Heimat der Heimatlosen

Rastplatz Berlin

Vom Zwischenstopp zum Lebensmittelpunkt: Der Neuköllner Columbiadamm ist ein Geheimtipp unter türkischen Fernfahrern. Zwischen zwei Aufträgen stellen sie ihre Fahrzeuge hier ab und warten auf einen Anruf vom Chef – manchmal wochenlang. Zu Besuch in der Heimat der Heimatlosen

Fernfahrer Sezai Karadág: seit 30 Jahren auf dem Bock

Sezai Karadág steht im Windschatten seines Lastkraftwagens. Autos rasen an ihm vorbei, den Columbiadamm entlang, die breite Verbindungsstraße von Neukölln nach Tempelhof. Dort hat er seinen großen LKW abgestellt. Vor und hinter ihm parken weitere LKW am Straßenrand, einer nach dem anderen, eine lange Kette. Das Gras auf dem Seitenstreifen ist mit trockenem Frost überzogen. Karadág gräbt die Hände in die ­Taschen seines Anoraks. In einer halben Stunde ist er mit drei anderen Männern, die jetzt noch in ihren Führerhäuschen hocken, an einem dieser LKW verabredet. Dann kochen sie mit einem ihrer Gaskocher Suppe, um in der eisigen Leere ein bisschen Wärme zu teilen. Sie sind Fernfahrer, die hier zufällig aufeinander getroffen sind.

Für die kurze Zeit zwischen zwei Aufträgen ist der Columbiadamm eine Heimat für die Heimatlosen. Etwa einen Kilometer lang ist die Strecke zwischen Columbiabad und dem Haupteingang des Tempelhofer Felds, auf der die LKW-Fahrer ihre Fahrzeuge kostenlos abstellen können. Auch die Sehitlik-Moschee befindet sich hier, die größte Moschee Berlins. Sie bietet einen der weni­gen Anlaufpunkte für die oft türkischen Trucker, die vom Rest der Gesellschaft sonst vergessen werden. Das Moschee-­Café ist für die Zeit in Berlin ihr Lebensmittelpunkt. Viele der Fernfahrer sind Muslime. In der Moschee können sie sich aufwärmen, auch waschen dürfen sie sich hier. Die Moschee erlaubt den Fahrern, ihre Duschen zu benutzen. Die sind eigentlich für Besucher gedacht, die sich vor dem Gebet reinigen wollen. Aus muslimischer Gastfreundlichkeit nimmt die Moschee aber auch die ­Trucker auf.

Sezai Karadág, 59, stammt aus Bolu im Norden der Türkei. Seit 30 Jahren ist er Fernfahrer, so wie schon sein Vater. Vor einigen Jahren hat er sich seinen eigenen LKW gekauft, damit ist er unabhängiger. Über die Jahre hat er die verschiedensten Länder beliefert: den Libanon, Irak, Iran, ­Syrien, Russland. Ganz Europa. Zur Zeit liefert er hauptsächlich zwischen der Türkei und Deutschland. „Syrien kaputt“, sagt er in gebrochenem Deutsch. „Russland kein gutes Geld“, setzt er hinzu. In Deutschland würden die Lieferungen besser bezahlt. Aber aussuchen, wohin die Reise geht, kann er es sich meistens nicht.

Das Leben als Fernfahrer ist einsam, geprägt von kurzen und längeren Aufenthalten in fremden Städten. Oft wissen die Fahrer nicht, wie lange sie an einem Ort bleiben werden. Der Komfort ist gering, alles müssen sie dabei haben – Zahnpasta und Shampoo, Nudeln und Kaffee, warme Kleidung. Manchmal warten sie bis zu zwei Wochen auf einen Anruf vom Chef. Der teilt ihnen mit, wohin sie als nächstes fahren sollen: vielleicht nach Hamburg, vielleicht nach Großbeeren. In den deutschen Städten ­laden sie Fracht auf, bevor sie weiter in ­andere Länder fahren.

