Berliner Institutionen

Neu gerahmte Frauenzimmer

Galerie im Körnerpark und NGBK holen in der Schau „Reframing Worlds“ vergessene Bilder von Frauen aus den Trümmern der Kolonialreiche hervor

Die Debatte über den Kolonialismus ist in Berlin in vollem Gang. Straßen mit Namen von deutschen Kolonialisten wie dem des Landbesitzers Adolf Lüderitz sollen umbenannt werden, möglichst mit Frauennamen. Inwiefern koloniales Denken das Bild von Frauen geprägt hat, untersucht derzeit die Ausstellung „Reframing Worlds“ der Neuen Gesellschaft für Bildende Künste (NGBK) in Kooperation mit der Galerie im Körnerpark. An beiden Standorten sind Werke von 16 Berliner Künstlern und Künstlerinnen zu sehen, die sich mit überlieferten Dokumenten neu auseinandersetzen und deren Beiträge teils an beiden Orten, teils exklusiv präsentiert werden.

 

Foto: Nihad Nino Pusija
Blick in die Ausstellung „Reframing Worlds“, hier Galerie im Körnerpark: „Auf den Trümmern des Paradieses!“ von Nathalie Anguezomo Mba Bikoro und Anais Héraud-Louisadat

Das „Reframing“ im Titel, also das erneute Einrahmen, das eine andere Perspektive schaffen soll, lässt sich in der Galerie am Körnerpark fast wörtlich nehmen. Sofort am Eingang der kommunalen Galerie im schönen Neuköllner Körnerpark fallen die Bilder von Rajkamal Kahlon auf. In der Reihe „Do You Know Our Names?“ hat die Künstlerin ethnografische Porträt­fotos des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bearbeitet. Sie übermalte sie mit Farb­elementen und hat so die Bilder von den ­alten Machtstrukturen zerstört. Die damals „Wilde“ oder „Primitive“ genannten Frauen erscheinen mit den neu gemalten Kleidungs- und Schmuckstücken nun stark und selbstbewusst. Der Perspektivwechsel belebt: Er zeigt, dass die Art der Darstellung das Denken beeinflussen kann.

Zu Gast bei Yoruba

In der NGBK beginnt die Ausstellung mit Akinbode Akinbiyis „Osogbo“. Zwölf Analogfotografien in Schwarzweiß geben einen Eindruck von Feierlichkeiten und Erbe der Yoruba, einer ursprünglich religiösen Kultur in Nigeria, Benin und Togo. Mit weißen Gewändern und Haarschmuck tragen Frauen dieses Erbe in die Gegenwart: Die ­Fotografien wurden in den vergangenen zwei Jahren geschossen.
Eine weitere anregende Arbeit ist „Woman to Go“ von Mathilde ter Heijne in der NGBK und der Galerie im Körnerpark, wo der Beitrag in einer früheren Fassung schon einmal zu sehen war. Das Werk umfasst mehrere prall gefüllte Postkartenständer. Seit 2005 sammelt die in Berlin lebende niederländische Künstlerin Porträts anonymer Frauen aus der Kolonialzeit.

Akinbode Akinbiyi Osogbo, 2015 – 2017

Postkarten to go

Die Abbildungen, die sie auf Flohmärkten und in Antiquariaten fand, kombiniert sie mit biografischen Daten historisch verbürgter Frauen, die zur selben Zeit lebten. Das Verschmelzen der Identitäten hat etwas Kraftvolles. Die Beschreibung der hellhäutigen Dame in dem Kleid, auf das „ABC“ genäht ist, als einstige Herrscherin der Sakalava in Madagaskar ist zwar von ter Heijne so gesetzt worden, offenbart aber Informationen, die sonst verloren gingen: Sie erinnern an die vielen Frauen, die laut der Beschreibungen auf den Rückseiten der Karten politische Figuren, Intellektuelle oder Reisende waren. Das koloniale Genderverhältnis wird damit nachträglich ein wenig austa­riert. Durch die freie Mitnahme der Karten kommen die Geschichten und Abbilder in Umlauf und können als Quelle neuer Inspirationen dienen. 

Bis 21.1.: Galerie am Körnerpark, Schierker Str. 8, Neukölln, Mo–So 10–20 Uhr, Eintritt frei; NGBK, Oranienstr. 25, Kreuzberg, Mi–Fr 10–20, Sa–Di 12–19 Uhr, Eintritt frei