themen der künstlerischen Intelligenz liegen ihr am Herzen. Ihre Entdeckungen transformiert sie in dreidimensionale Objekte.

oto: Mark Krause
Flaka Haliti: „Speculating on The Blue“, 2015. Foto: Mark Krause

Bis 2013 zählte der Preis der Nationalgalerie zu den höchst dotierten Kunstauszeichnungen im Land. Das Preisgeld von 50.000 Euro floss zur Hälfte in den Ankauf eines Werkes. Nach 2013 war Schluss mit Barem: Stattdessen sorgt nun eine Einzelschau der oder des Prämierten in einem der Häuser der Nationalgalerie für museale Weihen. Hinzu kommt eine Publikation, mit ihr können junge Künstlerinnen gut an ihrer Karriere arbeiten. Das sei besser als ein Geldpreis, heißt es aus der Nationalgalerie: Mit Euros sei eine Schau in einer bekannten Institution wie dem Hamburger Bahnhof nicht aufzuwiegen. Eine Katalogproduktion kann zwischen 30.000 und 40.000 Euro kosten, eine kuratierte Schau weit mehr. Vor 2013 war es oft so, dass der Preis den Künstler*innen zwar in den internationalen Kunstbetrieb hinein geholfen hat, in Berlin aber waren sie wenig präsent. Die Einzelschau hingegen ist ein wunderbares Hauptstadt-Schaufenster für die Künstler, um ihre Werke im großen Rahmen vorzustellen.

2015 gewann Anne Imhof den Preis, zwei Jahre später wurde ihr der Goldene Löwe für ihre Installation im Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig überreicht. Eine Blitzkarriere, die zeigt, wie gut die Spürnasen des Berliner Preisgerichtes doch sind.


Bis 16.2.: Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50–51, Mitte, Di, Mi, Fr 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Sa/So 11–18 Uhr, 8/4 Euro, bis 18 J. + Do ab 16 Uhr frei