Politischer Techno

Raven für die Revolution

Demos gegen die AfD und Partys für Behinderte: Die Techno-Szene ist einer der wichtigsten außerparlamentarischen Akteure dieser Stadt: auf den Straßen, in den Clubs, überall

„AfD wegbassen“-Demo“ Foto: SB

Die Straße des 17. Juni bebt. Unter zehntausenden Füßen, die sich im Viervierteltakt bewegen. Die Musik von mit Lautsprechertürmen beladenen Wagen peitscht sie voran, den Rechten am Brandenburger Tor entgegen. Die Tanzenden wollen mit ihrer Gegendemo die Nationalisten übertönen und die „AfD wegbassen“, die zur bisher größten rechten Demo seit dem Ende des Nationalsozialismus aufgerufen hat. „Berlins Clubkultur ist alles, was die Nazis nicht sind und was sie hassen: progressiv, queer, feministisch, antirassistisch, inklusiv“, ruft eine Frau von einem der Wagen durchs Mikro. Jubel. Eine Frau hält ein Schild in die Höhe, während sie tanzt: „AfD wählen ist so 1933.“ Drumherum: Menschen in kleinen Gruppen, die von einem Fuß auf den anderen wippen, Bier in der Hand. Dann eine Gruppe, die ein Transparent vor sich her trägt: „Wenn die AfD die Antwort ist, wie dumm war dann die Frage?“ Es könnte ein Revival der Loveparade sein, wären da nicht die vielen Plakate. Und die AfD-Anhänger mit ihren Deutschlandfahnen und dem „Abschieben!“-Sprechchor auf der anderen Seite der Absperrungen.

Nach dieser Demo vom 27. Mai gab es im vergangenen Jahr noch zahlreiche weitere Demons­trationen, auf denen Technofreunde ihren politischen Willen bekundeten. Dieses Jahr startet die Demo-Saison spätestens am 30. März mit einer Parade, die den Titel „Seehofer wegbassen“ trägt. Die Organisator*innen setzen sich gegen Abschiebungen ein und fordern den Rücktritt des Bundesinnenministers.

Die Clubszene hat die Macht, um Massen zu mobilisieren. Sie ist einer der wichtigsten außerparlamentarischen Akteure der Stadt. Insgesamt 25.000 Menschen waren im Mai 2018 gekommen, um gegen die AfD zu demonstrieren. Organisator der Gegendemo war Reclaim Club Culture, ein Bündnis aus mehr als 120 verschiedenen Clubs und Kollektiven der Technoszene. Im Oktober, bei der großen „Unteilbar“-Demo, gingen 240.000 Menschen gegen Rechts und für eine offene Gesellschaft auf die Straße – ebenfalls von Soundsystemen angepeitscht. Es war eine der größten Demonstrationen aller Zeiten in Deutschland. Als im November 2018 die Populisten von „Wir für Deutschland“ zum Gedenk­tag der Reichspogromnacht zu einem Trauermarsch für „die Opfer der deutschen Politik“ aufriefen, organisierte Reclaim Club Culture eine Gegendemo. Im Januar tanzten mehr als 2.000 Menschen, um gegen den Bebauungsplan Ostkreuz auf der Straße zu protestierten. Dort sollen ein Aquarium, teure Luxuswohnungen und Hotels entstehen. Anfang März riefen rund 3.500 Menschen zum großen Rave, um ein Zeichen zu setzen gegen die EU-weite Einführung von Uploadfiltern für Netzinhalte, einem folgenreichen Eingriff in die Meinungsfreiheit. 

Bunt statt braun: „AfD wegbassen“-Demo Foto: Emmanuele Contini / imago

Mit ihrer Teilnahme an den Demos folgen die Raver dem Weckruf von Clubmachern und Musikkollektiven. Sie erheben sich für Werte, die die Rave-Szene stets ausgemacht haben und die in Zeiten eines länderübergreifenden Rechtsrucks wichtiger werden: Toleranz, Freiheit, Gleichheit, Solidarität. Tanzdemos gehören in Berlin seit den späten 80er-Jahren zum Stadtgeschehen. Es gab die Loveparade, 1997 kam die kleinere, unkommerzielle Fuckparade dazu, deren Teilnehmer*innen seither mit durchschnittlich 180 bpm Freiräume für die Szene fordern – ein Protest-Event, das  in diesem Sommer wahrscheinlich als „Antifuckparade“ neu aufgelegt wird. Und seit 2015, als fast eine Million Geflüchtete nach Deutschland kamen, zieht auch noch ­jeden Sommer der Zug der Liebe mit etwa 50.000 Demonstrant*innen durch die Stadt und wirbt für Toleranz, aber auch Nachhaltigkeit und mehr Kulturförderung.

