Sein Traum vom Geld

Raphael Fellmer eröffnet einen Öko-Supermarkt

Raphael Fellmer steht in Berlin wie kein anderer für ein Leben fern des Kapitalismus.  Jetzt macht er einen Supermarkt auf. Kann das gutgehen?
Text: : Martin Schwarzbeck und Anne-Lydia Mühle

Es ist vorerst die Krönung seines Lebenswerks. Am 8. September wird er sie enthüllen, mit einer Pressekonferenz. Und so ziemlich jedes Hauptstadtmedium wird dabei sein. Raphael Fellmer ist angekommen.

Dort wo man ihn am wenigsten vermutet hätte: im Kapitalismus. Am 8. September eröffnet der ehemalige Geldverweigerer einen Supermarkt. Mit Same-Day-Lieferservice und Onlineshop.

Abgelaufene Lebensmittel, technisch gesehen Müll, praktisch: einwandfrei
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Fellmer ist so etwas wie das Berliner Gesicht der Öko-Bewegung. Der heute 34-jährige Veganer startete mit 26 Jahren eine fünfjährige Weltreise. Ohne Geld. Er fischte sein Essen zum Teil aus dem Müll. Später gründete er die Foodsharing-Bewegung mit, eine Initiative, die mit Supermärkten verhandelt. Früher kletterten Fellmer und Gleichgesinnte heimlich in die Müllcontainer hinter den Märkten, heute holen sie die Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, die aber noch in Ordnung sind, gleich kistenweise bei den Mitarbeitern ab. Seit 2012 bei der Bio-Company, inzwischen sammeln und verteilen 30.000 Ehrenamtliche die Reste von 3.000 Betrieben. Und nun also die Krönung, der Supermarkt SirPlus, der die aussortierten Reste wieder verkauft. Fellmer macht aus dem Müll einen Wert.

Raphael Fellmer, Berlins Vorzeige-Idealist
Foto: imago/ Piero Chiussi

Fellmer trifft mit seinem neuesten Projekt den Zeitgeist: Ökologisch und ethisch korrekter Kapitalismus. Es gibt viele Idealisten wie ihn, die gerade ins Lebensmittelgeschäft drängen: Köche, die mit abgelaufenen Lebensmitteln kochen, Läden, die Gemüse verkaufen, das zu krumm für den Supermarkt ist. Gerade hat selbst Aldi Süd angekündigt, künftig auch mit krummen Möhren zu handeln, die zuvor aussortiert und weggeschmissen worden wären.

Fellmer will ein Bewusstsein schaffen für den nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln. „800 Millionen Menschen hungern. Mit dem, was wir wegschmeißen, weltweit 1,3 Milliarden Tonnen im Jahr, könnte man 3,2 Milliarden ernähren. Es geht um die Sensibilisierung der Gesellschaft, Foodsharing und SirPlus haben auch einen Bildungsauftrag“, sagt er. Dafür hält er sein Gesicht hin. Seit er seinen Kampf für die Erhaltung der Welt begann, hat er vermutlich hunderte Interviews gegeben. So viele, dass ihm jetzt, kurz vor der Eröffnung des Ladens, der Trubel zu viel wird. Interviewanfragen werden abgelehnt, für ZITTY macht er dann doch eine Ausnahme. Fellmer braucht Ruhe vor dem Sturm.

SirPlus heißt der Laden, den er in der Wilmersdorfer Straße 59 in Charlottenburg miteröffnen wird. Auf rund 70 Quadratmetern werden hier Getränke, Obst, Gemüse und Backwaren verkauft. 30 bis 70 Prozent günstiger als im Supermarkt. Das gleiche Repertoire, dass es im Foodsharing-Netzwerk umsonst gibt. Warum sollte man dafür Geld zahlen? Fellmer sagt: „Mit SirPlus ergänzen wir Foodsharing um ein professionelles Konzept, indem wir Lebensmittel an den Punkten der Wertschöpfungskette retten, wo es für Die Tafeln und Foodsharing zu große Mengen sind, die Kühlräume und Logistik erfordern. Wir machen Lebensmittelretten Mainstream. Und dabei entstehen Kosten, für den Laden, das Lager, den Transporter, die Angestellten.“ Auch Fellmer, der ehemalige Geldverweigerer, gönnt sich ein Gehalt. Er arbeitet jetzt nicht mehr außerhalb, sondern mittendrin im Kapitalismus an der Weltverbesserung. Foodsharing bedient eine Nische, jetzt wird hochskaliert. Einige Unterstützer scheint er dabei zu haben. 1.700 Menschen haben SirPlus bei einer Crowdfunding-Kampagne mit fast 93.000 Euro vorfinanziert. Und was passiert mit den Lebensmitteln, die bei Sirplus keine Käufer finden? „Die geben wir an unsere Mitarbeiter und gemeinnützige Organisationen ab.“

Fellmer ist Berlins Vorzeigeidealist. Einer der es nicht fürs Geld macht. Das mag er ja nicht einmal. Fünf Jahre lebte Fellmer im „Geldstreik“, wie er es nennt. Jetzt macht er einen Laden auf. Wo man Dinge kauft. Für Geld. Ist er jetzt doch dem Kapitalismus verfallen? Oder ist das Ganze wie ein trojanisches Pferd, das seine hehren Werte auch in die breite Masse der Gesellschaft bringt? Das Ur-Ziel des Kapitalismus hat er auf jeden Fall schon verinnerlicht: Expansion. „Wir wollen Läden in weiteren Metropolen aufmachen, einen deutschlandweiten Lieferservice und ein Franchisesystem. Noch mehr Impact. Noch mehr Wirkung. Noch mehr Lebensmittel retten. Das Thema wirklich in die Mitte der Gesellschaft bringen.“ Bisher hat er vier Mitarbeiter und der erste Laden ist noch nicht einmal auf. Gerade werden noch Ehrenamtliche und Praktikanten für den Betrieb gesucht.

In einer Welt, in der wir Terroranschläge, Europas Rechtsruck und die weltweite Klimaerwärmung schon kaum mehr wahrnehmen, weil das große Ganze so verloren scheint, ist ein Mensch wie Fellmer, der sich völlig der Rettung von Mutter Erde verschrieben hat, wie ein kleines Wunder. Wie kann der so unbedarft sein, fragt man sich. Woher nimmt der den Enthusiasmus?

Die Antwort: Fellmer arbeitet nicht für sich. Er arbeitet für die kommende Generation. „Lebensmittelverschwendung ist eine der Hauptursachen der Klimaerwärmung“. Er will helfen, sie aufzuhalten, auch wenn er nicht mehr mitbekommt, ob sein Plan funktioniert. Um die Mammutaufgabe zu bewältigen, müssten wir alle weniger konsumieren. Fellmer sagt, es gäbe bereits ein Umdenken. „Das Bewusstsein für Ressourcenverschwendung wächst. Aber Privatpersonen, Unternehmen und Politik müssen aktiv werden.“ Er gibt zu, das könne dauern. Und es könnte auch zu spät sein. Aber wenn die Erde untergeht, lag es zumindest nicht an ihm.

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