Karadág wartet bereits seit zwölf Tagen auf einen Anruf von seinem Arbeitgeber. Normalerweise muss er eine Woche ausharren, dieses Mal hat es länger gedauert. Aber Karadág ist geduldig. Bald, nachdem er zurück ist vom Suppenessen mit den anderen Fernfahrern, geht er in seinem Führerhäuschen schlafen. Wie auch die anderen beiden Fahrer. Die Nacht ist kalt.

Der nächste Morgen. Karadág sitzt im Café der Sehitlik-Moschee, vor sich einen Pappbecher mit dampfendem Tee. Und ­einen Sesamring. Zwei große weiße Tische stehen im Raum, an einem sitzt eine ­Gruppe muslimischer Frauen – anders als in den ­Gebetsräumen treffen im Moschee-­Café Männer und Frauen aufeinander – am zweiten Tisch sitzt Karadág zusammen mit zwei Fernfahrern. Der gezuckerte Tee macht warm und wach. Karadág wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. Sie zeigt die türkische Zeit an, Viertel vor 11, in Deutschland ist es erst Viertel vor neun. 

Viele Wochen verbringen die Fahrer – es sind meistens Männer – fern von ihrer Familie, oft treffen sie sie nur für wenige Tage im Monat. Ihre Kinder wachsen ohne sie auf. Die meisten Fahrer beherrschen nur ein paar Sprachfetzen, um sich mit dem jeweiligen Abnehmer vor Ort zu verständigen: Russisch, Deutsch, Englisch. So leben sie in der Ferne isoliert. Orte wie die Sehitlik-­Moschee sind für sie daher wertvoll. Sie sind Inseln der Heimat in der Ferne. Hier können die türkischen Fahrer auf Menschen treffen, die ihre Muttersprache sprechen.

»Dann geht er in seinem Führerhäuschen schlafen. Wie alle hier. Die Nacht ist kalt«

Karadágs Handy klingelt. Er steht auf und geht in den Hof der Moschee. Es ist einer seiner beiden Söhne, er telefoniert mit ihm über Skype.

Der Sohn ist 25, studiert in Ankara. Karadág hält das Handy so, dass sein Sohn den weißen Prachtbau erkennen kann. Geometrische Muster zieren das ­Geländer der Marmortreppe, spitze Türme ­ragen in die Höhe. 

In der Mitte des Hofes liegt ein muslimischer Friedhof mit grauen Granitsteinen. Ein Theologe führt eine Schulklasse zum Café. Er will seinen Namen nicht nennen, sagt über die Fahrer aber: „Es gehört zu unserem Glauben, dass wir Reisenden unsere Räumlichkeiten anbieten.“ Mit ihnen tausche man Geschichten aus der Heimat aus, Freundschaften entstünden. Man esse zusammen, auch zum Beten könnten die Trucker fünf Mal täglich vorbei kommen. Zumindest zum Freitagsgebet tun das ­viele. Dann sind die LKW-Stellplätze voll belegt. Ob die Gastfreundschaft auch für Nicht-Muslime gelte? Natürlich, sagt der Theologe. 

Die Sehitlik-Moschee: einer der wenigen Anlaufpunkte für die oft türkischen Trucker, die vom Rest der Gesellschaft sonst vergessen werden Foto: F. Anthea Schaap

Die Sehitlik-Moschee steht immer wieder in der Kritik. 2005 als liberales Vorzeige­projekt gestartet, gehört sie wie etwa 950 andere Moscheen in Deutschland zum Islamverband Ditib. Ditib ist Teil der türkischen Religionsbehörde Diyanet, die wiederum dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan untersteht. Diyanet entsendet Imame in die Ditib-Moscheen. Kritiker werfen der Ditib vor, politischen Einfluss auf Muslime in Deutschland auszuüben. 2016 tauschte Ditib den Moschee-Vorstand aus, Kritiker vermuten, er sei ihr zu liberal gewesen.

