CSD

Queerer Aufstand

50 Jahre Stonewall Riots, 40 Jahre CSD Berlin: Was hat die Bewegung erreicht und wo will sie noch hin?

Vor dem Eingang der queeren Neuköllner Bar Silver Future: Solange Adjakoh, Shawn Adjakoh, Dominik Djialeu, Alessandro Strogulski, (v.l.nr.), Foto: Stephanie von Becker

„Schwuler Neger!“, hallt es ihm entgegen. Berlin, Alexanderplatz, Frühsommer 2019. Dominik Djialeu, 32, will bloß schnell zur Bahn, und dann das: „Schwuler Neger!“, ruft ein Mann von der Bank am Bahnsteig. Dominik Djialeu, 1,92 Meter groß, von stattlicher Statur, reagiert nicht. „Aus Selbstschutz“, wie er später sagt.

Übergriffe wie dieser sind Normalität im Berlin der Gegenwart, jedenfalls für Menschen wie Djialeu, von denen andere finden, dass sie nicht normal sind, nicht normal genug. Er ist schwul und er hat dunkle Haut. Gewissermaßen ist er damit die Personifikation von vielem, wogegen die Alternative für Deutschland (AfD) sowie deren Wählerschaft gerade wettern. Doch die Anfeindungen kommen auch aus unerwarteter Richtung – aus der „Community“.

Menschen wie Dominik Djialeu werden doppelt angegriffen. Das zum Privatproblem der Minderheit einer Minderheit zu erklären, wäre ein fataler Fehler: Wenn nicht-weiße Queers unter Beschuss geraten, läuft insgesamt was falsch. Es ist ein früher Indikator, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit abgenickt und akzeptiert wird, von Teilen der Gesellschaft. Queere People of Color (PoC) sind bloß die ersten, weil vermeintlich leichtesten Opfer einer menschenfeindlichen Umgebung.

Es ist daher kein Zufall, dass sie für gesellschaftliche Missstände besonders sensibel sind: Queers of Color haben schon vor 50 Jahren bei den Stonewall Riots in der New Yorker Christopher Street, dem Jahrhundertereignis der LGBTIQ-Bewegung und einem der erfolgreichsten Aufstände aller Zeiten, eine zentrale Rolle gespielt – womöglich, weil sie die Polizeigewalt besonders hart getroffen hatte; weil sie weniger zu verlieren hatten; und weil sie geübt darin waren, mutig zu sein, um den Alltag halbwegs heil zu überstehen.

Jedenfalls haben queere PoC dabei mittelfristig Freiheiten miterkämpft, von denen viele, auch weiß, auch hetero, heute profitieren, auch in Berlin. Der queeren Bewegung haben wir mit zu verdanken, dass Berlin so frei ist. Sexpositive Partys, wie sie heute auch für Heteros im Salon zur Wilden Renate stattfinden, sind eine queere Erfindung, Dating­plattformen auch. Es ist höchste Zeit, die frühen, auch nicht-weißen Wurzeln des Queer Rights Movement auch in Berlin zu würdigen. Zumal nun das große Jubiläum ansteht: 50 Jahre Stonewall Riots, 40 Jahre CSD Berlin. Das hat auch der Berliner CSD-Verein erkannt und seine von vielen als bloße Partyparade missverstandene Demonstration am Samstag, dem 27. Juli, unter dieses Motto gestellt: „50 Jahre Stonewall – Jeder Aufstand beginnt mit deiner Stimme“. Zwei der fünf Gesichter der Motto-Kampagne sind queere PoC-Ikonen

Wurzeln des Queer Rights Movement

Die nicht-weißen Wurzeln des Queer Rights Movement wurden lange unterschlagen – zuletzt prominent im Hollywood-Drama „Stonewall“ (2015) des Teilzeit-Berliner Blockbuster-Regisseurs Roland Emmerich. Queere PoC werden darin weitgehend ausgeblendet, während ein weißer, schwuler, blonder Junge den ersten Stein wirft.

