Vater Staat gibt einen aus

Projekträume in Berlin

Erstmals will das Land Berlin Projekträume direkt fördern: mit Preisgeld für sieben Auserwählte. Ob das der richtige Weg ist, darüber streitet die freie Szene

Dickes Tuch verhängt die Fenster, Scheinwerfer strahlen auf eine junge Frau. Sie soll sagen, wie sie sich ihr Künstlerdasein im Jahr 2084 vorstellt. In welcher Währung wird bezahlt, und gibt es dann noch Museen? Im Kreuzberger Projektraum Or Gallery soll ein Film über die Zukunft der Kunst entstehen.
Der Künstler Anton Vidokle aus New York, Mitbegründer des weit verbreiteten Kunstnewsletter e-flux, hat mit der Soziologin Pelin Tan Kollegen eingeladen, an dem Dreh mitzuwirken. Von Künstlern geführte Nonprofit-Räume, meinen sie, steckten seit langem in dem Dilemma fest, sich entweder vom Staat oder vom Markt finanzieren zu lassen. Beides beschneidet die Freiheit. Der Staat setzt Förderrichtlinien fest, der Markt bedient Sammlergeschmack. Was aber wäre die Alternative?

Berliner Projekträume
Geschätzte 150 Projekträume gibt es in der Stadt: Ausstellungsorte, die nicht von Museumsfachleuten oder Galeristen, sondern von Künstlern und/oder freien Kuratoren betrieben werden. Viele Räume gibt es nur kurze Zeit, viele verstehen sich als Nonprofit-Betrieb. Wenige können über Jahre kontinuierlich Ausstellungen zeigen wie Autocenter in Friedrichshain und General Public in Prenzlauer Berg. Projekt­räume gelten als Labor der hiesigen Kunstlandschaft: Einen Großteil des Programms machen Performances, Vorträge, Gespräche, langfristige Projekte und Kunst aus, die in Zusammenarbeit mit Nachbarn oder Vertretern anderer Berufe entsteht.
Bisher enthielt der Kulturhaushalt keinen Posten für Projekträume. Wenn sie überhaupt ­Förderungen erhalten, dann projektbezogen, etwa von Kommunen, Land, Bund, Stiftungen, Botschaften und Mäzenen. Doch im Kulturhaushalt 2012/13 sind nun 500.000 Euro für die Präsentation zeitgenössischer Kunst eingeplant. Davon sollen je 30.000 Euro in Form eines Preises an sieben Projekträume gehen.
Voraussichtlich kommt 2013 zudem die City-Tax, die sogenannte Bettensteuer auf touristische Übernachtungen, von der die freie Kulturszene einen Anteil fordert. Der Berufsverband Bildende Künstler Berlin schlägt eine breite Projektförderung für Bildende Kunst vor – „2,5 Millionen Euro pro Jahr an 350 Künstler“. BR/cwa

Bevor Kerstin Karge und Nina Korolewski über eine Alternative nachdenken können, nehmen sie, was sie bekommen: 210.000 Euro. Die beiden Kulturmanagerinnen beteiligen sich am „Netzwerk der Berliner Projekträume und -initiativen“ und haben nach über zwei Jahren Lobbyarbeit erreicht, dass Berlin nun sieben Projekträume mit je 30.000 Euro fördern will. Das Geld, über das eine Jury entscheidet, wird als Preisgeld, als Auszeichnung vergeben. 
Ganz glücklich wirkt man beim Netzwerk darüber nicht. „Es ist nicht das, was wir wollten, aber es zeigt, dass etwas möglich ist,“ sagt Korolewski. Das Netzwerk hatten den Bedarf auf 2 Millionen Euro geschätzt. Zudem eine hatte es Bedarf für eine neue zweiteilige Förderstruktur angemeldet, die mehrjährige Infrastrukturfinanzierung mit kurzfristiger Anschubhilfen kombiniert und Honorare für Künstler und Kuratoren einschließt.
Davon ist der Preis weit entfernt. „Leuchtturmförderung“, so spot­teten einige Teilnehmer eines Treffens zum Thema Anfang August, Geld erhalte nur, was bereits strahlt. Zudem kritisierten sie die Wettbewerbs­idee des Preises, der der Neigung von Projekträumen zu Kooperationen und Netzwerken zuwider laufe. Doch Geld vom Staat abzulehnen, ist das die Alternative?
Nur 25 Prozent der Berliner Projekt­räume, die die französische Soziologin Séverine Marguin 2011 befragte, bezogen überhaupt öffentliche Mittel. Fast alle Betreiber der rund 150 Berliner Projekträume zahlen die Ausstellungen aus eigener Tasche.