Ende November letzten Jahres gab es einen Skandal in der Sehitlik-Moschee, als bekannt wurde, dass eine ehrenamtliche Beraterin und Politologin im Hof von mehreren Männern bedrängt worden sei. Im Rahmen eines Deradikalisierungsprojekts führte sie eine Schulklasse durch das Gebäude. Das Auswärtige Amt hatte die Schüler eingeladen. Unter den Männern soll auch der Imam der Moschee, Ahmet Fuat Candir, gewesen sein. Man habe der Frau vorgeworfen, ein falsches Islambild zu vermitteln – und sie des Geländes verwiesen. Die Politologin stellte das Projekt daraufhin ein.

Während Karadág mit seinem Sohn spricht, tritt ein jüngerer Mann aus dem Café. Er heißt Alexander, ist 18 Jahre alt, LKW-Fahrer aus Bulgarien. Er trägt eine Kunstlederjacke, seine Beine stecken in bedruckten Jogginghosen. Die beiden Männer nicken sich zu, seit einigen Tagen treffen sie sich zum Frühstücken hier. Alexander arbeitet seit drei Monaten als Fernfahrer, erklärt er, und hält drei Finger in die Luft. Er tritt durch das Tor, das das Moscheegelände von der Straße trennt, und greift nach der Packung Zigaretten in seiner Jacken­tasche. Im Hof ist das Rauchen verboten, Alexander hält sich lieber an die Regeln. Die Gastfreundschaft will er nicht strapazieren.

Neun, zehn Stunden dauert eine Schicht am Steuer

Inzwischen hat sich Karadágs Vorgesetzter gemeldet. Er bekommt ein neues Ziel: Mannheim. Dort soll er eine Fracht Chemikalien einladen, dann geht es zurück nach Istanbul. Vier bis fünf Tage fährt er bis in die Türkei, neun oder zehn Stunden dauert eine Schicht. Alle drei bis vier Stunden muss er pausieren, am Ende einer Schicht schlafen. 

Vielleicht darf er das bald nicht mehr in seinem Führerhäuschen tun. Um die Arbeitsbedingungen für LKW-Fahrer zu verbessern, haben sich die Verkehrsminister der EU im Dezember letzten Jahres darauf geeinigt, das Schlafen in LKW-Kabinen während der vorgeschriebenen Ruhezeit verbieten zu wollen. Arbeitgeber sollen dazu verpflichtet werden, den Fahrern Geld für Übernachtungen zu zahlen. Ob das geschieht, wird schwierig zu überprüfen sein. Auch fehlen Unterkünfte mit LKW-Stellplätzen in Autobahnnähe. 

Von einer weiteren Änderung könnten die LKW-Fahrer aber profitieren: Bisher vari­iert ihre Bezahlung von Ort zu Ort. Auch auf den Sitz der Firma kommt es an. Daher wollen die Minister der europäischen Länder das Gehalt der Fahrer EU-weit anpassen. Ihnen soll, unabhängig vom Firmensitz, künftig für Arbeit am gleichen Ort auch der gleiche Lohn gezahlt werden. Das Euro­paparlament muss dem Vorschlag allerdings noch zustimmen. 

Karadág wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. In der Türkei ist es jetzt Viertel nach eins. 

Wenn er seine Fracht in Istanbul abgeliefert hat, wird er endlich seine Familie besuchen können. Drei Wochen lang hat ­Karadág sie nicht mehr gesehen. Er vermisst seine Frau. Einmal pro Monat mache er eine Türkei-Deutschland-Türkei-Tour, sagt er. So käme die Familie über die Runden. Für Urlaub habe das Geld aber noch nie gereicht. „Berlin ist Urlaub“, sagt er mit einem traurigen Grinsen. 

Noch sieben oder acht Jahre will er fahren. „Dann Pause“, sagt er, und macht eine horizontale Armbewegung. In einer Stunde muss er wieder los, raus auf die Straße, nach Mannheim, dann nach Istanbul.