Nadiye Ünsal vom Migrationsrat ist Koordinatorin bei „MSO inklusiv“, einem Projekt von Verbänden, in denen sich Migrantinnen selbst organisieren. Sie arbeitet daran, dass sich die migrantische Zivilgesellschaft weiter für queere Belange öffnet. Ünsal sieht in der queeren Bewegung Hierarchien: „Die weißen Strukturen haben sich herausetabliert, weil die Gesellschaft das begünstigt hatte. Wenn wir uns die schwullesbische Bewegungsgeschichte global angucken, waren und sind immer Personen of Color involviert, auch bei Stonewall. Aber das wird oft weggeredet.“ Dass die Geschichten queerer People of Color ausgeblendet werden, ändert sich seit einigen Jahren, auch in der Mainstream-Popkultur. Nicht zuletzt mit den Oscars fürs schwule Coming-of-Age-Drama „Moonlight“, den offen queeren R&B-Musikerinnen Janelle Monáe und Frank Ocean, der Netflixserie „Pose“ über die nicht-weiße, queere Harlem Ballroom Culture und dem Literatur-Revival des schwulen schwarzen Schriftstellers James Baldwin (1924-1987).

Janelle Monáe: „Americans“

Stonewall war divers. Berlin heute ist divers. Wie geht es den queeren PoC heute in Berlin? Und was bewegt sie 50 Jahre nach den Stonewall-Aufständen? Was haben die Stonewall-Riots und die danach folgende queere Bewegung erreicht – und wo soll die Reise noch hingehen?

Auch wenn es paradox scheint: Wer aus dem normativen Gesellschaftsraster fällt, ist nicht automatisch tolerant. Homophobie gibt es auch unter PoC. Rassismus ist auch unter Homosexuellen verbreit. Auf schwulen Datingportalen wie Grindr und Gayromeo liest man auf Profilen nicht selten den Vermerk „No Blacks, no Asians“. Plakativ gesagt: Der Fickpartner möge bitte ein Arier sein.

Wir haben mit den Aktivistinnen von GLADT gesprochen, die sich für queere PoC engagieren. Mit dem eingangs schon genannten Dominik Djialeu, der seit fünf Jahren eine erfolgreiche, queere Hip-Hop-Partyreihe auf die Beine stellt. Auch die Cousins Solange und ­Shawn Adjakoh haben wir getroffen, die uns aus ihrem Alltag als queere PoC in Berlin erzählt haben.

Solange Adjako, 26, engagiert sich bei Black Lives Matter; Foto: Stephanie von Becker

Shawn und Solange Adjakoh sind leibhaftig Cousin und Cousine, er schwul, sie queer. Solange Adjakoh, 26, studiert Kulturwissenschaft und Gender Studies und jobbt als Comicbuchverkäuferin. Zu ihrem Abiball hat sie einen Anzug getragen, weil sie das schon bei der queeren R&B-Sängerin Janelle Monáe cool fand. Letztes Jahr sprach sie auf der Berliner Antirassismus-Demo „Black Lives Matter“. Mit dem CSD kann sie zurzeit aber nicht so viel anfangen. Sie empfindet ihn als Parade für schwule weiße Männer. Auch auf dem lesbischen Dyke March gebe es Machtgefälle: „Letztes Jahr war ich eine halbe Stunde da und hab an einer Hand abgezählt, wie viele People of Color dabei waren, und irgendwann lief da eine weiße Frau mit einer Afroperücke lang, wo ich mir dachte, warum? Ich find das nicht lustig.“

Wenn Solange in einem Club feiern geht, wo viele Schwule sind, passiert es ihr nicht selten, dass die ihr in die Haare greifen. Viele schwarze Frauen empfinden es als Übergriff, wenn ihre Haare ohne Erlaubnis angefasst oder als exotisch gelobt werden. Auch ohne böse Absichten ist das oft unangenehm, weil der eigene Körper eben kein lustiger Streichelzoo ist. Von einer anderen Solange, Solange Knowles, der Schwester von Beyoncé, gibt es sogar einen Song namens „Don’t Touch My Hair“, der genau davon erzählt. Und: „Wenn man im Club ist und twerkt, kommt gleich ‘ne Gruppe von weißen, schwulen Männern, die sich anmaßen, dir an den Arsch zu fassen“, erzählt Solange Adjakoh.

Solange: „Don’t Touch My Hair“

„Im Dating-Life wird man immer sexualisiert“, pflichtet Shawn bei. Shawn Adjakoh, 23, ist Afro-Hair-Stylist und Tanzlehrer. „Schwarz, großer Schwanz, ausdauernd im Bett oder man hatte noch nie was mit einem Schwarzen und will das mal ausprobieren, weil das so exotisch ist. Grindr Nightmares!“ Shawn lacht, wird dann aber nachdenklich: „Es wird nicht gesehen, dass dahinter ein Mensch ist.“ Von manchen nicht-queeren PoC hört Shawn eine andere Art von Sprüchen, die verletzen, à la: „Du musst ein richtiger Mann sein, schämst du dich nicht?“ Und Mädchen wollen ihn als „besten Freund“, bloß weil er schwul ist. „Man fühlt sich dann wie eine Handtasche.“

