Berliner Museen

Mehr Licht

Der Hamburger Bahnhof ehrt mit Raimund Kummer einen Künstler, der das dunkle West-Berlin mit Licht füllte

Er hat nie darüber nachgedacht, einen gut sichtbaren Faden in seinem Werk zu verfolgen. Raimund Kummers Fokus auf Glas, den er seit den 90er-Jahren setzt, scheint auf den ersten Blick willkürlich, ist aber eine logische Konsequenz aus seiner Fotografie. Kummer wollte seine Aufnahmen in Diaprojektionen immer wie Kirchen­fenster leuchten lassen, wie nun im Museum Hamburger Bahnhof deutlich wird, das dem Berliner Künstler eine Einzel­schau widmet.
In der ausgestellten Arbeit „Mehr Licht“ von 1991 arbeitet Kummer mit der Transparenz von Glas: Die Anordnung der vielen, überdimensioniert großen und abstrahierten Glasaugen lässt er mit klinischem Licht beleuchten, so dass Spiegelungen entstehen. Und doch soll dieses Erhellen laut­ dem ­Titel „Mehr Licht“ nicht ausreichen. „Es kann nie genug Licht sein“, sagt Kummer. Das Streben nach Erleuchtung, buchstäblich und im übertragenen Sinn, hat er deshalb in den Titel seiner Arbeit eingebaut.

Der Berliner Fotograf und Installationskünstler Raimund Kummer. Foto: Frangipani Beatt

Aus der Dunkelkammer in die Stadt

Raimund Kummers Werk bedient mit Fotografien, Installationen und Skulpturen viele Genres. „Sublunare Einmischung“, wie seine Ausstellung im Hamburger Bahnhof heißt, beleuchtet diese Vielfalt im Werk des 63-jährigen Künstlers und Braunschweiger Professors für Bildhauerei. Seine wichtigsten Arbeiten aus mehreren Jahrzehnten werden in der oberen Etage des Museums gezeigt und vom Künstler in Verbindung mit dem Ort weitergeführt und ergänzt.
Der erste Raum in der chronologischen Anordnung, der für das Jahr 1979 steht, zeigt Kummers frühe Fotografien unter dem Titel „Skulpturen in der Straße“. Ein Diaprojektor wirft sie auf eine Kofferleinwand. Unprätentiös und roh wirkt die Aufmachung: ­Kummer befand sich damals, desillusioniert vom  Malerei-Studium, in einer Schafenskrise. Auf der Suche nach neuen Ideen wandte er sich von seiner studierten Fertigkeit ab und begann, anonym arrangierte und zufällig gefundene Gegenstände in den Straßen Berlins zu fotografieren. Diese Beobachtung des Realraums löste bei ihm einen „Aha-­Effekt“ aus.
Kummer beschloss, Kunst im öffentlichen Raum zu fördern, und gründete Anfang der 80er-Jahre gemeinsam mit Hermann Pitz und Fritz Rahmann das „Büro Berlin“. „Jeder Ort kann ein möglicher Ort für Kunst sein“, sagt Kummer über den Ansatz. Noch heute sieht er den Stadtraum als möglichen Ausstellungsort. Durch das Büro entstanden in West-Berlin erstmals Interventionen im Stadtraum. Das Projekt erhielt internationale Aufmerksamkeit: Einladungen auf die Documenta oder die Münster Skulptur Projekte folgten, wurden aber aus Überzeugung abgelehnt.

Mehr Lichtinstallationen

Kummer steht kuratorisch organisierten Ausstellungen noch immer kritisch gegenüber. Von Auftragsarbeiten und Themen, mit denen Kuratoren Künstler einengten, hält er nicht viel. „Künstler haben ihre Rollen aufgegeben“, sagt er. „Heute wird vernachlässigt, die Bedingungen der Kunst in Frage zu stellen.“ Bei seinen Studenten bemerke er, wie sie darüber nachdächten, das System zu bedienen, statt sich von ihm zu lösen. Eine weitere spektakuläre Installa­tion, „nóstos álgos“ von 2012, ist wie „Mehr Licht“ ein in sich geschlossenes Werk, das trotzdem eine endlose Eigenschaft besitzt: Das Zusammenspiel der aus 81 Diaprojektoren geworfenen, nach dem Zufallsprinzip arrangierten Lichtspiele ändert sich immerzu. Höchstwahrscheinlich wird sich keine Moment jemals doppeln. Auch die in Archiv­ästhetik präsentierte Ansammlung von Fotografien im umliegenden Raum läuft seit 1979 immer weiter. Somit wird der Rückblick auf Kummers Werk hier gleichzeitig zu einem Blick in eine vorgeebnete, doch ungewisse Zukunft.

Bis 6.8.: Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51, Tiergarten, Di, Mi, Fr 10–18, Do 10–20, Sa/So 11–18 Uhr, 8/ erm. 4 €

Und die Gegenthese:
Künsterinnen loben die Dunkelheit

Lob der Dunkelheit