LEIDER WEGEN CORONA ABGESAGT

Psicotrópicos

Das brasilianische Kulturfestival gibt Einblick in eine unter politischem Druck stehende junge und kritische Musik- und Kulturszene

Text: Friedhelm Teicke

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro nutzt die Kulturpolitik gezielt für seine ultra­rechte Agenda. Er kürzt und streicht Kulturetats und verbietet die Förderung etwa von LGBTI-Themen gleich ganz. Daher ist das Festival „Psicotrópicos“ im Festsaal Kreuzberg nicht nur ein Schaufenster in die aktuelle Musik- und Kunstproduktion des Tropenlandes, sondern ausdrücklich auch ein Statement gegen Intoleranz, Homophobie und Rassismus.

Psicotrópicos will so nicht nur die ­Bühne geben für 13 aufregende junge Music­acts aus Brasilien, sondern auch eine Plattform des Protests sein. Denn mit Kunstschaffenden wie dem Transgender-Künstler Oxa (der inzwischen in Deutschland lebt und vergangenes Jahr die TV-Show „The Voice of Germany“ aufmischte) oder der Drag-Queen Vanessa Júpiter bekommen nicht nur Personen dort ein Forum, die Bolsonaro wegen ihrer sexuellen Orientierung explizit auf dem Kieker hat.

Candomblé, Wasser und Widerstand: Héloa – Foto: Divulgação

Mit der afroindigenen Sängerin und Schauspielerin Héloa aus dem nordöstlichen Bundesstaat Sergipe ist auch eine aufregende Aktivistin afrobrasilianischer und indiginer Kultur mit ihrer Band auf dem Festivals vertreten. Im Gepäck hat sie ihr aktuelles Album „Opará“, das Motive aus den Traditionen des indigenen Stammes Kariri-Xocó und den Rhythmen der Orixás aus dem afrobrasilianischen Candomblé ins Heute übersetzt, inhaltlich als eine Feier des Wassers als Schöpferkraft und eine Anklage der unter Bolsonaro verstärkte Ausbeutung und Verschmutzung etwa von Flüssen wie dem São Francisco, Nordostbrasiliens Lebensader. Auch Héloas Candomblé-Film „Eu, Oxum“, der auch gezeigt wird, ist ein deutliches Statement, denn der afrobrasilianische Kult wird von Bolsonaro und den ihn stützenden kommerziellen Pfingstkirchen stark angefeindet.

Zum Programm am Haupttag, dem 22. März, gehört auch das Panel „Pop vs. Populismus“. Lukasz Tomaszewski (Radio Cosmo) diskutiert mit Héloa, der Transgender-Künstlerin Oxa, dem Musikjournalisten Jens Balzer, der über „Pop und Populismus“ ein Buch geschrieben hat, und mit dem Festivalkurator Rodrigo da Matta.

Zum musikalischen Festival-Line-up gehören auch die Baile-Funk und Pop vereinende Sängerin MC Tha aus São Paulo, der auf Spotify Brazil 500.000-fach abgerufene Indie-Pop von ­Romero Ferro, die von Brasiliens HipHop-Star Emicida ­geförderte junge Rapperin Drik Barbosa und das gefeierte Produzenten-Duo DKVPZ aus Cam­pinas.

Dazu präsentiert das Festival Altmeister wie den Drum-and-Bass-DJ Patife und das illuster besetzte Electrobossa-Trio Nie Myer aus Belo Horizonte, bei dem die Techno-­Institution Anderson Noise und mit Lelo Zaneti and Henrique Portugal Mitglieder der legendären Rockband Skank mitmischen. Skank hatte mit „Garota Nacio­nal“ und dem offiziellen ­FIFA-WM-Song von 1998, „É Uma Partida de Futebol“, auch internationale Hits. Noises’ DJ-Biografie „Noise on the Moon” von Claudia Assef wird dazu beim Psicotrópicos vorgestellt, außerdem eröffnet die Techno-Legende das Festival am 20. März mit ­einem DJ-Set.

Ein Brasilianer in Berlin: Arruda – Foto: Divulgação

Zum fetten dreitägigen Programm gehören auch Tanz- und Theaterperformances sowie Workshops (u.a. mit dem „post-porn clowning“-Kollektiv Aba Naia, die auch ihre tropische Klischée-Parodie „Banana Pride“ zeigen) und Comic­kunst. Natürlich gibt es brasilianische Spezialitäten und am Sonntag auch ein Kinderprogramm mit Theater, Spielen und einem Mosaik-Workshop. 

Auch in Berlin lebenden brasilianischen Musikern wie Arruda, Emersound und Monika Besser gibt das Festival ein Podium zur Präsentation ihrer aus brasilianischen Traditionen und den neuen Einflüssen ihrer Wahlheimat geborenen Musik. Der Musiker Arruda, der auf dem Festival zugleich das Record Release seines soeben veröffentlichten, hörenswerten Albums „Semente“ feiert, ruft darauf Bolso­naro ein klares „Não“ entgegen. Dieses „Não“ dürfte beim Psicotrópicos wohl vielkehlig mitgesungen werden.

Fr 20.3., 22.30 Uhr, Sa 21.3., ab 12 Uhr, So 22.3., 12-0 Uhr, Festsaal Kreuberg, Am Flutgraben 2, Treptow, Festivalticket 24,50 €,
www.bossafm.com/psicotropicos-festival