Shawn Adjakoh, 23, Tanzlehrer und Afro-Hair-Stylist; Foto: Stephanie von Becker

Solange hatte negative Erfahrungen mit Männern, weil sie sehr groß und muskulös ist – und so als „Amazonin“ abgestempelt wird: „Als ich mal kurze Haare hatte, sind drei Männer an mir vorbeigelaufen und haben gesagt: ‚Ihh, du Schwuchtel!‘“ So multikulturell und offen, wie sich Berlin oft feiert, sieht Solange es nicht: „Oft wird man angestarrt. Man lächelt Leute an und wird böse angeguckt, kriegt zu verstehen, dass man fehl am Platz ist.“ Wenn man als PoC eh schon angestarrt wird, überlegt man sich wohl doppelt, ob man sich dann zusätzlich noch einen Regenbogensticker auf die Tasche klebt. Bei aller Skepsis sind Shawn und Solange Fans der Möglichkeit einer Allianz von Queers und PoC: „Je mehr Gruppen sich auch aufspalten, desto langatmiger wird der Kampf gegen Diskriminierung. Klar müssen wir zusammenhalten. Non-PoCs müssen auch Allies für uns sein. Ich muss mich genauso für jemand anderes Rechte wie für meine einsetzen.“

Der Spirit von Stonewall

Ein solcher Verbündeter ist auch Alessandro Strogulski, 21, Electro-Pop-Singer-Songwriter. Beim Gespräch zückt er seinen Fächer ob der stechenden Hitze. „Natürlich ist es wichtig, im ‚normalen Leben‘ wie auch in der queeren Szene, Diskriminierung entgegenzuwirken.“ Auch in der LGBTIQ-Community gebe es davon nämlich reichlich. „Bescheuerte Leute, die Femininität diskriminieren. Wenn jemand ansatzweise nicht super männlich ist oder zu dick ist oder wenn man asiatisch aussieht, wird man diskriminiert. Ich glaube, dass manche Leute in Minderheiten noch jemanden suchen, den man unter sich stellen kann, wenn man schon selbst unterdrückt wird.“

Alessandro Strogulski, 21, Electro-Pop-Songwriter; Foto: Stephanie von Becker

Letztes Jahr trat Alessandro Strogulski beim Lesbisch-Schwulen Stadtfest am Nollendorfplatz auf, dieses Jahr steht er beim CSD in Köln auf der Bühne. In seinen Songs erzählt Alessandro Strogulski aus seinem Leben – und versteht sie demnach aktivistisch. Er wird unsicher, stottert leicht, als er erzählt, dass es am Anfang irgendwie auch gruselig war, seine eigene, queere Geschichte zu erzählen.

Alessandro ist ein politischer Mensch. Dieses Jahr hat er beim CSD-Forum mitgearbeitet, basisdemokratisch. Es ist nämlich keineswegs so, dass der CSD-Verein alles von oben herab vorgibt. Vielmehr kann sich jeder im Forum vorab einbringen, in dem auch die politischen Forderungen formuliert werden. Alessandro fordert eine Rückbesinnung auf den Spirit von Stonewall: den Spirit der Solidarität. „Wenn man sich anguckt, wie alles angefangen hat, damals bei den riots, wo trans People of Color diese ganze Bewegung gestartet haben – und jetzt wissen viele das gar nicht mehr! Ich bin schon in einer Welt aufgewachsen, die freier war als vor 50 Jahren. Für mich bedeutet Stonewall, dass ich heute so leben kann, wie ich lebe.“

Im Gespräch mit queeren PoC kommt immer wieder das Thema auf, dass die Diskriminierung, die sie erfahren, nicht eine doppelte ist, sondern gewissermaßen eine multiplizierte: weil es wenige Orte gibt, an denen sie mit diesen beiden Aspekten ihrer Identität, der Queerness und dem PoC-sein, sicher akzeptiert werden.

Vielleicht könnte es da ja helfen, wenn Queer-Aktivismus und Black-Lives-Matter-Aktivismus zusammengedacht werden: James Baldwin (1924-1987), Literatur-Star, Aktivist, schwul und schwarz, erlebt gerade ein großes Revival. Baldwin hat Homophobie und Rassismus zusammengedacht. Wie auch in ihren Anfängen das Queer Rights Movement, ausgehend von Stone­wall, verflochten war mit der Bürgerrechtsbewegung nicht-weißer US-Amerikanerinnen. Doch bald schon gingen die Wege auseinander.

