Berlin

Rechts draußen

Nicht die typisch deutschen AfD-Wähler: Warum ein Schwuler mit syrischem Vater, die Ex-Partnerin eines syrischen Manns und ein ehemaliger Salafist die AfD mögen – oder ihr sogar die Stimme gaben

Foto: imago/ ZUMA Press

Francis*

Kulturmanager mit syrischem Vater, hat als bekennender Schwuler Angst

Francis ist 36 und dunkelblond. Er kocht gerne syrisch und liebt die Kulturgeschichte des Nahen Ostens. Sein Vater kam in den 50er-Jahren als Chirurg nach Deutschland. Trotzdem hat Francis eine Partei gewählt, die die Grenzen für Flüchtlinge hochziehen will. Wie passt das zusammen?

Francis erinnert sich an glückliche Kindheitstage im eleganten Damaskus der Oberschicht: „Die syrische Gesellschaftsschicht, die ich kannte, funktionierte. Man war international. Akademiker, die mit ihren Familien aus dem Ausland zurückkamen und sich eine abgekapselte, elitäre Welt in feinen Villenvierteln kreierten.“

Religion habe damals keine Rolle gespielt. Arme Syrer gab es in diesen Kreisen nicht, sagt er, die dörflichen Vororte und die Slums waren weit entfernt. Die strenge Assad-Diktatur habe die Hungrigen, die Ungebildeten, stillgehalten. Doch diese Hungrigen seien nun, nach fünf harten Jahren des Krieges, hier. Vor allem aber, das sei das Beängstigende, wären sie jetzt „zusammen mit den brutalen Straßenkindern“, vor denen der erklärte Marokko-Fan schon immer in Marrakesh aufpassen musste. Francis sagt: „Berechtigtes Asyl, Frauen, Kinder – ein klares Ja. Diese Typen: nein. Deren Verbände und Lobbyisten: will ich nicht.“

Er hat AfD gewählt, weil er sich um seinen Lebensstil als bekennender Homosexueller sorgt. Angst hat er konkret davor, dass muslimische Ideen in die bundesdeutsche Gesetzgebung fließen können. Er möchte eine starke Opposition in Deutschland, und er möchte auch nicht mitteleuropäische Normalität wie Schweinefleischgerichte im Kindergarten abgeschafft sehen. „Halal“ geschlachtetes, also brutal geschächtetes Fleisch ist ihm ein Dorn im Auge, aber was solle man machen, „wenn 85 Prozent der Kinder in der Kita dann auf die, die noch Schweinefleisch essen dürfen, zeigen und ‚unrein‘ rufen?“
Vor allem aber will er auch Berlins freien Spirit in seiner Szene erhalten. „Als ich ein Video vom Kottbusser Tor sah, in dem ein vermeintlich Schwuler von zwei Migranten mit einem fetten Gürtel geprügelt wird, war bei mir der Ofen aus.“ Auch macht Francis traurig, dass die Szene rings um den Nollendorfplatz, einst Beispiel für freies schwules Leben in einer Metropole, steigende Über- und Angriffe vermeldet und sich besorgt in Facebook-Gruppen zusammentut.

Seine Hoffnung: dass die AfD für Sicherheit sorgt, Videoüberwachung in Berlin verstärkt, und er weiterhin genauso offen homosexuell leben kann wie Frau Weidel mit ihrer Partnerin in der Schweiz.

Melanie*, 32,

wählt gegen die Scharia

„Ich kann nur ganz subjektiv für mich sprechen“, sagt Melanie. „Trau dich!“ – dieser Wahlslogan der AfD habe sie angesprochen. Denn der Hintergrund dafür ist ein sehr persönlicher – und sehr tragischer.

Vor zwölf Jahren fing sie eine Beziehung mit einem arabischen, sehr international lebenden Akademiker an. „Wir haben zwei wunderbare Kinder bekommen, doch kurz nach den Schwangerschaften brach der Albtraum aus.“ Er kam nur stundenweise nach Hause, hatte blutjunge Geliebte. Dann entführte er die Kinder zu seiner Ehefrau. Die erzieht sie seitdem im Libanon – muslimisch. Seitdem kämpft Melanie darum, ihre Kinder wiederzusehen.

