Berlin

Reicht mein Geld?

In Berlin zu wohnen ist mittlerweile ein Luxus, den sich nicht jeder leisten kann. Die Existenzangst hat längst auch die Mittelschicht erreicht. Wie reich muss man sein, damit man in dieser Stadt noch eine Zukunft hat?

Jessica

35, Diplom-Grafikerin, hat sich damit abgefunden, mit wenig Geld auskommen zu müssen. „Der Traum, einmal besser als zu Studentenzeiten zu leben, ist in weite Ferne gerückt“, sagt sie. Stattdessen sei sie zur „wahren Schnäppchenheldin mutiert.“ Sie zog bei ihrem Freund ein, um Geld zu sparen. Nur mit Untervermietung ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg kommt sie über die Runden.

Jessica heißt, wie alle Menschen, die in dieser Geschichte ihre finanziellen Verhältnisse offenlegen, anders. Alle haben darum gebeten, nicht erkennbar zu sein. Mal sind es die Ämter, die das alles nicht so genau erfahren sollen, mal sind es Freunde, Nachbarn. Deshalb sind auch auf den Fotos nicht diese Protagonisten zu sehen.

Um ihr Traumstudium, Kommunikationsdesign, an der Folkwang Universität der Künste in Essen zu finanzieren, musste Jessica einen Studienkredit aufnehmen. Mit dem Diplom in der Tasche und 40.000 Euro Schulden ging es nach Berlin. Ein Praktikum folgte dem Anderen. „Ob mein Tagesbudget für ein Mittagessen oder die BVG-Fahrkarte draufgeht, musste ich immer wieder neu überlegen”, sagt sie. Jessica verdiente 400 Euro im Monat bei 14-Stunden-Tagen. „Mit einem Diplom-Titel einer renommierten Universität hatte ich mir das anders vorgestellt. Aber die Miete war niedrig, und auf Studentenniveau weiterzuleben fand ich auch noch okay. Ich dachte, mit der Zeit wird sich das schon steigern.“ Bisher ist es aber kaum besser geworden.

Wie Jessica geht es vielen jungen Glücksrittern, die es in die Kreativmetropole Berlin gezogen hat. Dort, wo es viele spannende Projekte gibt. Aber oft nur wenig Geld, um die Mitarbeit angemessen zu entlohnen. Das Leben in Berlin ist inzwischen ein Glücksspiel. Wer Glück hat, ergattert einen der raren gut bezahlten Jobs und ist damit in der Lage, die Kosten- und vor allem Mietenexplosion zu überstehen. Wer Pech hat, fliegt raus – zumindest aus dem S-Bahn-Ring, vielleicht sogar aus der Stadt. Muss nach Brandenburg ziehen oder noch weiter weg. Berlin ist nicht mehr die Stadt der glücklichen Geringverdiener. Das Klima ist rauer geworden. Die acht Schicksale erzählen davon. Von Kämpfen, bei denen die Siege rar geworden sind.

Jessica arbeitet jetzt „mit tollen Leuten bei einem Start-up“ – aber alle verdienen dort unterdurchschnittlich. „Wären es nur die Lebenshaltungskosten, die ich zu zahlen hätte, würde mir – wenn ich ganz sparsam wäre – am Ende des Monats zwar etwas Geld übrig bleiben. Aber das bisschen geht in die Rückzahlung des Studienkredits.“ Es dauere noch „ewig“, bis sie schuldenfrei sei.

Die Armut in Berlin wächst. Wer weniger als 50 Prozent des Berliner Netto-Einkommens, 892 Euro monatlich, zur Verfügung hat, gilt offiziell als arm. Eine Familie mit vier Personen fällt unter diese Kategorie, wenn sie weniger als 1.872 Euro pro Monat zur Verfügung hat. 2017 waren 17,4 Prozent der Berliner armutsgefährdet – 2014 waren es nur 14,1 Prozent.

Jessica sagt, sie müsse jetzt „wirklich aufpassen“. Es gab einen Todesfall in ihrer Familie. Und deshalb Kosten, die jetzt zusätzlich auf sie zukommen. Das Mittagessen mit den Kollegen zum Beispiel ist vorerst gestrichen. Ein Urlaub? Familienplanung? „Ich hangle mich von Monat zu Monat und hoffe, irgendwann aus dem Dispo rauszukommen. Manche mögen nun sagen, ich jammere auf hohem Niveau. Und es stimmt – vielen geht es weitaus schlechter. Mein Job macht mir Spaß, ich habe tolle Menschen um mich herum und ich bin gesund.“ Trotzdem fragt sie sich ab und zu, wo bei der ganzen Sache der Fehler steckt.


