Berlin

Recht auf Rausch und Ramsch!

Ob Myfest in Kreuzberg oder Müllerstraßenfest im Wedding: Es ist schick geworden, unliebsame Straßenfeste verbieten zu wollen. Warum eigentlich? Ein Plädoyer für die Biermeile
Text: Philipp Wurm

Ihr Proll-Faktor nervt manche Hüter des guten Geschmacks schon länger: Das Turmstraßenfest in Moabit und das Müllerstraßenfest im Wedding zählen zu Berlins derbsten Feierlichkeiten. Am Bier­tresen wird druckbetankt und nicht bloß genippt. Statt Paläo-Diat ist Pommes angesagt. Es gibt außerdem Plastik­schmuck für einen Euro das Stück.

Auch die Lokalpolitik findet sie zu laut und zu billig. Nicht im Geiste einer Metropole, die sensiblen Anwohnern ihre Feierabend­ruhe ermöglichen will. Der CDU-Mann Carsten Spallek, Bezirksstadtrat in Mitte, hat die Feste deshalb erfolgreich verbannt. Er hat vorgeschlagen, die Austragungs­orte in den „Positiv-/Negativkatalog für Ver­anstaltungen im Zentrum Berlins“ aufzunehmen. Einmal auf dieser Liste, können Veranstaltungen verboten werden, wenn sie dem öffentlichen Interesse schaden. Die Drohung hat gereicht, dass sich für die Feste kein Veranstalter mehr finden wollte.

Dieses neobürgerliche Ausschlussdenken ist zum Trend geworden. Mit Platzverweis wird auch anderen Festen, die eher volkstümlich daherkommen, gedroht – zwar ohne Verwaltungsdekrete, dafür mittels vielsagender Statements. So hat Monika Herrmann, Kreuzbergs grüne Bezirksbürgermeisterin, den Fortbestand des Myfests infrage gestellt, jenes leidlich politisierten Budenfestes, das in diesem Jahr von 45.000 Partytouristen besucht wurde, so vielen wie noch nie. „Viele aus dem Kiez sagen, das ist nicht mehr das Fest, das wir uns mal ausgedacht haben“, beschwerte sich Herrmann nach dem diesjährigen Massen­umtrunk. Mittlerweile hat Herrmann zwar wieder zurückgerudert, man wolle, dass es „weitergeht“ und erwäge, das Fest sogar „reguliert auszuweiten“. Ihre Schelte hatte dennoch eine klare Botschaft: Eigentlich haben die Leute aus den teuren Altbauwohnungen, die unter der gefühlten Ballermann-Hölle leiden, ja recht.

Auch der Karneval der Kulturen, die mega­lomanische Fasching-Attrappe, ist nicht mehr unantastbar. Bis zuletzt stand die 2015er-Parade auf der Kippe. Der Senat hatte das Sicherheits­konzept kritisiert und dem Veranstalter, der Werkstatt der Kulturen, die Zusammen­arbeit aufgekündigt. Erst im Frühjahr sprang die landes­eigene Kulturprojekte GmbH ein, um als neuer Veranstalter die Parade zu retten. Spott über die Samba-Gruppen und ihr Gefolge gehört dennoch zum guten Ton, wie vergangenes Jahr, als der „Tagesspiegel“ das Fest als „niveaulos“ abkanzelte.

Warum diese Anti-Haltung gegenüber rus­tikalen Straßenfesten? Sie ist kurzsichtig – zumal sie einseitig die Interessen einer privilegierten Schicht vertritt, die manche Stadtteile Berlins am liebsten in ein deutsches Soho verwandeln würde. In einen Ort der geschlossenen Gesellschaften, wo sich gut gekleidete Agentur­menschen nach der Arbeit augenzwinkernd zuprosten – auf Vernissagen, Filmpremieren, klan­destinen Open Airs oder in holzvertäfelten Hipster-Bars. Wo Trinkfeste auf den Straßen nur noch geduldet werden, wenn sie das richtige Publikum anziehen, wie es etwa für das Anfang September geplante Festival Schall & Rauch in Moabit gilt, eine gediegene Alternative zum proletarischen Turm­straßenfest.

Eine Hauptstadt aber, in deren Öffentlichkeit sich nur noch die Schickeria vergnügen darf, ist sozial ungerecht. Ohne Straßenfeste fehlt einer Stadt zudem etwas, das sie erst komplett macht: der Raum, in dem sich die Regeln des bürgerlichen Anstands in Dunst auflösen. Die Orte, wo Oakley-Sonnenbrillen und Mandy-Frisuren un­geniert zur Schau getragen werden. Das Recht auf Ramsch. Erst wenn eine Stadt auch diese Bedürfnisse befriedigt, ist sie wirklich menschlich zu ihren Einwohnern. Erst dann heißt sie alle willkommen, auch die Unperfekten.

Die Bedenkenträger könnten sich etwas von der Großzügigkeit abschauen, die andere Städte an den Tag legen. Der Straßenkarneval in Köln, Düsseldorf und Mainz ist ein amtlich legitimiertes Besäufnis, über Standesgrenzen hinweg, wo der Hilfsarbeiter neben dem Architekten, die Arbeitslose neben der Ärztin vorm Zapfhahn anstehen. Klar, die meisten Volksfeste in Berlin besitzen weniger Tradition. Aber heißt das, dass man Straßenfeste gleich abschaffen muss, weil über­empfindliche Nachbarn davon genervt sind und Lokalpolitiker deswegen aktionistisch werden? Stattdessen wird gegiftet, wie etwa in einer Online-­Petition, deren Unterzeichner das Myfest aus Kreuzberg verbannen wollen. Die Ver­anstaltung sei „so etwas wie Kirmes, Trachten­umzug und Vatertag“. Selbst wenn: Wo ist das Problem?

Seltsamerweise fällt die Akzeptanz proletarischer Feierkultur vielen Skeptikern leicht, wenn sie zurück in die Stadt­geschichte blicken. Ergriffen liest mancher Kulturbürger in Romanen wie Döblins „Berlin Alexanderplatz“ oder Haffners „Blutsbrüder“ vom rauen Berlin der Zwanziger, von der Stadt der Schaubuden, Schultheiss-Trinker und Schlägereien. Aber im Hier und Jetzt wendet er sich angeekelt vom Pöbel ab.

Dabei sollten die Straßenfeste gerade Menschen, die das Original-Berlin erhalten wollen, am Herzen liegen. Denn es ist offenkundig, wem der Kulturkampf gegen Bier, Boulette und Besoffskis letztlich am meis­ten nützt: Investoren und Stadtplanern, für die solche Korrekturen ein Mittel unter vielen sind, den Wohnraum aufzuwerten – um ihn aussichts­reicher unter Spekulanten vermarkten zu können.

Da sind etwa das Müllerstraßenfest im Wedding und das Turmstraßenfest in Moabit – ihre Areale gehören zu Sanierungs­gebieten im Rahmen des städtischen Förderprogramms „Aktives Zentrum“. Was der CDU-Politiker Carsten Spallek gleich als Auftrag verstanden hat, die Feste abzuwickeln. Seine Begründung: „Ziel dieses Programmes ist es, die Gebiete attraktiver zu machen. Diesem klar formulierten öffentlichen Interesse dienen die Straßen­feste nicht, sie stehen ihm sogar entgegen.“

Wer gegen Gentrifizierung ist, sollte tra­shige Straßenfeste also unbedingt unterstützen. Im Getümmel einen über den Durst zu trinken ist ein klares Signal. Darauf­ ein Bier auf ex!