Worum geht’s beim CSD?

CSD. Christopher Street Day. Was war das doch gleich, was wir da feiern? Kleine Zeitreise: Juni 1969, wenige Wochen bevor im Juli zwei Apollo-11-Astro­nauten auf dem staubigen Mond landeten und im August Hippies das schlammige Woodstock Festival feiern. In das New Yorker Stonewall Inn, eine halbwegs schmuddelige, von der Mafia betriebene queere Bar, kamen die Menschen nicht wegen der schlechten Drinks, sondern weil sie sich hier sicher fühlten. Soweit es eben damals möglich war. Es waren Menschen, denen man die Abschaumkarte zeigte: Schwule, Lesben, trans Menschen. Darunter Sexarbeiterinnen und auch viele, die nicht weiß waren. Der Laden lief bloß deshalb wie geschmiert, weil die Mafia die Polizei geschmiert hat – damit diese ihre Razzien pflichtschuldig ankündigte und niemand verhaftet wurde. Denn verboten war vieles, zum Beispiel, Kleidungsstücke des ­„falschen“ Geschlechts zu tragen, also desjenigen, das nicht in der eigenen Geburtsurkunde stand.

Am Samstag, dem 28. Juni 1969 nachts um 1.20 Uhr aber, lief alles anders als gewohnt: Die Polizei rückte ohne Vorwarnung zur Razzia an. Was die Beamten nicht ahnen konnten: dass sie damit das Jahrhundertereignis des Queer Rights Movement auslösen würde. Denn diesmal gaben die schikanierten Queers nicht klein bei, ließen sich nicht brav von den Wachtmeistern zum Kommissariat abführen – sondern sie begehrten auf, angestachelt von nicht-weißen trans Frauen: Sie schlugen zurück, schmissen Steine, Flaschen. Schluss mit Opfer! Die Nachricht kursierte wie ein Lauffeuer im Greenwich Village von Manhattan: 2.000 queere Protestierende kamen über Nacht herbei, gegen 400 Polizisten. In den Tagen darauf folgten zwei weitere Proteste.

Die Stonewall Riots waren ein einschneidendes Erlebnis, das vielen Queers mittelfristig ein neues Selbstbewusstsein verlieh: We’re here, we’re queer, we won’t disappear. Der queeren Bewegung weit über New York hinaus gab das Aufschwung und Energie: sich nicht verschämt zu verkriechen, sondern stolz zu sich zu stehen. Das Ergebnis: Eine neue Sichtbarkeit. Heute lässt sich wohl sagen, dass Stonewall folgenreicher war als Woodstock und Mondlandung zusammen.

Es begann eine Zeit neuer Freiheit. Nur wenige Wochen später, im September 1969, wurde in der Bundesrepublik der von den Nazis übernommene Paragraph 175 des Strafgesetzbuchs zumindest so weit gelockert, dass nicht-kommerzieller schwuler Sex von Männern ab 21 Jahren nicht mehr mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft wurde, sondern straffrei blieb. Keine direkte Folge von Stonewall zwar, aber es darf als sicher gelten, dass ein Klima zunehmender queerer Sichtbarkeit es schwieriger machte, juristische Diskriminierung zu ignorieren. 1971 gründete sich die Aktivistengruppe Homosexuelle Aktion Westberlin, inspiriert durch Rosa von Praunheims Dokumentardrama „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. 1979 hat die Allianz den ersten Berliner CSD organisiert. 400 Leute kamen. Inzwischen sind es jährlich über tausendmal so viele.

Rosa von Praunheim: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971)

Bernd Gaiser, 74, Schwulenaktivist und Mitinitiator des ersten Berliner CSDs 1979, hat erst kürzlich bei einem Panel im Maxim-Gorki-Theater berichtet, dass sein Freund in jenem Jahr bei der Zehn-Jahres-Feier der Stonewall Riots in New York zugegen war – was die entscheidende Zündung gab, in Berlin etwas Vergleichbares auf die Beine zu stellen.

Ehe gut, alles gut?