Doch die Clubszene ist auch abseits der Straße aktiv. Ihre Anhänger verteidigen ihren hedonistischen Lebensstil und ihre Ausgehorte. Mit Solipartys wie denen vom Kulturkartell, die für Geflüchtete Pizzen backen, oder von dem Camp 009, die Geld für Geflüchtete sammeln. Und mit Projekten wie Plus 1, dessen Initiator*innen an den Clubtüren Spenden sammeln und das Geld in Projekte für Flüchtlinge pumpen. Mit dem Kollektiv Rebellion der Träumer, dessen Mitglieder Partys gegen Rechts in Sachsen mitorganisieren und in Berlin Tagungen zum Thema Rechtsextremismus abhalten. 

Es gibt auch Clubs wie das About Blank und das Mensch ­Meier, die sich egalitär organisieren und versuchen, „Safe Spaces“ für ihre Gäste zu schaffen: Räume, in denen niemand sexistische, rassistische oder homophobe Anfeindungen fürchten muss – und der Aggressor oder die Aggressorin rausfliegt, wenn es doch dazu kommt. 

„Es ist jetzt wichtig, nach außen Stellung zu beziehen, weil sich die Diskussionen in der Gesellschaft zuspitzen.“

Mitarbeiter des About Blank

Das About Blank, zu finden in einer Seitenstraße am Ostkreuz, steht seit Jahren wie kaum ein anderer Club für diese Haltung: vollgetaggt, abgerockt und antideutsch. Auch an der „AfD-Wegbassen“-Demo hat sich das About Blank beteiligt. 

Sechs Monate später sitzen Ambassadora Blanka und Abouto Blanko in einem kleinen Raum im Obergeschoss ­ihres Clubs, vollgestellt mit speckigen Ledersofas und Geträn­kekisten. Sie nennen sich so, weil sie nicht als Privatpersonen sprechen wollen, sondern für das Projekt. Blanko sagt: „Früher haben wir mehr unser eigenes Süppchen gekocht. Aber jetzt ist es wichtig, nach außen Stellung zu beziehen, weil sich die Diskussionen in der Gesellschaft zuspitzen.“ Blanko ist seit der Gründung des About Blank 2010 dabei, Blanka seit drei Jahren. Beide sind gleichberechtigte Mitglieder des Kollektivs.

Blanko ist seit der Gründung des About Blank 2010 dabei, Blanka seit drei Jahren. Beide sind gleichberechtigte Mitglieder des Kollektivs. Im About Blank bekommen alle Mitarbeiter*innen das gleiche Gehalt. Die Hierarchien sind möglichst flach. An der Tür und hinter den Plattentellern stehen auch Frauen, und Frauen übernehmen das Booking genauso wie Männer. Wer sich übergriffig verhält oder gegen die linken Werte des Clubs verstößt, wird entweder verwarnt oder fliegt gleich, je nachdem, was passiert ist. „Wir bombardieren unsere Gäste nicht mit einer politischen Botschaft“, sagt Blanka. „Aber sie können sich von uns inspirieren lassen. Viele merken den Unterschied zu anderen Clubs. Die gehen dann nach Hause und denken darüber nach, was alles geht. Manche Frauen zum Beispiel fühlen sich empowered, wenn sie sehen, dass auch Frauen Türsteherinnen sein können.“

Ein weiterer Club, der sich ebenfalls dezidiert politisch gibt, ist das Mensch Meier in Prenzlauer Berg. Am 9. März (nach Redaktionsschluss dieses Heftes) sollte hier eine Party steigen, die sich „Patriarchat wegbassen” nennt. Regelmäßig gibt es Feiern, die auch von und für Menschen mit Behinderungen veranstaltet werden. Ein langer Gang mit hohen Decken führt in den Club. Rechts und links reihen sich die Eingänge zu den Tanzflächen aneinander. Jede ist anders: Da ist der Raum, in dem mensch sich wegen der Podeste und Überbauten aus Holz wie auf einem Festival in Brandenburg fühlt. Gegenüber der große Raum mit Laserstrahlen, die sich über die Köpfe der Tanzenden ergießen und wieder verschwinden. Einen Raum weiter gibt es eine schlichte Tanzfläche mit Bar. Trotz der liebevollen Gestaltung  unterscheidet sich das Mensch Meier nicht sehr von anderen Berliner Clubs. Das Ambiente ist rau, die Wände sind voller Tags, die Sitzecken zusammengezimmert. 