Marwan

39, Journalist und anerkannter politischer Flüchtling aus Damaskus, versteht das Hartz-IV-System nicht. „Meine Job-Center-Betreuerin sagt mir immer, dass ich irgendeinen Job finden muss. Wenn ich in der Verpackungs- oder Lebensmittelindustrie arbeiten würde – da gibt es in Berlin viele freie Stellen –, würde ich weniger als Hartz IV bekommen und müsste trotzdem Bittsteller beim Amt sein, als ‚Aufstocker‘, hätte aber keine Zeit für mich, meine Texte und meine Kinder.“

Marwan ist Journalist. Er schreibt pro Monat einen Artikel, der bringt ihm 180 Euro ein, von denen er 80 Euro ans Amt zurückgibt, als Hartz-IV-Empfänger darf er nur 100 Euro monatlich dazuverdienen. Zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern erhält er monatlich 2.500 Euro – und eine kostenlose Krankenversicherung. „Wir kaufen viel gebraucht, auf dem Flohmarkt, uns mangelt es an nichts. Durch Sparsamkeit konnten wir uns sogar ein Auto leisten. Meine Frau und ich kochen immer selbst. Wenn es Sonderangebote gibt, legen wir Gemüse ein, in großen Mengen.“

Berlin ist die Hauptstadt der Familien- und Kinderarmut. Jedes dritte Kind ist hier auf Hartz IV angewiesen. Die rot-rot-grüne Koalition ergriff eine Reihe von Maßnahmen, um der Kinderarmut entgegenzuwirken, Schülerinnen und Schüler mit Berlinpass können jetzt kostenlos den ÖPNV nutzen, Familienzentren werden gefördert, die niedrigschwellig zu Gesundheit, Kinderbetreuung, Job- und Wohnungssuche beraten.

Von Marwans 2.500 Euro gehen 1.100 Euro für die Miete drauf. „Wir hatten Glück und fanden kurz nach unserer Ankunft in Berlin eine Wohnung. Doch da müssen wir jetzt raus, Eigenbedarf. Immer, wenn ich mal eine finanzierbare Wohnung sehe, die groß genug für fünf Personen ist, bekomme ich eine Absage, das geht schon drei Monate so. Es bringt mich an den Rand der Verzweiflung, mit so viel Geld zur Verfügung keine Bleibe zu finden.“

Einer aktuellen Studie eines britischen Beratungsunternehmens zufolge ist Berlin weltweit die Stadt mit den von 2016 bis 2017 am schnellsten steigenden Immobilienpreisen. Mehr als jeder zweite Berliner hat Anspruch auf eine Sozialwohnung, aber nur jedem siebten Berechtigten steht auch eine passende Wohnung zur Verfügung. Der Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge sieht den Grund für die Mietenexplosion darin, dass „Wohnungen wie Ware“ gehandelt würden. Er sagt: „Grund und Boden werden immer wertvoller, Spekulanten wissen darum und lassen Flächen einfach mal jahrelang liegen.“ Daher, so der Experte, sollten Steuern auf die Steigerung erhoben werden – Steuern, von denen der Soziale Wohnungsbau gefördert werden müsste. „Wir sollten nach Wien schauen, wo rund 25 Prozent der Mieter in Gemeindewohnungen leben. Die Stadt kann auf die Mieten Einfluss nehmen, so dass sie bei rund 7 Euro pro Quadratmeter bleiben ­können – im Gegensatz zu deutschen Großstädten, wo 15 bis 20 Euro pro Quadratmeter schon normal erscheinen.“.


Joseph

72, Rentner und selbstständig, war alleinerziehender Vater und konnte über zehn Jahre lang nur halbtags arbeiten, erst als Lehrer, später als technischer Leiter im Öffentlichen Dienst. Ihm war klar, dass er am ersten Tag als Rentner ein Gewerbe anmelden würde, da das Geld sonst nicht reichen würde. Zum Glück, sagt er, ist er handwerklich fit und spricht ein paar Sprachen. Er bietet einen Handwerker-Hausmeister-Service und Sprachunterricht an. Was aber, wenn die Gesundheit nicht mehr mitmacht?

„Als ich einen leichten Schlaganfall hatte und drei Monate aussetzen musste, brachten meine Ersparnisse mich durch“, sagt Joseph. „Aber wenn ich irgendwann nicht mehr arbeiten kann, dann soll meine Tochter mir eine Pistole geben; die Plastiktüte ziehe ich mir selbst über den Kopf.” Dann, dabei klingt er bitter-ironisch, „hat sie wenigstens keinen Dreck wegzumachen und kann die kleinen Ersparnisse erben, statt sie in die Pflege von mir als sabberndem Alten zu stecken”.


