TANZTHEATER

Rauschen

Sasha Waltz & Guests vermessen in der Volksbühne die Fallhöhe des Menschseins in der Digital-Ära

Im Rausch der Assoziationen: Ensemble – Foto: Julian Röder

Verwachsen mit dem Smartphone, verliebt in Instagram & Co: Die digitale Blase hat bei vielen längst die Herrschaft über das eigene Ich übernommen. Sasha Waltz stößt mit ­ihrer neuesten Produktion hinein in die Kulis­senhaftigkeit eines nach Perfektion strebenden Lifestyles.

Die Bühne: ein klinisch weißes Rund. Durch die weite ­Leere driften zwölf Tänzer und Tänzerinnen, nervös vibrierend in ihren Bewegungsmustern. Sie sind die überreizten Insassen im Selbst­optimierungsgefängnis, deren physisches Wirbeln nur eins zu erzeugen scheint: existenziellen Leerlauf. Doch aus dem Geschehen schält sich allmählich eine Transformation heraus. Das Maschinenhafte weicht einer gänzlich anderen, traumartigen Atmosphäre eines Gegenentwurfs.

Im Schlussteil setzt die Choreografie auf schon oft gesehene Chiffren des Tanztheaters, wenn archaisch grundierte Bilder den Raum fluten und mit großer Geste Gemeinschaft heraufbeschwören. Der Blick über den dystopischen Tellerrand, final verfängt er sich im allzu Dekorativen.

In dem Zweistünder steckt eine schier überbordende Materialfülle, die Sasha Waltz über weite Strecken gekonnt einhegt. Im Rausch der Szenen und Assoziationen verliert sich jedoch mitunter der dramaturgische Kitt. Ein deutlicher Wermutstropfen im ansonsten mit Verve getanzten Abend. ANNETT JENSCH

25.–28.4., 20 Uhr, Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Choreografie: Sasha Waltz; mit Blenard Azizaj, Davide Camplani, Clémentine Deluy, Edivaldo Ernesto, Hwanhee Hwang, Lorena Justribó Manion, Annapaola Leso, Zaratiana Randrianantenaina, Aladino Rivera Blanca, László Sandig, Yael Schnell, Stylianos Tsatsos. Eintritt 11–36 €

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