Das Mensch Meier: Hier steigen die Spaceship-Partys, wo behinderte Menschen die Tanzfläche erobern. Foto: Mensch Meier

Die Philosophie der Macher*innen aber unterscheidet sich: Immer wieder stellen sie Veranstalter*innen von Solipartys ihre Räume zur Verfügung. Wer bei ihnen Partys veranstalten darf, entscheiden sie in Pleni, die sie mehrmals in der Woche abhalten. So wie alles andere, was Entscheidungen erfordert. Das koste sie jedes Mal Zeit und Energie, sagt ein Mitglied des Kollektivs.

Die Basisdemokratie ist nicht der einzige Faktor, der zwar moralische Ansprüche erfüllt, aber gleichzeitig die Organisation des Clubs erschwert. Die Macher*innen des Mensch Meier lassen sich zum Beispiel viel Geld durch die Lappen gehen, weil sie auf Sponsoren verzichten: Ihre Kühlschränke tragen keine Markenembleme, und die Cola kommt nicht von Coca-Cola, sondern aus einem Kollektivbetrieb. Weitere Besonderheiten: Bei allen Partys achtet das Mensch Meier auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis an der Bar, im Booking, bei den DJs, bei der Technik und an der Tür; es ist sogar der einzige Club, der schon komplett weibliche Türsteherteams eingesetzt hat. 

Raving Lebanon

Abed und Ina sammeln auf ihren Solipartys Spenden, um in den Libanon zu fliegen und Kleidung in ein Flüchtlingscamp zu bringen

„Fünf Jahre ich bin hier; immer noch kein Papier; ich mach’ Ausbildung; ich will keine Abschiebung”, singt Abed im Crack Bellmer. Abed ist vor fünf Jahren aus Syrien geflüchtet. Zusammen mit Ina Felina organisiert er rund alle zwei Monate in wechselnden Clubs Solipartys für ein Flüchtlingscamp im Libanon. Bei ihren Partys hängen Bilder aus dem Camp an den Wänden. Die DJs bekommen keine Gagen. Stattdessen erhält ihr Projekt Raving Lebanon das Geld. Genauso wie alle Spenden, die sie in einer Dose sammeln. Von dem Geld fliegen die beiden regelmäßig in den Libanon und bringen Kleidung und Schuhe, die sie in Deutschland gesammelt haben, ins Camp. Das liegt mitten in der Bekaa-Ebene, einem von der Hisbollah kontrollierten Gebiet. „Die meisten Kinder haben keine Schuhe, geschweige denn Socken“, sagt Ina. Ihr nächstes Ziel ist es deshalb, alle Kinder im Camp mit Schuhen und Socken zu versorgen – im Februar fliegen Ina und Abed das nächste Mal in den Libanon. Kommende Partys: 25. April – Crack Bellmer / 11. Mai – Mensch Meier / 04. Juni – Griessmühle (Pong Club)

Außerdem beschäftigt der Club sogenannte Awareness-Teams. Die Mitglieder des Teams sind auf den Tanzflächen unterwegs und beobachten. Wenn jemand einer*m der Tanzenden zu sehr auf die Pelle rückt, nehmen sie die Person zur Seite. Und wenn sich eine Person übergriffig verhält, kann es sein, dass sie rausfliegt. Über das politische Engagement des Meiers sagt ein Kollektivmitglied: „Eines unserer Prinzipien ist: Wir wollen unseren Idealen treu bleiben. Keine politischen Phrasen raushauen und uns in die Stadtpolitik einmischen, sondern unsere Einstellung leben. Im Rahmen von Sprache, Kunst, interner Organisation und den Menschen, die bei uns auftreten.“ Trotz der politischen Haltung mancher Clubs und vieler Kollektive gibt es immer wieder Kritik, wenn Veranstalter*innen zu Demos mit Musik aufrufen. Besonders vom linken und rechten Rand. Zum Beispiel in den Kommentarspalten einiger Medien, in denen rechtsgesinnte Leser „AfD-wegbassen“ den Status einer Demo absprachen. Viele Teilnehmer*innen seien nicht gekommen, um für oder gegen etwas zu demonstrieren, sondern um Spaß zu haben. 

