Porträt

Queerer Wirbelsturm: Das erste Album des Berliners Zebra Katz

Vor acht Jahren feierte Zebra Katz mit „Ima Read“ seinen ersten Hit. Nun
endlich erscheint das erste Album des Berliners, der die misogyne Rap-Szene immer noch nachhaltig mit seinem queeren Auftreten verstört

Vor acht Jahren feierte Zebra Katz mit „Ima Read“ seinen ersten Hit. Nun 
endlich erscheint das erste Album des Wahlberliners, der die misogyne Rap-Szene immer noch nachhaltig mit seinem queeren Auftreten verstört. Ein Porträt. Foto: Frederic Aranda.
Wohnt seit zwei Jahren in Berlin: Zebra Katz. Foto: Fredric Aranda

Wir schreiben das Jahr 2012: Die Mars-Sonde Curiosity ist gelandet, die Mitglieder von Pussy Riot werden in Moskau verhaftet, Whitney Houston und Donna Summer sterben. Außerdem: diese düstere, gleichzeitig brutal-minimalistische Bassline, zu der der New Yorker Rapper Zebra Katz mit rauer Stimme verkündete: „I‘ma read that bitch / I‘ma school that bitch / I‘ma take that bitch to college / I‘ma give that bitch some knowledge.“

Irgendwo zwischen Gänsehaut und Tanzwut. Hypnotisierte Topmodels wiegen und verbiegen sich zu den progressiven Klängen von Zebra Katz‘ „Ima Read“. Der Song avanciert zum Überraschungshit der Pariser Fashionwelt und macht ihn quasi über Nacht zu einer Underground-Sensation. Von nun arbeitet Ojay Morgan, wie er bürgerlich heißt, mit Größen wie der Rapperin Azelia Banks oder den Gorillaz um Blur-Sänger Damon Albarn.

Mit den neuen Chancen vor Augen kündigt Morgan seinen Vollzeitjob als Manager und wird vollständig zur Kunstfigur Zebra Katz – mit allen Möglichkeiten, aber auch Tücken. Das ist unter anderem auch der Grund, warum er erst jetzt mit „Less Is Moor“ – fast acht Jahre nach „Ima Read“ – sein Debütalbum veröffentlicht.

Es sei einfach viel passiert in der Zwischenzeit, wie der 32-Jährige im Interview verrät: „Ich musste lernen, wie der Hase in der Musikindustrie läuft. Ich hatte es aber auch nie eilig mit einem Debütalbum.“ Er habe sich die Zeit genommen, die er brauchte, sagt er. „Ich musste viel lernen, ich musste meine Stimme kennenlernen, ich musste lernen selbstsicher als Performance-Künstler/Rapper/Producer zu werden.“ Seine Wege dafür führten ihn quer um den Globus und schließlich nach Japan, wo er sich besonders mit dem Produzieren beschäftigte: „Das alles kostet Zeit. Viel Zeit.“

Ein Jahr, um anzukommen in Berlin

Und diese Zeit ist essenziell für das, was Zebra Katz macht: „Teil meines Handwerks ist es, den Moment geschehen zu lassen.“ Man müsse eine Sache auch liegen lassen können, wenn es denn mal nicht fließt: „Je weniger ich es versucht habe, umso mehr habe ich zurückbekommen.“ Neben dem ständigen auf Tour sein gab es dann noch eine weitere, gravierende Veränderung in seinem Leben: der Umzug nach Berlin vor zwei Jahren. „Ich habe ein Jahr gebraucht, um mich hier selbst zu finden. Um herauszufinden was ich eigentlich machen und sagen will und warum ich das hier eigentlich alles mache.“

„Ich musste lernen, wie der Hase läuft im Musikgeschäft“

Zebra Katz

An seiner neuen Umgebung und den dortigen Impulsen sei er gewachsen. Menschlich wie musikalisch, erklärt Morgan: „Mich aus meiner Komfortzone zu bewegen und mein Ego an der Tür zurück zulassen war eine gute Sache. Das stellte mich vor viele Herausforderungen. Ich fand mich plötzlich in einem Land wieder, in dem ich nicht die Sprache spreche. Ich musste wirklich aus mir herauskommen. Ich bin aber froh, dass ich das Risiko eingegangen bin mich unwohl zu fühlen und hierher gekommen bin. Es war wichtig und etwas, das ich wirklich gebraucht habe.“

