„Ein wandelnder Widerspruch auf Beinen“

Regisseur Andreas Dresen über seinen neuen Film „Gundermann“

Regisseur Andreas Dresen über seinen neuen Film „Gundermann“, seine Erfahrungen mit Bespitzelung in der DDR und Reisrezepte im „Neuen Deutschland“

Seit seinem schönen Langfilmdebüt ­„Stilles Land“ (1992) gehört Andreas ­Dresen, 55, mit Filmen wie „Halbe Treppe“, „Herr Wichmann von der CDU“ oder „Sommer vorm Balkon“ zur ersten Garde deutscher Filmemacher. In seinem neuen Film beschäftigt er sich mit dem ostdeutschen Lieder­macher und Baggerfahrer Gerhard Gundermann (1955-1998), der mit poetischen Liedern Erfolge feierte – und als IM tätig war.

Herr Dresen, wann haben Sie Gerhard Gundermann erstmals wahrgenommen?
Als ich 1982 Abitur in Schwerin gemacht habe, wurde im Fernsehen der DDR der ­Dokumentarfilm „Gundi Gundermann“ ausgestrahlt. Und wie das eben so war in ­einem kleinen, abgeschotteten Land: Es hatte sich bei Kulturinteressierten herumgesprochen, dass dieser Film wohl Probleme hatte, beim Fernsehen durchzukommen, weil da kritische Sachen gesagt wurden. Der Film wurde dann spät abends versendet, und das war schon beeindruckend, ­regelrecht frech für DDR-Verhältnisse.

Aber eher in dem, was Gundermann gesagt hat, weniger in den Liedern.
Richtig, die waren damals schon sehr ­poetisch. Es wurde klar, dass er zwar Kommunist ist, dass er aber die DDR von links attackiert. Zu der Zeit war er schon aus der Partei geflogen, wegen „grundsätzlicher ­Eigenwilligkeit“, wie das hieß.

Dieses Poetische, Indirekte, auch bei Gundermann, ist typisch für die DDR-­Musik, oder?
Ja, aber die Anspielungen wurden von den Leuten auch verstanden. Ulrich Plenzdorf hat mal sinngemäß gesagt: „Das häufige Auftauchen von Reis-Rezepten im ­‚Neuen Deutschland‘ wurde in der DDR dahin­gehend verstanden, dass es Probleme mit der Kartoffelversorgung geben würde.“ Man hatte gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Für Poesie und die Künste ist das natürlich ein großartiger Raum.

 

Andreas Dresen
Andreas Dresen
Foto: Peter Hartwig/Pandora Film

War dann die Fallhöhe besonders hoch, als Mitte der 90er Gundermanns IM-Tätigkeit herauskam?
Es gab ja schon zuvor prominente Fälle wie Ibrahim Böhme, Christa Wolf oder Heiner Müller. Und dann auch noch Gundermann, scheiße! Aber bei ihm passte es in gewisser Weise auch ins Bild. Weil man sich vorstellen konnte, dass er die Illusion hatte, er könne etwas in die richtige Richtung schieben.

Wie sind Sie damit umgegangen?
Er hat sich ja dazu öffentlich recht ausführlich geäußert, Erklärungen versucht. Das ­erschien glaubwürdig und ehrlich. Am Ende muss man damit umgehen lernen, dass ­jemand Schuld auf sich geladen hat. Wie die meisten bin auch ich dann ­wieder in die Konzerte gegangen und habe die ­Platten gekauft.

Im Film wird gezeigt, wie sehr ihn dieses IM-Ding selbst umgehauen hat.
Ja, er war total geplättet, hatte vieles verdrängt. Ich denke, das hat ihn auch bis zu seinem Lebensende nicht mehr losgelassen.

Wurden Sie auch bespitzelt?
Ja, mehrfach leider. Der krasseste Fall war der, dass mich einer meiner ältesten Schulfreunde über Jahre massiv bespitzelt hat. Er stand eines Abends vor meiner Tür, und bei einer Flasche Rotwein meinte er: „Ich muss dir etwas sagen!“ Ich habe eher verlegen ­reagiert und war peinlich berührt. Es war ja mutig von ihm, zu mir zu kommen, es wäre wohl nie rausgekommen. Ich habe bis heute meine Akte nicht eingesehen. Wir haben dann über ein Jahr versucht, die Freundschaft zu retten – was nicht ging.