Plus 1

An den Clubtüren wird die Plus-1-Dose zum Normalfall: Wer auf der Gästeliste steht, soll Bares hineinwerfen. Der Ertrag kommt ­Projekten für Geflüchtete zugute

Das Spendenprojekt Plus 1 nimmt Clubs, die sich für Geflüchtete engagieren wollen, die logis­tische Arbeit ab. Es funktioniert so: Die Clubs stellen an ihren Kassen die Plus-1-Spendendose auf. Wer auf der Gästeliste steht, wird aufgefordert, mindestens einen Euro in die Dose zu werfen. Die Erlöse fließen an drei verschiedene Projekte, die jedes halbe Jahr wechseln. Immer aber ist ein Projekt dabei, das sich um Geflüchtete in Berlin kümmert, eins, das Lobbyarbeit für Geflüchtete betreibt, und eine Organisation, die Flüchtlinge auf dem Mittel­meer vor dem Ertrinken rettet. Seine Geburts­stunde hatte das Projekt 2015, als sich Hundert­tausende nach Nordeuropa und vor allem Deutschland aufmachten. Auch wenn längst nicht mehr so viele Asylsuchende nach Deutschland unterwegs sind, machen die Orga­nisator*innen von Plus 1 weiter. „Unser Projekt stammt aus einer Zeit, wo die Krise akut war“, sagt Stephan Rombach von Plus 1. „Aber auch jetzt kommen noch Flüchtlinge ins Land. Gleichzeitig kapern die Rechten den Diskurs und machen Stimmung gegen Geflüchtete. Deswegen ist es wichtig, aktiv zu bleiben. Politische Arbeit bedeutet Ausdauer, über Monate und Jahre hinweg.“    

Plus-1-Dose Foto: Emmanuele Contini / imago

Dasselbe Argument kommt von manchen Linken, aus Antifa-Kreisen zum Beispiel: Tanzdemos seien Hedonismus  – und Hedonismus kein Protest. Wenn es hart auf hart käme, seien Teilnehmer*innen von Tanzdemos nicht in der Lage, zu handeln und rechte Demos zu blockieren. Zu wenig Erfahrung, zu viele Drogen, zu verballert. 

Ist an der Kritik was dran? Wie effektiv sind Tanzdemos und wie politisch sind ihre Teilnehmer*innen? „Kommt drauf an“, sagt Gregor Betz vom Berliner Institut für Protest- und Bewegungsforschung. „Zu viel Spaß bietet Angriffsfläche für Politiker, die ihn als Begründung benutzen, um die Anliegen der Demonstrierenden nicht ernst zu nehmen“, sagt er. „Aber wenn jemand sagt, dieTeilnehmer kommen wegen der Musik und nicht wegen des politischen Protests, dann ist das eine Unterstellung. Woher will derjenige das denn wissen?“

Betz hat herausgefunden, dass bei Tanzdemos das gesamte Spektrum vertreten ist: von solchen, die kommen, weil sie mit Freunden feiern wollen, über diejenigen, die ihre politische Haltung zeigen wollen und sich auf gewöhnlichen Demos nicht wohlfühlen, bis hin zu denen, für die die politischen Ziele im Vordergrund stehen. „Und dann gibt es noch die, die sich während der Demo politisieren“, sagt Betz. Dazu gehören wohl alle, die irgendwie zufällig auf den Demos gelandet sind, vielleicht nach der Clubnacht. Die Technodemos sind eine gute Schule für sie. Hier lernen sie, für ihren Lebensstil einzutreten – und sich mit den Anliegen anderer zu solidarisieren. 

Antifa mit Wumms: Der Kampf gegen Rechts als Techno-Party Foto: Emmanuele Contini / imago

Bei der „AfD-wegbassen“-Demo im vergangenen Mai jedenfalls prägen diejenigen das Bild, die wissen, warum sie hier sind und was auf dem Spiel steht. Als sie vor dem Brandenburger Tor vor Polizeisperren Halt machen mussten, weichen die Demonstrant*innen in den Tiergarten us, um sich dem AfD-Aufmarsch zu nähern. Sie schauen Richtung Brandenburger Tor, wo die Rechten Deutschlandfahnen schwenken und „Abschieben“ brüllen. Es ist, als könnte man spüren, wie der Anblick der AfD-Anhänger die Demonstrant*innen aufwühlt. Die Musik ist hier leiser, die Parolen lauter, vorne am Geländer stauen sich die Menschen. Neben dem altbekannten „Say it loud, say it clear: Refugees are welcome here“ dominiert der Spruch „Ganz Berlin hasst die AfD“. Einer ist halb auf die Absperrungen geklettert und streckt der AfD immer wieder seinen Mittelfinger entgegen. Eine andere hat eine Trommel dabei und trommelt, ohne aus dem Takt zu geraten, ihr Blick starr geradeaus.