Herausgefunden hat er, dass er sich in keine Schublade stecken lassen, sondern lieber umgekehrt der Gesellschaft den Spiegel vorhalten will, Und das macht er nun auf seinem Debütalbum, ohne zu predigen oder mit den üblichen HipHop-Klischees um sich zu werfen. Er spinnt feine Gedanken um nicht immer sofort Offensichtliches mitten aus dem Leben. „Ich spreche Probleme wie Sexualität, Drogenmissbrauch, psychische Gesundheit an, ich spreche über alles, was ich in den letzten sieben Jahren gesehen und gelernt habe.“

Seine Musik soll die Welt schonungslos ehrlich reflektieren, die echte, aber auch die glamouröse Pop-Welt. Im Song „Lousy“ thematisiert er, dass oft erst mit toten Musikern richtig Umsatz gemacht wird: „Es ist schade, wie die Musikindustrie damit unglaublich viel Geld scheffelt, wenn du tot bist.“ Zu Lebzeiten missverstanden, postum zum Genie erhoben und zur Cashcow umfunktioniert.

Anerkennung erst nach dem Tod

Künstler wie Little Richard, den Zebra als entscheidende Inspiration für sein Album nennt, hätten die Popindustrie – aber auch die Gesellschaft – zu ihrer Zeit geprägt und maßgebend verändert. Die Anerkennung aber bekommen sie erst nach ihrem Tod, wenn überhaupt. Zu spät, sagt Morgan. Man könne aktuell besonders gut Zeuge dieser morbiden Entwicklung werden, „vor allem im HipHop-Biz, wo gerade so viele junge Rapper wegen Drogenüberdosierungen und Schießereien sterben“.

Nicht nur die Plattenfirmen missbrauchten die Toten posthum: „Es ist auch dieser komische Zeitgeist, wenn jemand stirbt, dass jeder vier, fünf Bilder mit der Person hochlädt und ‚RIP‘ schreibt, um auch von der Situation zu profitieren.“ Glücklicherweise sei die Diskussion um psychische Gesundheit endlich in den Medien und der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Zebra Katz geht es bei seiner Arbeit – neben der Unterhaltung – auch darum Missstände anprangern – in der Musikindustrie, aber auch außerhalb. Die – wie er sie selbst nennt – „one man show“ Zebra Katz schreibt, rappt und produziert nicht nur, sondern verlegt nun auch selbst im eigenen Label, das künftig auch andere Artists unter Vertrag nehmen soll. Er musste selbst erleben, wie schwer es sein kann, wenn Plattenfirmen nicht so recht wissen, was sie mit einem machen sollen, nur weil man anders ist und sich nicht verstellen will.

Schwarze Queerness eckt noch immer an

Denn ähnlich wie schon seinem großen Vorbild Little Richard in den 50er-Jahren geht es Zebra Katz auch darum, gängige Geschlechterrollen verschwimmen zu lassen. Der heute 87-Jährige Rock‘n‘Roll-Star und sein flamboyantes Auftreten wurden damals oft missverstanden. Heute ist es im weitgehend misogynen HipHop auch nicht viel einfacher geworden. Dort, aber auch anderswo, gibt es noch viel zu viele, die mit schwarzer Queerness nicht umgehen können. Dass man als Schwarzer Mann immer noch aneckt, wenn man den stereotypen Vorstellungen nicht entspricht, ist ein wiederkehrendes Thema in Zebra Katz‘ Musik.

Kürzlich verglich ein Journalist Zebra Katz mit RuPaul. Wieder mal, findet Morgan, reproduziert da jemand nur die üblichen Klischees. Denn wer sich wirklich mit dem Schaffen der beiden beschäftigt, dem dürfte recht schnell auffallen, dass es da eigentlich nicht viel zu vergleichen gibt. Nicht jeder Performer, der sich außerhalb der heteronormativen Muster bewegt, ist automatisch Drag. So einfach ist das nicht. Zebra Katz weiß das. Wird Zeit, dass die Welt das auch noch lernt.