ONLINE-THEATERFESTIVAL

Anders als Fernsehen: Radar Ost Digital

Das Deutsche Theater erprobt mit „Radar Ost Digital“ die Verlagerung eines ganzen Festivals ins Netz und dabei – mit Hilfe der Gruppe CyberRäuber – auch andere digitale Möglichkeiten jenseits des reinen Streamings von Inszenierungen

Text: Friedhelm Teicke

Man könnte meinen, dass Corona für Menschen wie Björn Lengers ein Segen ist. Schließlich arbeitet der Medienkünstler mit seinem Partner Marcel Kanapke seit Jahren unter dem Label CyberRäuber daran, das gute alte Analogformat Theater mit dem Digitalen zu verbinden. „Wir glauben an Virtualy Reality (VR) als Erzählmedium und lieben das Theater“, heißt es auf ihrer Website. „Aber die Zeiten des Theaters als bürgerliches Leitmedium sind vorbei. VR ist Zukunftstechnologie und ein Weg, viele Menschen unmittelbar zu erreichen.“

Mit diesem provokanten Ansinnen sind Lengers und Kanapke bislang Exoten im Stadttheaterbetrieb, den vor Corona der digi­tale Raum und seine Möglichkeiten eher als szenografische Option interessierte und der ansonsten an der das Theater seit 2.000 Jahren bestimmenden Co-Präsenz von Akteur und Publikum im selben physischen Raum als unabdinglich fürs Medium festhielt.

Doch der Corona-Lockdown lässt genau diese Einmaligkeit nun wegbrechen, macht sie schlicht unmöglich. Und plötzlich entwickeln die Häuser, ihrer analogen Stärke beraubt, ein großes digitales Sendebewusstsein und streamen, was das Aufzeichnungsarchiv hergibt. Doch eine Art Fernsehen ist als Theaterersatz oft unbefriedigend – und lässt die Möglichkeiten, die der digitale Raum bietet, weitgehend ungenutzt.

Ins Digitale überführen

„Die Theater haben sich auf ein anderes Gelände begeben, wo sie die Regeln noch nicht kennen aber vor allem nicht beherrschen“, sagt Björn Lengers. „Konventionen, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben, kannst du nicht in einem Hauruck in einem anderen Medium wiederherstellen. Ich glaube aber grundsätzlich, dass das geht.“ Da ist es gut, dass Lengers und sein Team bereits seit Jahren diese anderen Möglichkeiten fürs Theater erforschen. Und nun mit dem DT von einem der wichtigsten deutschen Staatstheater den Auftrag erhalten haben, ein ganzes, ursprünglich analog geplantes, Festival ins Digitale zu überführen: „Radar Ost Digital“.

DT-Intendant Ulrich Khoun und ­Birgit Lengers, die Kuratorin des dreitägigen Festivals, das Theaterproduktionen aus der Ukraine, Ungarn, Russland und Tschechien vorstellt, lassen „Radar Ost“ nämlich nicht einfach ausfallen – oder verlegen es in den Herbst. Sie wagen das digitale Experiment mit einem internationalen Festival, das dazu eine ­Region in den Fokus nimmt, die besonders dramatisch von Corona betroffen ist.

„Mir ist wichtig ein symbolisches Zeichen zu setzen, jetzt wo die physischen Grenzen alle wieder hochgegangen sind“, sagt Kuratorin Birgit Lengers, praktischerweise zugleich die Ehefrau von Björn Lengers und damit schon familiär dicht mit der digitalen Materie vertraut. „Es war schnell klar, dass mit den Reiseverboten ein Festival mit Künstlern aus dem Ausland nicht mehr durchgeführt werden kann. Doch es ersatzweise nur im Web als digitalen Spielplan durchzuführen, ergibt kein Festivalgefühl. Es muss eine Verbindlichkeit und eine räumliche Komponente haben, eine Verortung. Wir möchten Räume der Begegnung schaffen.“

Und so entsteht das ganze Deutsche Thea­ter nun virtuell und dreidimensional noch einmal als Festivalort und Kulisse im Netz – auf http://radarost.digital/. Vom Vorplatz, auf dem ein Avatar des DT-Intendanten Khuon die Gäste begrüßt und es ein kleines Tutorial zur Funktionsweise der Plattform gibt, betritt der User das Theater und wandelt wie auf einem Parcours durch die Räume, in die er durch Anklicken gelangt. „Das sind auch ungewöhnliche Orte, die das Publikum sonst nicht betritt“, erklärt Birgit Lengers, „die ­Maske, Garderoben, der Kühlraum der Kantine, sogar das Intendantenbüro.“