Für Felix Schmeckefuchs, der mit dem Partykollektiv „Rebellion der Träumer“ Teil von Reclaim Club Culture ist, ist der Vorwurf des Unpolitischen nichts als ein Argument der Rechten, um der Demo Bedeutung abzusprechen. „Wir merken in Gesprächen, dass die Menschen genau wissen, worum es geht“, sagt er. „Sie wollen einfach friedlich ihre Stimme erheben. Viele entscheiden sich gerade für diese Form des Protests, weil sie mit dem martialischen Auftreten anderer antifaschistischer Gruppen bei normalen Demos nichts anfangen können. Die Musik ist dabei auch ein Signal nach außen, dass es sich um gewaltfreien Protest handelt.“ Und der hat allein durch die hohe Teilnehmerzahl eine Wirkung. „Das Ziel von Demonstrationen ist, die Adressaten in ihrer Entscheidungsfindung zu beeinflussen“, sagt Protestforscher Betz. Am 27. Mai 2018 war das die AfD, der die Demonstrant*innen zeigen wollten, dass sie nicht ihrer Meinung sind. Und es waren Politiker*innen, denen sie klarmachen wollten, wie viele Menschen in Berlin nicht rechts sind. „Je höher die Teilnehmerzahl, desto wahrscheinlicher wird das Ziel des Protests: eine Entscheidung auf politischer Ebene herbeizuführen“, sagt Betz.

Dass Veranstalter Musik verwenden, um Menschen dafür zu gewinnen, auf die Straße zu gehen, ist nichts Neues. Schon an einem der ersten Berliner Tage der Arbeit im Jahr 1890 gab es nach der Kundgebung ein Fest. In den frühen Jahren der Bonner Republik begleiteten Bläser und Frauenchöre die Demonstrationszüge. Und die mit 3.000 Teilnehmern größte Schienenblockade in der Geschichte der Castor-Transporte in Gorleben wurde 2010 von einem Soundsystem untermalt. Um zu einem ungeschützten Gleis­abschnitt zu gelangen, folgten die durch den Wald streunenden Blockierer einfach den Klängen der Musik. 

Demos mit Partycharakter sind also nichts Neues. Neu ist eher, dass heute eigentlich alles von einem Event begleitet wird und die Demos nicht mehr herausstechen: „Schauen Sie sich doch um, es gibt die Lange Nacht der Wissenschaft, die Lange Nacht der Wohnungsbesichtigungen, Scheidungsmessen“, sagt Betz. „Warum nicht auch Demos, die gleichzeitig eine Party sind?“

Erkämpfte das Demonstrationsrecht für Techno-Umzüge: „Fuckparade“ Foto: Olaf Wagner / imago

Es war schon einmal so, dass Tanzdemos der Demo­charakter aberkannt wurde: 2001, als die Versammlungsbehörde die Loveparade und die Fuckparade verbot. Die Begründung: Die Paraden hätten nach außen nicht den Anschein einer Demonstration. Doch während die Loveparade mit dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ den Hedo­nismus feierte, hatte die nicht-kommerzielle Fuckparade explizite Ziele. Die Teilnehmer*innen demonstrierten zu Hardcore-Musik gegen die Verdrängung von Clubs aus der Innenstadt, gegen die Privatisierung des öffentlichen Raums, gegen Polizeigewalt und Rassismus. Immer vorbei an Clubs, die schließen mussten. Nach dem zwischenzeitlichen Aus der Parade klagten die Organisatoren gegen das Verbot. Und bekamen 2007 vor dem Landesverfassungsgericht Recht. „Unser Argument war: Bei den Gewerkschaftsdemos tragen sie alle rot und kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen. Wir tragen schwarz und kämpfen gegen Investoren und für eine offene Gesellschaft“, sagt Thomas Rupp von der Fuckparade. Mit dem Urteil schufen Rupp und seine Kollegen einen Präzedenzfall.

