Bürgermeisterkandidaten

Raed Saleh – Der Aufsteiger

21 Uhr, Café Charlotte

Raed Saleh marschiert auf die Angestellten zu, gibt einer Bedienung die Hand, umarmt eine andere, drückt die Schwingtür zur ­Küche auf, lugt hinein. „Hallo!“, ruft er. Drinnen im Café in der Spandauer Altstadt läuft Chartsmusik, Jugendliche sitzen vor ihren Cocktails und Bieren, draußen an den Tischchen gruppieren sich an dem Spätsommerabend ältere Frauen mit Kopf­tüchern vor Kaffeegedecken.
Saleh hängt sein Sakko über den Stuhl, der oberste Knopf seines Hemds bleibt den Abend über geschlossen. Erst mal den Kellner grüßen. Das versuche er immer zu ­beherzigen, erklärt der SPD-Fraktionschef. „Jeder der Leute, die hier rumlaufen, hat meine Anerkennung verdient.“ Nicht nur, weil sie das Café Charlotte mit aufgebaut haben; er wisse, wie es ist, hinter der ­Theke zu stehen. „Das macht mich ­wütend, wenn manche Leute sich über andere ­erheben.“
Er zieht das wirklich durch: Keine Hand bleibt ungeschüttelt; keinem, dem er begegnet, wird ein freundliches Wort verweigert. Und in kaum einer seiner Ausführungen fehlt zumindest eine Anspielung auf seine Botschaft: Aufstieg ist für alle möglich. Das grenzt in seiner Penetranz manchmal an Parodie. Aber Saleh kann das unterlegen, er verkörpert die Erfüllung einer Vision, so wie sie in der deutschen Politik nicht oft vorkommt.
Zu jeder Station seines Aufstiegs fällt ihm eine Anekdote ein: Er erinnert sich daran, wie er mit vier Jahren vor das Tor des ­Elternhauses im Westjordanland tritt und stolz ist, als der Vater vorfährt, der als Gastarbeiter in einer deutschen Groß­bäckerei arbeitet. Dann ist da die Grundschullehrerin in Berlin, die ihm nach der Schule die Sprache beibringt und Nach­hilfe gibt. „Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, hätte ich nicht Hannelore Wolf gehabt, die sich um den kleinen Raed ­gekümmert hat“, sagt Saleh. „Sie hat meinen Aufstieg ermöglicht.“ Und er erinnert sich an den Abend, als er die Eltern im Wohnzimmer im Plattenbau in der Heerstraße Nord belauscht, die über die Empfehlung der Lehrerin reden, Saleh nicht aufs Gymnasium zu schicken. „Lehrer, das waren für meine Eltern Heilige, Respektspersonen. Aber mein Vater ist zum Rektor gegangen und hat gesagt: Mein Sohn soll aufs Gymnasium, weil er Arzt werden soll.“
Die Hilfe, die er bekommen hat, will er an andere weitergeben, aber nicht zum Null­tarif. „Ganze Generationen werden doch in die Perspektivlosigkeit entlassen“, sagt Saleh. Er meint die 200 Brennpunktschulen in Berlin. Den Schülern will er vorleben, dass es auch anders geht. Er will mehr Geld in die Schulen investieren, aber auch die Eltern Bußgelder zahlen lassen, wenn sie ihre Kinder nicht zum Sprachtest, in die Kita oder zur Schule schicken. Der 37-Jährige greift zur Espresso-Tasse. Alkohol trinkt er nicht, hat noch nie welchen getrunken.
Hinaus in die Spandauer Altstadt. Die Fußgängerzone mit dem Laub auf dem Kopfsteinpflaster ist aufgeräumt und leer. Als sich in die Abendluft der Geruch von Grillfleisch und Fett mischt, bleibt Saleh stehen. Mit 17 habe er angefangen, bei Burger King zu arbeiten, erzählt er und zeigt auf den Vorplatz des Schnellimbisses – Terrassen aufbauen morgens in der Kälte, dann Fleisch-Pakete auspacken. „Es war hart, aber schön.“

 

22.40 Uhr, Burger King, Spandau

„Hallo!“, grüßt Saleh die Mitarbeiter neben der Eismaschine, auf der ein Zettel mit der Aufschrift „defekt“ klebt. Zwei beleibte Mädchen mit Pappkronen in Schwarz-Rot-Gold auf dem Kopf beginnen zu kichern. „Sah viel größer aus in meiner Erinnerung“, sagt Saleh, während er sich umschaut. Er zeigt den Tisch, an dem er sich nach der Arbeit ausgeruht hat. Dann grüßt er einen jungen Mann mit Eastpak-Rucksack, weißen Turnschuhen und schwarzer Randbrille. „Ihn kenn’ ich noch von der Arbeit. Er hat immer Pommes ohne Ketchup und Burger ohne Sauce gegessen“, lacht Saleh. „Und bei dir, alles okay?“ Der Gast nickt. Saleh hatte sich hier hochge­arbeitet zum ersten Mann an der Kasse, dann zum Filialleiter. Wie im Aufzug ging es nach oben, genau wie in der Berliner SPD. „Ich war in allem immer der Jüngste“, sagt Saleh und tritt hinaus. „Ein Eisbrecher.“
Während Klassenkameraden die Nächte durchfeiern, trägt Saleh als Jugendlicher Zeitungen aus oder brät Burger, liest, trifft sich mit Freunden, um bis in die Nacht über Politik zu diskutieren oder neue Ideen auszutüfteln – etwa die „Bombay-Box“, indisches Essen to go, oder die Berliner Fassbrause als Clubgetränk, abgefüllt in Flaschen, ähnlich der Bionade. Aus einer der Ideen entwickelt sich ein Start-up, das Druckereiprodukte im Internet anbietet, weswegen Saleh sein Medizinstudium schmeißt. „Ich war kein typischer Partygänger“, erzählt Saleh. Wenn er mit seinen Freunden mal abends ausgeht, ist er derjenige, der fährt. Heute machen das andere für ihn.