Jack

40, Teilzeit-Fahrradkurier, ist auf Hartz IV und fährt manchmal für Lieferdienste. Er sagt: „In den 90er- und Nuller-Jahren war der Job als Fahrradkurier lukrativ. Wir konnten 20, 30 D-Mark, später 15 bis 20 Euro pro Stunde machen.“ Seine Wohnung kostete früher noch an die 300 Euro, das hatte er schnell verdient. Mit der zunehmenden Digitalisierung verloren die Dienste jedoch an Bedeutung. „Keiner schickt mehr Proofs mit dem Kurier, wenn es per PDF schneller und kostenlos um die ganze Welt geht“, sagt Jack.

Heute gebe es fast nur noch Aufträge als Foodora- und Deliveroo- oder Lieferheld-Fahrer. Die Schichtsysteme und die Fahrer-Apps seien auf Konkurrenz und Förderung der Besten und Schnellsten ausgelegt, berichtet Jack. „Wenn einem zweimal hintereinander ein Reifen platzt, bekommt man erstmal gar keine Chance, wieder eine gute Abend-Schicht in der florierenden Mitte zu bekommen. Und wer bestellt in so einem heißen Sommer zum Beispiel im Wedding mittags eine Pizza?“

Das Gerede von der vermeintlichen „Selbstständigkeit“, die sich viele selbst ständig vorgaukeln, kann Jack längst nicht mehr ernst nehmen. Gerade wenn man, wie er, sein Geld im Wortsinne durch Strampeln verdient. Da braucht man Erholungsphasen, Arbeitsmaterial wie Bremsen und neue Radmäntel. Jack sagt: „Irgendwann war ich nur noch erschöpft, fast pleite und konnte meine Beine nicht mehr spüren.”

Claudia Engfeld von der Industrie- und Handelskammer Berlin sagt: „Aus unserer Sicht verringert Berufstätigkeit das Armutsrisiko – und zwar am besten eine qualifizierte Berufstätigkeit, also eine, für die man eine berufliche oder akademische Ausbildung absolviert hat.“ Im Juli 2018 hätten rund 54 Prozent der Berliner Arbeitslosen keine berufliche oder akademische Ausbildung gehabt. Wichtig für eine erfolgreiche Ausbildung sei jedoch eine gute Schulbildung. Zehn Prozent der Schüler verlassen in Berlin die Schule ohne Abschluss. „Diese Jugendlichen haben schon heute große Schwierigkeiten, im Berufsleben Fuß zu fassen, und müssen sich in der Regel mit sogenannten Helferjobs begnügen“, sagt Engfeld. „Angesichts einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt wird die Zahl der Helferjobs aber sinken – und das heißt, Jugendliche ohne Schulabschluss werden es noch schwerer haben, einen Job zu finden.”

Jetzt ist Jack Kunde im Job-Center. „Klar sammelt man auch mal Pfandflaschen, geht zur Tafel. Ich schneide meine Haare selbst und leiste mir fast nichts“, sagt er.
Dass er eine elfjährige Tochter hat, die er aufgrund ausstehender Unterhaltszahlungen kaum sehen darf, und rund 20.000 Euro Schulden, macht seine Lage nicht leichter. Angst vor Obdachlosigkeit kommt noch dazu, da das Haus, in dem seine Wohnung liegt, bald verkauft wird. Es ist marode und liegt in gentrifizierter Lage in Moabit. „Nach der Sanierung und Modernisierung wird meine Miete bestimmt mehr als die aktuellen 380 Euro betragen – und wenn nur die Erhöhung um jährlich elf Prozent der Modernisierungskosten dazukommt, ist es schon zu viel für das Amt, so dass ich jetzt schon weiß, dass ich irgendwann auf der Straße landen werde.“

Wiebke Rockhoff vom Diakonischen Werk Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz sagt: „Armut ist im Stadtbild wieder sehr sichtbar geworden, ob durch Flaschen sammelnde ältere Menschen, deren Rente nicht zum Leben reicht, oder durch im Park campierende Familien. Wohnraum ist das zentrale Thema: Während manche sich die immer höheren Mieten ohne Weiteres leisten können, ist für Viele eine bevorstehende Wohnraumsuche eine Katas-
trophe beziehungsweise der Beginn der Wohnungslosigkeit.“