Extra Adaptionen

Die sechs ursprünglich eingeladenen Produktionen haben für die neue Präsentationsform im digitalen Raum extra Adaptio­nen erstellt. „Das sind teilweise 360-Grad-Aufnahmen, Greenscreen-Aufzeichnungen oder sie liegen uns als digitale 3D-Daten vor, die wir auf einzelne Räume projizieren“, sagt Lengers. Diesen Teil des Festivals durchlaufen die Gäste wie einen Parcours, auf dem ihnen Schauspielende und Footage der Produktio­nen „Macocha“ aus Tschechien, „28 Tage“ vom Moskauer Teatr.doc, „Queendom“ vom Buda­pester Sín Arts Centre sowie „Bad Roads“ vom Kiewer Left Bank Theatre und „Lost ­Paradise“ von der Gruppe Hooligan aus der Ukraine begegnen.

Man streamt pünktlich: Kirill Serebrennikovs Inszenierung des russischen Klassikers „Eine alltägliche Geschichte“ vom Gogol Center ­Moskau – Foto: Björn Lengers

An manchen Orten wie natürlich der Bar können die Besucher*innen auch miteinander und mit Beteiligten der Produktionen im „Spacial Chat“ ins Gespräch kommen. „Dabei bewegt man man sich mittels eines Ich-Bilds durch den Raum“, erklärt Björn Lengers, „die Anderen werden größer oder kleiner, je nachdem wie nahe du ihnen bist. Wenn du dicht bei einer Person bist, kannst du ihr Gespräch hören und mit ihr interagieren.“ Das ist dann wie in einer Kneipe, wo man sich konkret nur mit einzelnen unterhält, während man die anderen Gäste aber als Hintergrund wahrnimmt.

Nur mit Browsermitteln

Das klingt jetzt technisch aufwändig, aber gleichwohl soll das ganze digitale DT keine besonderen Anforderungen an Software oder Equipment des Publikums stellen. „Wir arbeiten ja sonst mit VR-Technologie und Augmented Reality,“, erklärt Björn Lengers, „hier war uns nun aber wichtig und die größte Herausforderung, eine Lösung zu finden, die für alle zugänglich ist – es muss mit der Technologie laufen, die die Leute sowieso bereits haben, also Computer, Tablet, Smartphone, und es muss so einfach zu bedienen sein, dass ein durchschnittlicher Besucher des Deutschen Theaters in der Lage ist, damit umzugehen und trotzdem das Gefühl hat, ich besuche jetzt das DT – von Zuhause aus.“

So verzichten die CyberRäuber auf die neusten technischen Möglichkeiten und ­reizen all das aus, was so auf der Browser­ebene möglich ist. Reines Streaming wird es allerdings auch geben. Drei legendäre Inszenierungen werden in voller Länge jeweils an einem der drei Festivalabende zu sehen sein: „Eine alltägliche Geschichte“ in der Regie von Kirill Serebrennikov vom Gogol-Center Moskau (am 19.6.), „Onegin“ vom Theater Rote Fackel aus Nowosibirsk, inszeniert von Timofej Kuljabin (am 20.6.), und „Im Herzen der Gewalt“, ­Regie: Ewelina Marciniak, vom Fredro Theatre in Gniezno/Polen (21.6.).

Das Besondere hier: „Rador Ost Digital“ knüpft an die Verbindlichkeit und Gemeinsamkeit eines normalen Theaterbesuchs an. Alle Streams beginnen pünktlich um 20 Uhr und enden mit dem Ablauf der Vorstellungsdauer. Sie sind also nur zu den angegebenen Zeiten in Realzeit im Netz zu erleben. „Anders jedoch unsere Adaptionen der für die diesjährige Ausgabe kuratierten Inszenierungen“, sagt Birgit Lengers. „. Die werden on demand während der gesamten drei Festivaltage zu besuchen und zu entdecken sein.“

„Es ist gut“, sagt Björn Lengers, „ dass man sich, sicherlich provoziert durch die Krise, jetzt darauf einlässt, solche Sachen einmal auszuprobieren. Natürlich auch um mal Templets zu haben und Vorgehensweisen zu entwickeln – auch für später, denn niemand weiß, wie lange die Corona-Krise noch andauert.“

Fr 19.–So 21.6., DT auf http://radarost.digital