Fuckparade/ Antifuckparade

Von der improvisierten Parade mit geliehenen russischen LKWs zur 10.000-Menschen-Großdemo: Die Fuckparade wächst kontinuierlich und beschallt die Berliner mit ­Hardcore. Außerdem schufen die Macher*innen eine rechtliche Grundlage für Tanzdemos

Während die Loveparade das Leben und den Hedonismus feierte, war die Fuckparade von Anfang an politisch. Als der legendäre Bunker 1996 schließen musste, gingen die Raver auf die Straße und zogen durch Mitte. Vorbei an den Clubs, die von Verdrängung bedroht waren. „Wir wollten uns wehren gegen die Übernahme des öffentlichen Raums durch Investoren“, sagt Mitorganisator Thomas Rupp heute. Bei nur sieben Wagen und insgesamt rund 500 Menschen war musikalisch von Punk bis Gabber fast alles dabei. Damals standen die Musikanlagen auf geliehenen russischen LKWs. Nach einem zeitweiligen Verbot lebte die Parade 2007 wieder auf. Zwischendurch erstritten die Macher*innen die rechtliche Grundlage für Tanzdemos vor Gericht. Inzwischen kommen nach Angaben der Veranstalter jedes Jahr 10.000 bis 12.000 Menschen zur Demo. Die Macher*innen der Wagen halten Reden und vertreten linke Standpunkte. Im letzten Jahr zum Beispiel kamen zwei der Wagen von den linken Jugendzentren Potse und Drugstore. Trotzdem, die Wagen sind professioneller geworden. Und das Organisieren anstrengender: Noch ist nicht klar, ob die Antifuckparade im August wirklich stattfinden wird.

Paradebeispiel für Politisierung 

Heute können sich alle Organisator*innen von Tanzdemos darauf berufen. Besonders medienwirksam taten das die Organisatoren der „Mediaspree versenken“-Demos, die zusammen mit tausenden Demonstrant*innen ihre Wagen durch Kreuzberg und Friedrichshain rollen ließen. „Media­spree versenken“ ist ein Paradebeispiel für die Politisierung von Ravern angesichts einer konkreten Bedrohung:  Investoren des Projektes Mediaspree, die das Spreeufer nach ihren Vorstellungen bebauen und gewachsene Subkultur wie die Bar25 und das Yaam verdrängen wollte. 

Nach mehr als einem sorglosen Jahrzehnt, in dem die Menschen aus der Clubszene auf Drogen an der Spree herumhingen, gingen tausende Menschen gegen den Bebauungsplan auf die Straße. Eine Arbeitsgemeinschaft brachte alternative Vorschläge zur Gestaltung des Spreeufers ein. Nur um hinterher zu erfahren, dass die Bebauung der Flächen mit Investoren-Hochhäusern schon in den 90er-Jahren entschieden und der Kampf von Anfang an weitgehend aussichtslos war. Nur der Park hinter der East Side Gallery wurde erhalten, das Yaam bekam immerhin einen neuen Standort. Ein international einzigartiger Erfolg der Bewegung ist das Holzmarktareal, das Filetgrundstück an der Spree, das die Bar-25-Macher*innen mit Hilfe der Schweizer Abendrot-Stiftung zum Marktpreis erworben haben. Sie gestalten das Gelände jetzt nach ihren Vorstellungen und experimentieren mit alternativen Formen des Zusammenlebens inklusive Kita, Räumen für Künstler, Marktplatz, Geschäften und Bäckerei. Zur Zeit steht das Projekt allerdings aufgrund von Streit um eine Baugenehmigung angeblich wieder auf der Kippe.

Spaceship

Die Spaceship-Partyreihe ist die erste in Berlin, die Menschen mit Behinderung ­integriert. Und ihnen zeigt, was es bedeutet, sich in Trance zu tanzen

Wie oft sieht man eigentlich Menschen mit Behinderung in einem hippen Club? „Zu selten“, dachte sich Felix Halischafsky und rief zusammen mit den Macher*innen des Mensch Meier und seinem Kollegen Markus Lau von der Lebenshilfe die Spaceship-Partyreihe ins Leben. Das Mensch Meier ist barrierefrei und bei den Spaceship-Partys speziell, aber nicht nur, für Menschen mit Behinderung geöffnet. Hali­schafsky arbeitet hauptberuflich mit Menschen mit geistiger Behinderung zusammen und geht privat gerne feiern – die Macher*innen des Mensch Meier kennt er schon länger. Irgendwann kamen die Freunde auf die Idee, beides zu verbinden.