Seit 2017 gibt es in Deutschland die Ehe für alle. Seitdem macht sich die Meinung breit, Queers sollten endlich Ruhe geben, sie seien ja nun gleichberechtigt. Für trans- und intersexuelle Menschen stimmt das keinesfalls. Auf dem Papier gilt die Gleichberechtigung allenfalls für Schwule und Lesben. Und selbst hier gilt: Gleichen Umgang im Alltag, gleiche Chancen, gleichen Respekt kann kein Gesetz sicherstellen. Hier liegt es an jedem einzelnen, wie er im Alltag tagtäglich auf Queers reagiert – und auf die Anfeindungen gegen sie.

Dass die globale queere Bewegung schon in ihren Anfängen längst nicht so weiß und männlich war wie oft angenommen und behauptet, dem trägt auch der Berliner CSD 2019 Rechnung. Eine richtige, überfällige Entscheidung. „Repräsentation ist ja immer auch eine Form von Wirklichkeitskonstruktion und Geschichtsaneignung“, schreiben Adrian Lehne und Veronika Springmann von der Freien Universität. Sie forschen im Projekt „Homosexuellenbewegung und Rechtsordnung“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Das Duo verweist auf den Rechtsphilosophen Daniel Loick: „Er sagt, dass der retrospektive Bezug auf die eigene Emanzipationsgeschichte als ein Kampf um die Anerkennung gleicher Rechte eine wichtige Quelle des Bewusstseins politischer Handlungsfähigkeit sei.“ Einfacher gesagt: Wer versteht, dass er im Kampf um Gleichberechtigung nicht allein auf sich gestellt ist, sondern Geistesverwandten nachfolgt, die schon vorgearbeitet haben und in deren Tradition er steht, kann daraus Inspiration, Mut schöpfen und eher loslegen.

Schwarze Queer-Ikonen

Der CSD-Verein hat für seine Motto-Kampagne fünf queere Gesichter ausgewählt, die exemplarisch für viele andere Aktivistinnen stehen sollen; zwei der fünf ausgewählten Köpfe sind of Color. Da wäre zum einen Marsha P. Johnson (1945-1992): Drag-Queen, Queer-Aktivistin und von ihrem Umfeld liebevoll „Bürgermeisterin der Christopher Street“ genannt. Marsha P. Johnson spielte nach Aussagen vieler, die dabei waren, eine zentrale Rolle dabei, dass aus der Polizeirazzia ein queerer Aufstand wurde. 1992 wurde sie tot aus dem Hudson River geborgen, es gibt Hinweise auf Mord.

Ebenfalls CSD-Motto-Gesicht und nicht minder wichtig für Berlin ist Audre Geraldine Lorde (1934-1992). Mitte der 1980er kam die US-amerikanische Schriftstellerin und lesbische Aktivistin nach Berlin und wurde eine Pionierin der frühen afrodeutschen Bewegung. Es war ihr wichtig, Frauenfeindlichkeit und Rassismus zusammenzudenken – ein richtungsweisender Ansatz, den man heute Intersektionalität nennt. Gemeint ist damit die Überschneidung von verschiedenen Diskriminierungsformen, die sich nicht bloß quantitativ addieren, sondern qualitativ eine neue Diskriminierungsform kreieren.

Intersektional denken auch die Aktivist*innen vom Berliner Verein GLADT e.V., den es seit zwei Jahrzehnten gibt. Ed Greve, ehrenamtlich im Vereinsvorstand, sieht das so: „Wenn ich Homophobie erfahre und Rassismus und dann wo hingehen möchte, wo ich sicher bin – und dann wird dort nur über Homophobie geredet, aber nicht über Rassismus, dann bin ich da auch nicht sicher.

Rassistische Strukturen

Hier setzt der Verein an. GLADT stand ursprünglich für Gays & Lesbians aus der Türkei. Inzwischen führt der Verein diesen Untertitel aber nicht mehr, da er sich schon seit vielen Jahren insgesamt um Menschen mit Migrationsgeschichte und um Menschen of Color kümmert. Die Vereinsmitglieder richten Veranstaltungen aus, halten auf politischen Events Redebeiträge, organisieren Protestaktionen, veröffentlichen Bildungsmaterialien. Psychosoziale und neuerdings auch psychologische Beratung sind auf Wochen im Voraus ausgebucht. Bedarf besteht also.

