Kein Ort für Rattenfänger

Prignitz – Zeichen gegen Rechtsextremismus

In der Prignitz haben es Rechtsextremisten schwer. Das liegt unter anderem an Christian Ebert.
Der Brandenburger setzt mit Filmen und Rockmusik ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit

DER ALTERNATIVE: Christian Ebert vertreibt Neonazis mit Punkrock
Ruhm 3/4
Hirn 2/4
Herz 3/4
Kohle 1/4

1.000 Besucher taumeln jeden August durch das 160-Einwohner-Dorf Boberow. Die Fußballwiese wird zum Campingplatz, auf einem Privatgrundstück toben sich Bands aus. Das „Rock-im-Moor“ Festival ist das Wacken der Prignitz – nur kleiner. Ein alternative Veranstaltung mit einer klaren Ansage: Nazis unerwünscht. Einer der Initiatoren ist Christian Ebert. Er gründete das Festival und spielt dort auch selbst mit seiner Band Fake. Die Gruppe ist nicht unbekannt. Sie erreichte 2002 das Halbfinale des Emergenza-Festivals und spielte 150 Gigs in der gesamten Republik. „Seitdem ist das Dorf stolz auf seine Rocker“, sagt der 38-Jährige. Das war nicht immer so. Als die sieben Punks 1998 in Boberow einfielen, stießen sie erstmal auf Skepsis: Ein Grund war die Art und Weise. Die Jungs in Lederjacke, einer mit Iro, ein anderer mit Glatze, besetzten eine leer stehende Scheune im Dorf. Sie suchten einen Platz zum Proben. Auf dem Dach hissten sie eine rote Fahne. In dieser Zeit erstarkte anderswo in Brandenburg das „rechtsextremistische Personenpotenzial“ wie es im Verfassungsschutzbericht heißt. Es stieg 1997 bis 1999 von 1.150 auf über 1.600 Personen an. Vor allem von rechtsextremen Hassbands geht dabei eine Gefahr aus. 24 soll es in Brandenburg geben, nur in Sachsen sind es mehr. Deren CDs verteilt die NPD an Schulen. Musik stiftet Identität. „Rock hat einen stupiden Rhythmus und die Texte lassen sich leicht mitgrölen“, sagt Ebert: „Doch es macht einen Unterschied, was Jugendliche dabei singen.“ Welchen Einfluss die Besetzung der Scheune hatte, lässt sich nur schwer beurteilen. Aber Bürgermeister Helfried Schreiber erkannte die Chance, zugleich das alte Gemäuer zu erhalten und etwas für die Jugend zu tun. „Oft reicht Langeweile aus, junge Menschen in falsche Hände zu treiben“, sagt der Punkmusiker Ebert. Die Band bekam 2000 einen Pachtvertrag. Die Moorscheune ist heute nicht nur ein Konzertclub, sondern auch ein Ort zur Rast nach Spaziergängen durch das Rambower Moor. Eine Spielstätte für laute Musik, aber ebenso für stille Momente. Jeden Morgen beginnt unter dem Dachstuhl das Kuhkino. Ebert serviert dazu Moorhappen. Im Grunde passiert nicht viel. Durch ein Panoramafenster können die Gäste verfolgen wie Kühe auf der Weide grasen. Nach einer hektischen Arbeitswoche kann dieser Anblick äußerst meditativ wirken. Und auch die Gewissheit, dass in der Prignitz trotz wirtschaftlicher Probleme rechte Rattenfänger kaum eine Chance haben, stimmt zuversichtlich. Auch Dank des Rock-im-Moor-Festivals.

19357 Boberow, Mellener Weg 3, Tel. 038781 429599, Sa/So 14-19 Uhr oder nach Anmeldung, www.moorscheune.de