„Menschen mit Behinderung leben oft in einer Parallelwelt. Sie arbeiten mit anderen Behinderten und verbringen ihre Freizeit mit ihnen“, sagt Halischafsky. „Dabei sind ja gerade Technopartys voll von toleranten, offenen Menschen. Die Menschen bekommen dort einen Lebensstil vorgeführt, den sie sonst nicht kennen.“ Die Spaceship-Partys beginnen um 18 Uhr und dauern bis 24 Uhr. Danach steigt sich eine reguläre Party, oft bleiben die Spaceship-Gäste noch länger. Doch auch um 18 Uhr ist die Stimmung bombig. „Einer der DJs auf ­einer Party konnte nicht glauben, wie die Gäste um 18 Uhr ausgerastet sind. Der fand die Stimmung besser als nachts um fünf“, sagt Halifschafsky. Doch Menschen mit Behinderung sind bei den Spaceship-Partys nicht nur auf der Tanzfläche vertreten, sondern auch hinterm DJ-Pult.

Im Rahmen des Projekts ­„IckmachWelle!“, einer Kooperation der Berliner Lebenshilfe und des Labels Killekill, lernen Menschen mit Behinderung, elektronische Musik zu produzieren. Später können sie auf den Spaceship-­Partys auflegen. Sowohl „IckmachWelle!“ als auch die Spaceship-Partys werden vom städtischen Music­board gefördert.

Vielleicht muss die Bedrohung immer erst vor der ­eigenen Haustür sichtbar werden, damit Menschen wach werden und protestieren. Heute bedrohen einerseits AfD und Pegida, andererseits Investoren und zahlungskräftige Expats die Utopien, die sich Raver und Alternative in den letzten 25 Jahren erträumt und manchmal auch aufgebaut haben. So besorgniserregend diese Entwicklung auch ist: Sie hat einer linksalternativen Straßenbewegung den Weg geebnet. Zug-der-Liebe-Organisator Jens Schwan sagt: „Ohne esoterisch werden zu wollen, glaube ich daran, dass es auto­matisch eine Art Balance gibt, wenn das Pendel zu weit in eine Richtung schwingt. Pegida war da definitiv der Auslöser und der Zug der Liebe mit durchschnittlich 50.000 Teilnehmern der Gegenpol.“ Trotzdem, zu lange war die Clubszene Schwan zufolge untätig. Nicht nur im Kampf gegen rechts, sondern auch in der Verteidigung ihrer Stadt gegen Investoren. „Während wir in den frühen 90ern feierten und die neue Freiheit genossen haben, waren andere schon dabei, ebenjene Häuser zu kaufen“, sagt er.

Felix Schmeckefuchs sieht das ähnlich: „Wer früher auf Partys über was Ernstes, sei es die Macht der Investoren oder die Gefahr von rechts, sprechen wollte, wurde entweder stehen gelassen oder als langweilig abgestempelt“, sagt er. „Das ist jetzt anders.“ Jetzt sei es wichtig, zusammen auf die Barrikaden zu gehen, neben anderen Kollektiven oder Protestgruppen wie dem Bündnis der Kulturschaffenden mit ihren symbolischen Rettungsdecken, die silbern und golden glänzen. Um zu merken, dass man nicht alleine ist. Und nicht aufzuhören mit dem Engagement. Damit sich die Geschichte nicht wiederholt.

Zug der Liebe

Der Zug der Liebe ist vielseitig: Die Macher*innen wollen mehr Kulturförderung, mehr Grün­flächen und eine bessere Integration von Geflüchteten.

Der Zug der Liebe zieht jedes Jahr seit 2015 durch die Stadt und fordert eine „menschliche Lösung der europaweiten Flüchtlingsproblematik“. Und das ist nicht alles: auch eine kultur­orientierte Senatspolitik, eine nachhaltige Stadtentwicklung mit mehr Grünflächen, mehr Jugendförderung und  sowie Schutz und Förderung der Clubszene. Außerdem protestieren die Demonstrant*innen gegen AfD und Pegida. Jeder Wagen hat eine*n Club-Betreiber*in und eine Schirm­organisation. Dazu gehörten 2018 die Berliner Obdachlosenhilfe, die Studie­renden gegen Blutkrebs, der Verein Karuna für Kinder und Jugendliche in Not, der Verein Tierschutz Berlin und viele mehr. 