„Wenn man guckt, wie viele Menschen tatsächlich queer und of Color sind, dann ist das nicht damit abgedeckt, dass man zwei Bestseller wiederentdeckt und es drei Musikerinnen gibt“, sagt Ed Greve von GLADT. Dass Marsha P. Johnson nun eine gewisse Beachtung erfährt, auch beim Berliner CSD 2019, findet Ed Greve an sich natürlich gut, warnt aber auch da: „Der Name steht stellvertretend dafür, was schwarze trans Frauen bei den Stonewall Riots geleistet haben. Es kann nicht dabei belassen werden, dass man jetzt gebetsmühlenartig die Namen wiederholt und sich gegenseitig erzählt, dass man sich ja jetzt wieder daran erinnert.“ Man müsse die Gründe aufarbeiten, warum diese Namen vergessen wurden. „Nämlich, weil es rassistische Strukturen gibt, auch in unseren eigenen Reihen, in den queeren Szenen“, sagt Ed Greve.

Erst einmal überrascht das vielleicht. Sollten Menschen, die selbst zu einer Minderheit gehören und Diskriminierung erfahren haben, nicht sensibler gegenüber anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sein? Es wäre ja wünschenswert, aber die Realität sieht oft anders aus. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu spricht von einem „loi de conservation de la violence“, einem Gesetz der Gewaltkonservierung: Wer selbst Gewalt erfährt, neigt dazu, diese an andere weiterzutragen. „Wir hören von verbalen und körperlichen Übergriffen in Bars, Clubs, Kultur- und Partyveranstaltungen“, sagt Ed Greve. So sei Racial Profiling auch in queeren Clubs ein Problem.

Ein Fall, der vor zwei Jahren besondere Aufmerksamkeit bekam, war, dass an Pfingsten 2017 im queeren Neuköllner Club SchwuZ auffällig viele PoCs an der Türe abgewiesen wurden. Ausgerechnet bei einem Club, der sich Inklusion wie kaum ein anderer auf die Fahnen schreibt. Und ausgerechnet bei einer Party zu Ehren der R&B-Sängerin Beyoncé, der größten popkulturellen Ikone der Black Lives Matter-Bewegung.

Unkonventionelle Allianzen

Ed Greve ist auch gegenüber dem CSD skeptisch: Er habe Bedenken um die Sicherheit seiner Klientinnen: „Deshalb machen wir seit Jahren keine Gruppenausflüge zum CSD mehr“, sagt er. „Wir können nicht gewährleisten, dass unsere Leute dort keine Belästigung erfahren. Und unserer Erfahrung nach kann der CSD das leider auch nicht gewährleisten. Das geht von schwarzen Personen, denen andere in die Haare fassen, bis zu einer lesbischen Frau im Hijab, die Kommentare bekommt. Dann hilft uns das nicht so viel weiter, dass da zwei Personen der CSD Motto-Kampagne zufällig auch of Color sind.“ Ed Greves Forderung: „Weiße Queers müssten Rassismus als Problem ernst nehmen, gerade in Zeiten der AfD.“

Ein weiterer Kritikpunkt, auf den auch die großen CSDs wie der in Berlin erst noch eine befriedigende Antwort finden müssen: Da fahren Unternehmen wie die Deutsche Bank ihre Trucks auf, die kräftig in Donald Trumps Wahlkampfkasse zahlten – und so zumindest indirekt dessen queerphobe Agenda förderten: Seit April 2019 werden trans Menschen wegen so genannter „Geschlechtsidentitätsstörung“ legal aus dem US-Militär entlassen.

Da PoC und Queers angefeindet werden von Rechtspopulistinnen, könnten sie sich gemeinsam besser zur Wehr setzen. Rassismus und andere Unterdrückungsformen müssten zusammengedacht werden. Denn es gibt Gemeinsamkeiten, Parallelen, wie Menschen als unerwünscht und hassenswert etikettiert werden. Stonewall war deshalb so erfolgreich, weil der Aufstand so divers war. Gemeinsam könnten Queers und PoC die Speerspitze der offenen Gesellschaft sein. Es wäre heutzutage ganz besonders wichtig. Unkonventionelle Allianzen gab es durchaus auch in der Geschichte schon: Während der Thatcher-Ära etwa solidarisierten sich viele Queers mit den von der konservativen britischen Regierung unterdrückten Bergarbeitern, marschierten bei deren Demos zur Unterstützung auf. Die revanchierten sich mit einem Pro-Queer-Engagement.

