„Der Versuch eines ehrlichen Heimatfilms“

Regisseur Oliver Haffner über ­seinen Film „Wackersdorf“

Regisseur Oliver Haffner im Interview über ­seinen Film „Wackersdorf“, die Oberpfälzer und den legen­dären Landrat Hans Schuierer

Eigentlich kommt Oliver Haffner vom ­Theater. Mit „Wackersdorf“ legt der Münchner seinen dritten Langfilm vor. Er erzählt vom allmählich wachsenden ­Widerstand eines Landrats, als Anfang der 80er in seinem Kreis eine Wiederaufbereitungsan­lage gebaut werden soll.

Herr Haffner, gab es für Sie eine ­persönliche Beziehung zum Thema?
Vom Jahrgang 1974 her bin ich ein wenig zu jung, aber ich habe eine acht Jahre ältere Schwester, die ist aus München zu Demonstrationen nach Wackersdorf gefahren, was bei uns – aus Sorge der Eltern um die Kinder – zu familiären Diskussionen geführt hat, obwohl wir aus einem liberalen Elternhaus kommen. Generell ist die Zeit meiner Kindheit und Jugend stark mit der Auseinandersetzung um Atomenergie geprägt gewesen, das war auch sehr angstbesetzt, etwa im Hinblick auf die Literatur, die man damals gelesen hat, wie „Die Wolke“.

Haben Sie beim Dreh festgestellt, dass der Name Wackersdorf in der Region noch etwas bedeutet?
Ja, wir hatten einen Komparsenaufruf, auf den 800 Leute reagiert haben, von denen uns fast jeder seine eigene Wackersdorf-­Geschichte erzählt hat. Und das war eigent­lich nie sentimental zurückblickend, sondern eher emotional unerlöst. Ich war überrascht, wie präsent das Thema war, ­allerdings nicht bei den Jungen – alle ­Anfang 20 haben keine Ahnung mehr, die Älteren schon. Dass das noch immer so erregt, zeigt für mich, dass das Wunden sind, die bis heute nicht verheilt sind. Es hat sich ja auch niemand von Seiten der Staatsregierung entschuldigt für das, was passiert ist.

Oliver Haffner
Oliver Haffner

Wie lange hat es gedauert, bis Sie vom allgemeinen Thema zum Fokus auf diesen einen Landrat, gekommen sind?
Relativ schnell. Der Auslöser war vor ­sieben Jahren der Atomunfall von Fukushima und dann der Atomausstieg, damit tauchte ­meine Jugend plötzlich wieder vor mir auf. Ich bin dann an den Produzenten Ingo Fließ herangetreten, der zufälligerweise auch aus der Oberpfalz kommt und selbst demon­striert hat. Er hat sich sofort an diesen Landrat erinnert, den ich nicht kannte. Dann haben wir uns regelmäßig mit ihm getroffen und Gespräche geführt – nach einem halben Jahr wussten wir: Das ist der Richtige.

Ist er später eigentlich je für das, was er erreicht hat, geehrt worden?
Nein! Hans Schuierer erzählt es eher scherzhaft, obwohl es eine große Verletzung ist: Er ist der einzige bayerische Landrat nach 1945, der keinen Bayerischen Verdienst­orden bekommen hat. Den bekommt man sonst automatisch, aber er hat ihn eben nicht bekommen – wohl aber das Bundesverdienstkreuz.

Gab es erzählerische Momente, in denen Sie die Fiktion über die Realität stellen mussten?
Wir sehen ja eigentlich der inneren Entwicklung eines Menschen zu, und die ­findet manchmal auch im Stillen statt, wo niemand dabei ist, etwa, wenn er sich mit seiner Ehefrau im Bett unterhält. Wenn er da dieses Schwammerlgleichnis bringt, dann ist das etwas, was seine Frau uns wirklich erzählt hat – ob das nun genau in dieser ­Situation war, ist dann zweitrangig.

Wie real sind die anderen Figuren, etwa sein Mitarbeiter?
Claus Bössenecker gibt es, er war auch bei der Filmpremiere dabei, er ­wurde damals strafversetzt nach Fürth. Das Verhältnis war tatsächlich so, dass sie ­lange Zeit nichts miteinander anzufangen ­wussten und sich im gegnerischen Lager vermuteten; er war stark vom kirchlichen Widerstand geprägt – damit hatte der Sozial­demokrat Schuierer wenig am Hut. Und die Figur, die Anna ­Maria Sturm verkörpert, ist angelehnt an ihre Mutter Irene Sturm, die die Bürgerinitiative mitbegründet hat.

Der Begriff „Heimat“ wird in letzter Zeit viel strapaziert, ist jetzt auch im Titel eines Bundesministeriums enthalten. Wollen Sie mit dem Film dem etwas entgegensetzen?
In Bayern ist ja der große Marketingtrick gelungen, dass die CSU mit Heimat gleichgesetzt wird, Heimat soll da Orientierung geben. Ich glaube aber, dass Heimat viel ­interessanter ist in Verbindung mit Identität und Selbstreflexion: Woher kommen Dinge in mir? Deswegen fand ich das bei dem Film auch so toll, dass wir von Anfang an gesagt haben: Die Landschaft in der Oberpfalz ist sehr speziell, sie hat so eine karge Schönheit. Diese Landschaften prägen auch ein bestimmtes Denken, eine bestimmte Form von Emotion, die anders ist als im geschäftigen Oberbayern. Insofern ist dies der Versuch eines ehrlichen Heimatfilms, einer, der sozusagen nicht vereinfacht, sondern versucht zu sagen: Das ist das Feld, auf dem die Figuren agieren, aus dem sie ihre Hoffnung und ihre Kraft schöpfen. Das ist ein komplexerer Heimatbegriff.

In der Hauptrolle beeindruckt Johannes Zeller durch seine recht verhaltene Spielweise.
Wir haben beide am Reinhardt-Seminar in Wien studiert, er Schauspiel, ich Regie. Aller­dings war er vier Jahre über mir. Wir standen auch mal gemeinsam auf der ­Bühne. Ich bin dann wieder auf ihn aufmerksam geworden, als ich vor einigen Jahren den „Faust“-Film gesehen habe. Dadurch hat er sich mir als Filmfigur eingebrannt. Er kommt übrigens aus der Ost-Steiermark, und dahin gab es im 19. Jahrhundert große Auswanderungs­bewegungen aus der Oberpfalz, der Dialekt ist ähnlich.

Wackersdorf