Vor dem Café Charlotte steht ein schwarzer Audi mit getönten Scheiben, der Lichtkegel in die Nacht wirft. Innen laufen Schlager im Radio – Salehs erstes „Laster“. Aufgewachsen mit der „Hitparade“, die im Wohnzimmer der Eltern im Fernsehen lief, gründete er als Jugendlicher einen „Biene-Maja-Schlagerclub zur Erhaltung des deutschen Liedguts“, zu einer Zeit, als nur englische Lieder im Radio liefen. „Ich mag bis heute Schlager, Helene Fischer, Peter Maffay, Roland Kaiser.“ Aber auch Arbeiterlieder, Hannes Wader.

 

23.15 Uhr, im Dienstwagen

„Ist das zu Ihrem Leidwesen?“, fragt Saleh lachend seinen Fahrer, einen jungen Mann mit blonden Haaren. Saleh präsentiert eine CD, auf der „Arbeiterlieder 2“ steht, und summt „Heute hier, morgen dort“. Dann wieder die Frage an den Fahrer: „Aber es nervt Sie nicht, Herr Knoll?“
Beim Thema Sprache verliert Saleh das erste Mal am Abend seine gute Laune. Die Zeitungen schreiben von seinen „Ischs“, denen man Salehs Herkunft anhört. „Das ist Akzent“, sagt Saleh. „Jeder Berliner redet anders. Das gehört zu meiner Identität, dass ich anders spreche.“ Gegner wie Parteikollegen würden ihm bescheinigen: Gute Arbeit, guter Charakter, aber die Sprache und der Migrationshintergrund – ist Berlin schon so weit?
Saleh redet jetzt in kurzen, knappen Sätzen, schaut aus dem Fenster, an dem die Sieges­säule und der Tiergarten vorbeiziehen. Das ist ein wunder Punkt: Er hat alles dafür getan, da zu stehen, wo er jetzt ist, war deutscher als viele Deutsche, hatte trotz 14 Punkten im Deutsch-Leistungskurs weiter an sich gearbeitet, Sprachtraining genommen. Und dennoch: Wieder und wieder die Sache mit der Sprache. „Ich werde das zu meinem Wahlspruch machen: ‚Bist du so weit?‘“, sagt Saleh trotzig. Er muss es hier eben ­wieder sein, sagt er mehr zu sich: „ein Eisbrecher“.

 

23.52 Uhr, am Schlesischen Tor

Saleh steigt aus und ihm fällt noch was ein. Er biegt in den Keksladen an der Schlesischen Straße, fragt den Verkäufer, wie es ihm geht. „Machst du uns so ’ne kleine Tüte gemischt?“ Sein zweites Laster: ­Süßigkeiten. „Ist bei mir manchmal ein bisschen viel Konsum“, gibt er zu. Aber auch hier hat er an sich gearbeitet: Regelmäßig geht er ins Fitnessstudio, hat 20 Kilo abgenommen.
Saleh bummelt die Schlesische Straße ­hinunter, blickt aus dem Augenwinkel auf einen Mann, der mit ausgemergeltem Gesicht an einer Bushaltestelle sitzt und nach unten auf seine Bierflasche stiert, geht an Kneipen, Dönerbuden und Hostels vorbei und bleibt auf der Brücke nach Alt-Treptow stehen, wo eine Gruppe Spanierinnen vorbeiflaniert. Saleh breitet die Arme in der sommerlichen Abendluft aus und sagt, wie toll das doch sei, so viele Sprachen zusammen an einem Ort. „Das ist Berlin!“

 

00.05 Uhr Freischwimmer

Auf dem Holzsteg in der Bar sitzt Saleh direkt an der Spree, das Wasser plätschert, vom Ufer gegenüber wabern Bässe rüber. Hier habe er schon manch wichtige Entscheidung getroffen, erzählt Saleh. Er bestellt Espresso. Wowereit habe ihn mal zur Seite genommen und gesagt: Als Regierender muss man ein dickes Fell haben, sagt er später. „Nur eins will ich nicht: Dass mein Fell so dick wird, dass ich die Signale nicht mehr wahrnehme im Umfeld. Dann wird man auch keinen Erfolg haben.“ Er steht auf und geht zurück an die Tankstelle zu seinem Fahrer, dem er eine seiner Kekstüten zusteckt.