Dominik Djialeu, 32, Erfinder der queeren Hip-Hop-Party Berries; Foto: Stephanie von Becker

Ein Kulturaktivist, der Rassismus und Queerphobie konsequent zusammendenkt, ist auch Dominik Djialeu, jener Mann, der am Alex als „schwuler Neger“ beschimpft wurde. Er hat einen Ort geschaffen, der für Queers wie für PoC sicher ist: Djialeu veranstaltet seit September 2014 mit seinem DJ-Kollektiv die queerfeministische Hip-Hop-Party „Berries” im OHM, in Nachbarschaft zum Technoladen Tresor. Dominik Djialeu ist schon lange Hip-Hop-Fan, vor allem von US-amerikanischem Underground-Rap. „Trotzdem hatte ich nie richtig Lust drauf, in Berlin zu Hip-Hop tanzen zu gehen. Mit dem Publikum und der Musik konnte ich mich nicht identifizieren. Meistens war das weiß, hetero, Mainstream.“ Djialeu hat die Diversität vermisst.

Ist Hip-Hop homophob?

Inspiration für die eigene Partyreihe „Berries“ war ein Berlin-Konzert von Cakes da Killa, einem queeren Rapper aus Brooklyn. Im alten Festsaal Kreuzberg im Sommer 2013. „Da gab’s eine After-Show-Party, und wir haben gemerkt, dass es eine Crowd dafür gibt, ein queeres Publikum in Berlin, das Bock hat auf diese Musik und sie feiert.“ Hip-Hop hat ja diese empowernde Energie, so ist er entstanden Ende der 1970er. „Das war schon immer politisch“, findet Djialeu. „Rapper haben immer auf Missstände hingewiesen. Und da gab’s Queers, auch geoutet, und Frauen. Bloß haben sie nicht viel Platz bekommen in der hetero-dominierten Welt.

Cakes Da Killa: „Gon Blow (feat. Rye Rye)“

Djialeus kam die Idee, keine Party bloß für schwule Männer zu machen, sondern einen inklusiven Raum zu schaffen, „wo sich Frauen und queere Menschen wohlfühlen. Und Hetero-Männer dazukommen, die auf unserer Seite sind, keine Berührungsängste haben und unseren Struggle verstehen. Die, wie wir, von einer inklusiveren Gesellschaft träumen.“ Um zu verhindern, dass die Falschen kommen, war und ist das Artwork immer klar queer. „Und natürlich gucken wir auch an der Tür. Es werden auch Menschen abgewiesen: Leute, bei denen klar ist, dass die so gar nicht wissen, wo sie gerade hinwollen.“ Zum Glück ist das nicht allzu oft nötig, denn vieles regelt sich von selbst: „Leute, die nicht auf unserer Seite sind, haben auch schnell ein sehr unwoh­les Gefühl auf unseren Partys. Die gehen dann von selbst.“

Ein gängiges Klischee ist ja, dass Hip-Hop oft homophob sei. „Oft hört man diese Meinung aber von Leuten, die wenig Hip-Hop hören“, kontert Dominik Djialeu. „Klar gibt es Künstlerinnen, die homophob sind. Aber es gibt mindestens genauso viele, die es nicht sind. Kein anderes Musik-Genre ist so sehr auf dem Prüfstand wie Hip-Hop. Jeder hat immer eine Meinung dazu. Manchmal denke ich mir andererseits, ich will gar nicht wissen, welches Publikum sich auf einem Volksmusikkonzert so tummelt.“ Djialeu findet, man sollte sich im Hip-Hop auf die Leute konzentrieren, die eine coole Haltung haben, wie er sagt: „Die mit ihrer Musik gute Botschaften nach außen tragen.“ Er schwört auf die trans Rapperin KC Ortiz und die „Cool Mom“ des queeren Hip-Hop aus Chicago, Mister Wallace. Oder die trans Rapperin Quay Dash aus New York.

Simulation einer idealen Gesellschaft

Mittlerweise erhält Dominik Djialeu auch Post aus der Stonewall-Stadt New York. Der Erfolg von Berries spricht sich herum. „Berlin bekommt viel Aufmerksamkeit, besonders die Underground-Szene“, verrät Djialeu. „Gerade Queers wollen in Berlin auftreten.“

Djialeu achtet bei seinen DJ-Sets stark darauf, dass keine Hassbotschaften in den Lyrics versteckt sind. „Sexismus findet man übrigens viel öfter als Homophobie“, sagt er. „Aber Sexismus, wo die Frau als Objekt gesehen wird, muss man abgrenzen von sexpositiven Lyrics. Die finde ich nicht verwerflich. Das wird oft verwechselt und vermischt.“ Dabei ist Sexpositivismus – also der freie Umgang mit Sexualität in einem Raum, in dem Menschen fair, achtsam, respektvoll miteinander umgehen – eine queere Errungenschaft, die auch viele Heteros im Berlin der Gegenwart genießen. Von Kitkat Club bis Pornceptual. Wie natürlich auch Dating-Apps, die anfangs vor allem von und für schwule Männer gemacht waren.