„Zug der Liebe“ Foto: Christian Ditsch / imago

Es scheint, als sei es höchste Zeit für einen Weckruf. Denn die AfD bläst zum Angriff auf Kultur, die nicht ihren Vorstellungen entspricht. Sie stellt Anträge, um linken Kultureinrichtungen die Förderung zu nehmen. Die AfD-Bezirks­verordnete Sybille Schmidt wollte sogar das Berghain  schließen lassen. Wenn nicht, dann sollte wenigstens der Darkroom beleuchtet werden und der Club um sechs Uhr die Sperrstunde einläuten. Dazu kam es nicht.

„Zug der Liebe“ Foto: Christian Mang / imago

Pauls Pizza Partys

Hilfe geht durch den Magen: Einmal im Monat steigen ­Pauls ­Pizza Partys. Von den Ein­nahmen profitieren Suppenküchen für ­Geflüchtete in Serbien und ­Griechenland.

Das Kollektiv Kulturkartell veranstaltet jeden Monat Solipartys. Das Besondere: Das meiste Spendengeld  sammeln sie über Pizzas ein. ­Pauls Pizza Party heißt die Partyreihe, bei der alle Erlöse an die No Border Kitchen und an die No Name Kitchen auf ­Lesbos in Griechenland und Sid in Ser­bien gegeben werden. Beides sind Projekte, deren Mitglieder für Geflüchtete kochen, die in ­Lagern auf den griechischen Inseln leben. ­Jedes Mal nehmen die Macher*innen des Kulturkartells zwischen 600 und 1.000 Euro ein. Mehr als bei vielen anderen Solipartys. Das liegt daran, dass sie für ihren Partyort in Schöneberg keine Miete zahlen müssen. Die Betreiber*innen der Location lassen Veranstalter*innen nämlich umsonst in ihren Räumen feiern, solange sie versichern, alle Einnahmen an sozia­le Projekte zu spenden. Am Anfang ­haben die Mitglieder des Kulturkartells Ausstellungen veranstaltet und nebenbei Pizza verkauft. „Aber das lief nicht. Man muss die Leute irgend­wie in die Location locken. Und Musik hat da schon immer funktioniert. Musik war immer ein Verbindungsglied“, sagt Crew-Member Niko Ranch.

Doch die Bestrebungen der AfD zeigen: Das Zelebrieren von Hedonismus kann ein Statement sein, das rechte Kräfte verunsichert. Auch ein Zeichen gegen das kapitalistische Prinzip, wonach jeder Zeitvertreib sinnvoll und produktiv sein muss. Oder eins gegen prüde Normen, die die Menschen im Zaum halten sollen. 

So war es auch, als Berliner*innen in den 20er-Jahren in den vielen Tanzlokalen die Nacht, den Rausch und das Leben feierten. Vor den Augen der erstarkenden Nationalsozialisten. Quasi ein Tanz unter aufziehenden Gewitterwolken. Es gab nur einen Unterschied: Die Hedonisten in den Salons und Bars der Weimarer Republik organisierten keinen Straßenprotest, der sich gegen die rechte Gefahr stellte. 

Kultursenator Klaus Lederer (Linke) sagt kürzlich im ZITTY-Interview: „Feiern an sich kann politisch sein: Die Vielfalt in Berlin, die vielen Kneipen von Schwulen und Lesben, die es in den 1920er-Jahren gegeben hat, die Avantgardekunst, die entstanden ist, die sind nicht apolitisch gewesen, sondern zutiefst politisch. Denn die sich selbst als nationalsozialistische Revolution bezeichnende Bewegung hat sich explizit gegen diese gesellschaftliche Vielfalt und Offenheit gewandt.“ 

So mutig und lebensbejahend das wilde Leben der 20er war, so gefährlich war es für die Hedonist*innen. 1933 barsten die Gewitterwolken, die Nazis kamen an die Macht. Eine demokratisch gewählte Regierung, die das Land in die Diktatur führen sollte. Vorbei waren die Jahre voller Vielfalt und Spaß um des Spaßes willen.

Bei der „AfD wegbassen“-Demo haben auf der Straße des 17. Juni noch lange nach dem Ende der Gegendemo unermüdliche Menschen auf dem Asphalt getanzt. Sie stellen ihren Spaß am Exzess zur Schau. Und zeigen allen, die zugucken: Diese Freiheit steht auf dem Spiel.