 

Aktuell in Projekträumen
Art Laboratory Berlin: Kunst zum Einfluss neuer Technologien auf den Zeitsinn: Yasuhiro Sakamoto hat eine Murmelbahn entwickelt, die die Zeitorganisation eines Kanons verdeutlicht. David Hebb verbannte einen Bildschirm in die Natur, wo Zeit nicht unbedingt Fortschritt bedeutet.
1.9.-14.10.: Art Laboratory Berlin, Prinzenallee 34, Wedding, U Pankstraße, Fr-So 14-18 Uhr, Eintritt frei, artlaboratory-berlin.org


Berlinerpool:
Wer wissen will, worüber Künstler und Kuratoren forschen, wird in dem mobilen Archiv fündig, das der Projektmanager Andrzej Raszyk betreut. Es hält Portfolios von rund 180 in Berlin ansässigen Künstlern bereit.
Berlinerpool, Soldiner Str. 92, Wedding, Termin nach Vereinbarung unter T: 49 91 51 54, berlinerpool.de

Autocenter: Sieben Berliner Künstler thematisieren unter dem Titel „Paradise City“ Fragen der Bildhauerei: mit instabilen Skulpturen, einem Film über die Ästhetik des Hässlichen und einer von Regen geformten Installation.
Bis 25.8.: Autocenter, Eldenaer Str. 34a, Eingang über James-Hobrecht-Str., Friedrichshain, Storkower Straße, Do-Sa 16-18 Uhr, Eintritt frei, autocenterart.de

Auch der Markt scheint kein Gegenmodell zu bieten. „Die interdisziplinäre, diskursive Kunst, die in den Projekträumen entsteht, wird vom Kunstmarkt ignoriert“, sagt Christian de Lutz. Gemeinsam mit Regine Rapp führt er das 2006 gegründete Art Laboratory Berlin, einen Projekt­raum in Wedding. Für eine Ausstellung erhielten sie jüngst Förderung vom Hauptstadtkulturfonds, für  eine Kunstbuch-Präsentation mit Sol LeWitt zahlte ein Sammler. Manchmal beteiligen sich Kulturinstitute und Stiftungen. Fast die Hälfte ihrer Arbeitszeit, sagen die beiden, verwenden sie für Förderanträge. „Wenn wir Geld bekommen, können das 15.000 Euro sein, oft weniger. Das deckt knapp oder nicht ganz die Kosten für eine Ausstellung“.
Kulturpolitiker anderer Länder schätzen die freie Szene weit höher. Die Or Gallery wird seit langem vom Canada Council for the Arts und der Stadt Vancouver unterstützt, das Geld reicht sogar für die Dependance in Berlin. Direktor Jonathan Middleton ist Vorstandsmitglied der Pacific Association of Artist Run Spaces,  die im Oktober eine ebenfalls öffentliche geförderte Konferenz für Projekträume in Vancouver ausrichtet. Der Verband bündelt seit fast 25 Jahren die Interessen der von Künstlern geleiteten Räume und soll sich auch für „bessere Finanzierung, Vergütung und Arbeitsbedingungen“ einsetzen, wie Middleton sagt.
Mit seinen rund 150 Projekträumen hat Berlin ein Alleinstellungsmerkmal in der Kunstwelt. Doch kein Vertreter all der Berliner Räume ist gekommen, als Anton Vidokle im Juli zum Dreh seines Films lud, den er in Vancouver zeigen will. Stattdessen  ist Shuddhabrata Sengupta aus Delhi zugegen,  Mitglied des international bekannten Raqs Media Collecitive, das in Galerien, auf Biennalen, Messen und Konferenzen auftritt und sich an der Gründung des Centre for the Study of Developing Societies in Delhi beteiligte. Angst vor Markt, Staat und Institutionen kennt das Kollektiv nicht. „Mit Selbstbeschreibungen wie ,radikal‘ oder ,off‘ machen wir uns zur ewigen Alternative“, sagt Sengupta. „Wir sollten aber ins Zentrum.“