KC Ortiz: „Shut Up“

Für Djialeu sind seine queeren Hip-Hop-Partys jedenfalls sehr politisch: „Marginalisierte Gruppen im Rap wie Frauen und queere Männer wollen wir in den Vordergrund rücken. Ohne dieses Prinzip würden die Partys keinen Sinn machen für mich. Wir simulieren die Idealvorstellung einer Gesellschaft.“ Damit können sich wohl auch die meisten politisch Linken identifizieren.

Auch die Linken haben ein Problem

Dennoch: „Auch linke Kollektive bestehen hier oft nur aus weißen Menschen“, moniert er. Auch dort gebe es viel Rassismus. „Obwohl sie ja theoretisch versuchen, PoC ins Boot zu holen.“ Kürzlich hat ein linkes Kollektiv sein queeres Hip-Hop-DJ-Kollektiv eingeladen, hatte aber schon ganz klare Vorstellungen davon, wie die Party auszusehen hat: „Deren Hip-Hop hätte überhaupt nicht zu unserem queeren Publikum gepasst. Die hätten es einfach toll gefunden, uns mal dabei zu haben, wollten uns dabei aber ihre Idee aufzwingen. Linke streben theoretisch eine inklusive Gesellschaft an, aber hören oft nicht wirklich zu, was bei uns PoC abgeht. Warum wir Dinge so oder so machen.”

Menschen sind komplex und haben viele Facetten. Es ist wohl bloß so, dass Menschen sich stets mit dem Aspekt ihrer Persönlichkeit am meisten identifizieren, der am meisten unter Beschuss gerät von außen. Gerade queere PoC können uns aufrütteln, Menschen nicht voreilig in allzu einfache Boxen zu packen. Queere Hip-Hop-Partys sind geschützte Orte, an denen Menschen zusammenfinden, die Diversität und Queerness feiern, im Vergnügen, aber mit gesellschaftlicher Relevanz. Wie auch die Ballroom Culture, samt ihrem hyperfemininen Trendtanz Voguing, die ihre Ursprünge im queeren, nicht-weißen Underground New Yorks der 1980er hat, aber gerade in Berlin im Mainstream ankommt.

Wir feiern in einer politischen Welt. Hier werden sie womöglich, werden sie hoffentlich geschmiedet, die neuen Allianzen gegen Menschenfeindlichkeit. Intersektionalität ist die Zukunft der queeren Bewegung. Nur so lässt sich der Teufelskreis der Gewaltkonserven durchbrechen – nicht mit der Schmalspuroffenheit eines schwulen Jens Spahn oder einer lesbischen Alice Weidel.

1. Juli 2019: Inmitten von Goldwänden und Pussy-Postern treffen sich unsere Cover-Models in der Neuköllner Queer-Bar Silver Future. Sozusagen das Stonewall Inn von Berlin. Zwar nicht von der Mafia betrieben, aber auch ein queerer Hotspot mit diverser Crowd. Die Cousins Solange und Shawn Adjakoh kennen den DJ Dominik Djialeu bereits flüchtig, Alessandro Strogulski ist der Neuling der Gruppe. Locker werden Lebensläufe in Kurzform vorgestellt und Musik-Empfehlungen ausgetauscht. Alessandro Strogulski wühlt in seinem Koffer, welche der vielen Outfitmöglichkeiten er der Kamera präsentieren soll. Der Hairstylist Shawn richtet seiner Cousine Solange noch kurz die Haare, Alessandro kommentiert bewundernd. Dominik bleibt die Ruhe in Person, Solange und Shawn sichern ihm zu, auf jeden Fall zu seiner nächsten Hip-Hop-Party zu kommen.

So geht’s lang beim Berliner CSD, am Samstag, dem 27. Juli 2019

CSD Berlin 2019 Demo „50 Jahre Stonewall“: Sa 27.7., 12 Uhr, Ecke Kurfürstendamm/Joachimsthaler Straße, Charlottenburg; Hip Hop: Party Plastic meets Buttcocks meets Berries: Fr 26.7., 23-8 Uhr, SchwuZ, Rollbergstr. 26, Neukölln; Voguing: The Chamber of Secrets Ball by Mother Angélique Prodigy: Fr 23.8., 22-8 Uhr, SchwuZ, Rollbergstr. 26, Neukölln

Mitarbeit: Nora Stavenhagen