Haben Sie überlegt, ob sein Treiben Ihnen geschadet hat?
Ja, natürlich. Ich wurde 1984 mal von der Stasi verhört, weil ich einen Amateurfilm über die Ausreiseproblematik gedreht ­hatte, glaube aber nicht wirklich, dass das etwas mit ihm zu tun hatte. Es war eine ­Erschütterung, hatte aber letztlich auch keine Konsequenzen: Ich durfte in Babelsberg Regie studieren, obwohl mein Vater 1977 ausgereist ist. Ich durfte 1987 sogar in den Westen fahren. Ich habe mich nie als Opfer gefühlt.

Denken Sie, dass Bespitzelung auch etwas mit Geltungsdrang zu tun hat?
Vielleicht steigert sie das Gefühl von der ­eigenen Bedeutung – man darf Mitspielen im großen Räderwerk. Gundermann war ja in vielerlei Hinsicht ein Außenseiter, und die IM-Sache hat ihm vielleicht den Rücken gestärkt. Außerdem hatte er ja auch so eine Revolutionsromantik, wollte die Welt verbessern und sah sich da seltsamerweise an der richtigen Adresse. Dazu kam bei ihm das gestörte Verhältnis zum Vater. Deshalb ­wurde ihm von der Stasi gezielt eine väterliche Figur als Führungsoffizier zugewiesen.

Wie geht man an so eine komplexe Bio­­grafie wie die von Gerhard Gundermann heran?
Das dramaturgisch in den Griff zu bekommen, hat die Drehbuchautorin Laila ­Stieler geschafft. Wir fanden Gundermanns Vita hochinteressant, er ist ein wandelnder ­Widerspruch auf Beinen. Über seine Persönlichkeit kann man auf eine sehr differen­zierte Art von der DDR erzählen. Laila hat Kontakt zu seiner Frau Conny aufgenommen, durch deren Erzählungen wurde alles noch interessanter, denn die privaten Geschichten kannten wir ja noch nicht. Über zwei bis drei Jahre hat Laila recherchiert, mit Zeitzeugen wie beispielsweise den Musikerkollegen gesprochen. Wir haben auch Gundermanns Stasi-Akte durchforscht.

Und?
Nach der Lektüre haben Laila und ich uns erst mal tief in die Augen geblickt. Da steht zwar nichts Weltbewegendes, nichts, was jemanden in den Knast gebracht hat. Aber es ist ungeheuer kleinkrämerisch, ­unangenehm, beflissen. Ab Anfang der 80er hat er dann immer mehr versucht, Mängel aus dem Tagebau anzusprechen. Die ­letzte Notiz ist jene, dass die Stasi die Sache umdreht: Die Zusammenarbeit mit dem IM wird abgebrochen und stattdessen aus Gundermann ein „operativer Vorgang“ gemacht.

Hat diese Lektüre Laila und Sie erst dazu gebracht, das Thema Stasi so stark in den Vordergrund zu hieven?
Nein, das war in Lailas Drehbuchfassungen immer schon so – mit dieser Zweiteilung, durch das Aufdecken der IM-Tätigkeit in den 90ern eine Reise zurück in die 70er zu ­unternehmen. Wir fragen: Was ist denn da gewesen? Man erlebt den Idealisten Gundermann und wie er sich aufreibt, aber auch die Liebesgeschichte. Eine sehr kluge Entscheidung Lailas, dieser Aufbau. Der zentralen moralischen Frage – der IM-Sache – muss man ehrlich nachgehen.

Und nach dem Warum fragen.
Ja. Es ist nicht zu entschuldigen, aber wie kommt es dazu? Es ist aber auch kein Alleinstellungsmerkmal der DDR-Bürger, moralische Verfehlungen begangen zu haben. Denunziantentum kennt die Welt schon immer, bis heute.

Kommen wir zu Alexander Scheer: Es scheint mitunter, er spiele Gundermann nicht nur, er ist Gundermann!
Er hat ihn sich nicht nur äußerlich angeeignet, sondern ist förmlich in diesen ­Charakter hineingekrochen. Ein ­unglaublicher Schauspieler! Das konnte man ja an der Volksbühne auch immer wieder erleben. Alex liefert sich einer Arbeit mit Haut und Haar aus.

Würde Gerhard Gundermann Ihr Film gefallen?
Keine Ahnung. Vielleicht sitzt er jetzt da oben, lacht und wundert sich, was für ein Gewese wir um ihn machen. Ich glaube, ihm würde dieses Ungestüme gefallen. Er ist ja keiner Konfrontation aus dem Weg ­gegangen.

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