Sie sagt, sie habe „mit allen denkbaren Mitteln, Anwälten, Diplomaten und Freunden“ versucht, einen fairen Sorgerechtsprozess zu führen: „Ich hatte auch Verfahren in anderen arabischen Ländern. Der ganze Prozess kostete meine Familie hunderttausende Euro, Kraft, Nerven und Tränen.“ Am Ende wurde ihr Fall vor einem Sharia-Gericht verhandelt. „Da hieß es, ich sei ungläubig und unrein, könne die Kinder nicht islamisch erziehen.“

Als die Zwillinge acht Jahren alt waren, sah sie sie zum letzten Mal. Vier Jahre ist das jetzt her. „Wie ich die kommenden zehn Jahre mit diesem Schmerz umgehen soll, dass wissen nur meine behandelnden Psychologen“, sagt Melanie.

Bei ihrer Wahlentscheidung für die AfD hätten sie ihre christlichen arabischen Freunde bestärkt. Weil die libanesischen unter ihnen fast ihr ganzes Land an die Muslime verloren haben. Und weil sie wegen der permanenten Anmache von oft arabisch aussehenden Männern schon lange nicht mehr U-Bahn fahre. Viele ihrer Freundinnen seien auch schon ausgeraubt worden. „Auch der CDU wollte ich einen Denkzettel mitgeben“, sagt Melanie, „damit sie auch gegen die Islamisierung Deutschlands ankämpft.“

Suheil*

Ex-Salafist, ist voller Wut

Suheil, 42, wuchs im Saarland als Sohn palästinensischer Flüchtlinge auf. Seine Eltern –  Studenten, die zu Wohlstand gelangt waren – legten großen Wert auf Bildung. Nach seiner Schulzeit wurde Suheil trotzdem kleinkriminell, später dann zum Salafisten. Heute sagt er über diese Zeit, dass er „irregeleitet“ gewesen sei. „Als der Krieg in Syrien anfing, wollte ich natürlich mithelfen. Erst humanitär, dann aber auch an der Waffe.“ Er organisierte selbst einen Hilfskonvoi, fuhr nach Syrien, sah, wie sich einzelne Kriminelle, aber auch vermeintlich islamische Organisationen, zerstritten. „Nichts mit Gleichheit, mit Fairness, mit Rücksicht, mit islamischen Werten. Da war mein Traum von einem wahrhaften Staat nach islamischen Regeln schnell ausgeträumt.“ Was folgte, war eine Depression. Suheil sagt, er sei nicht mehr als Fahrer gebucht worden, weil er zuviel Kritik an den islamischen Organisationen geübt habe – dabei habe er ehrenamtlich gearbeitet.

Nach seinen Erfahrungen kann Suheil über die deutsche Willkommenskultur nur den Kopf schütteln: „Wen Merkel da alles ins Land gelassen hat!“ Sein Blick ist verhärtet, seine Sprache drastisch. „Die Typen, die jetzt in den Moscheen jeden Platz bis auf den letzten besetzen“, sagt er überzeugt, seien „der Abschaum der arabischen Länder, Kriegsverbrecher, Diebe, Lügner und Hehler“. Andererseits spürt er selbst seit den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2016, wie er „als Araber schief angeschaut“ werde. Und er weiß, dass salafistische Menschenfänger in vielen Moscheegemeinden Deutschlands allzeit auf der Suche nach neuen Schäfchen sind, die bereit sind, für die Idee des IS zu sterben. „Der Islam in seiner jetzigen Zeit ist verrottet, falsch interpretiert und sollte weder durch die Türkei noch durch die saudischen Wahabiten und all ihr Geld eine Legitimation in deutscher Gesetzgebung finden“, sagt er, der ehemalige Salafist und Syrien-Reisende, der Verbitterte und Desillusionierte, voller Wut.

Wahrscheinlich ist es auch diese Wut, die ihn jetzt nachdenken lässt, ob er nicht in die AfD eintreten sollte. Vielleicht wird er es sogar tun.

* Alle Namen wurden von der Redaktion geändert

Texte: Jasna Zajcek