Julius

38, Diplom-Biologe, arbeitet wie ein Berserker gegen die Angst. Von außen betrachtet, führt er ein wunderbares Leben auf hohem Niveau. Er ist in der Medikamentenforschung selbstständig, lebt in einer 80-Quadratmeter-Wohnung in Kreuzberg. „Ich mag meinen Beruf. Er ist interessant und die freie Arbeit gibt mir die Chance, überdurchschnittlich zu verdienen. Stundensätze von 50 bis 80 Euro sind normal. So komme ich in einem Monat – wenn ich mich richtig reinknie – schon mal auf 10.000 Euro brutto.“

Und trotzdem ist da diese Angst davor, dass das Geld eines Tages nicht reicht. Angst ist oft nicht rational. Das macht sie so unberechenbar. Und so gefährlich.
Julius arbeitet bis zu 70 Stunden pro Woche, es gibt Tage, an denen er gerade mal zum Zigarettenkaufen rauskommt. Er spart fleißig, und das nicht nur, weil er trotz Riester-Rente Angst vor seiner finanziellen Situation im Alter hat. „Dass ich mir die Wohnung für 1.300 Euro warm irgendwann nicht mehr leisten kann, ist mir jetzt schon klar. Und wie schnell ich tatsächlich auf dem Weg nach unten bin, habe ich gemerkt, als ich mir nach einem Projekt einfach mal sechs Wochen Urlaub, den ersten seit fünf Jahren, gegönnt habe.“ Als er gleich danach einen Unfall hatte und zwei Monate lang nicht arbeiten konnte, wuchsen ihm die Kosten über den Kopf, die Ersparnisse schwanden.
Wenn er seine Miete nicht mehr bezahlen könnte, wüsste er nicht wohin. „Mein Rezept gegen die Angst vor der Armut heißt ackern, schrubben, schuften – damit ich mir das Burnout wenigstens selbst finanzieren kann“, sagt Julius. Und meint das wohl nur halb ironisch.


Frank

41, Diplom-Ingenieur, müsste eigentlich auch frei von allen Sorgen sein. „Ich habe fleißig studiert, promoviert, immer gearbeitet und mich jetzt selbstständig gemacht. Eigentlich würde mein Geld für alles, und auch zum Sparen, reichen.“ Aber er hat zwei Pflegefälle in der Familie, die es zu versorgen gilt. Einer ist der Großvater, mehr als 100 Jahre alt, er lebt in einem Heim. „Zuvor haben wir Enkel sein selbstbestimmtes Leben in seiner Wohnung zusammen mit von uns bezahlten Pflegekräften gestemmt.“
Da der Großvater Ersparnisse hatte, übernimmt das Amt erst seit Kurzem die Kosten für sein Heim. „Wir haben aber nie gedacht: ,Da schwindet unser Erbe!‘, sondern uns eher gefreut, dass er in Würde in seiner Wohnung alt werden konnte.

Dann kam dazu, dass Franks Vater plötzlich dement wurde. Ein Schicksalsschlag, den die Kinder auch finanziell kaum verkraften können. „Vor kurzem mussten wir ihn ins Heim geben, das die Familie 4.500 Euro monatlich kostet.“ Franks Miete ist mittlerweile auf 1.100 Euro hochgeschraubt worden, so dass er sich nur deshalb auch mal etwas leisten kann, weil er ein Zimmer für 600 Euro vermietet und Urlaub bei Freunden auf dem Land macht, „anstatt die Welt zu erkunden“.


Franziska

21, Filmstudentin, Foodora-Koordinatorin und -Fahrerin, studiert seit einem Jahr in Berlin – an einer Privatuni, die ihre Familie zahlt. Von der Familie bekommt sie auch 700 Euro monatlich zum Leben, den Rest muss sie sich dazuverdienen. „Meine 1,5-Zimmer-Wohnung in Mitte kostet aber 1.100 Euro, so dass ich eigentlich immer nur am Arbeiten bin. Allein für die Miete über 40 Stunden. Das ist fast unmöglich.“

Franziska spart am Essen, kauft fast nie Kleidung, „höchstens mal was von Humana“. Wenn ihr Rad kaputt ist, repariert sie es, so gut es geht, selbst. Ersatzteile besorgt sie auf Radflohmärkten. „Das Nachtleben, das Studentenleben, all das, weshalb ich mich für Berlin entschieden habe, bleibt auf der Strecke.“

Jetzt überlegt ihr Freund, zu ihr zu ziehen. „Es wäre eine finanzielle Entlastung, aber was, wenn wir uns auf den 45 Quadratmetern auf den Geist gehen?“, fragt sie.

Lieb und teuer: Bei der Bildung der Kinder wollen Eltern nicht sparen. Aus gutem Grund.
Foto: Robijn Page / imago stock&people / Westend61

Zu den Orten in Berlin, wo Armut auf besondere Weise sichtbar wird, gehören Schulen. Eine Sozialarbeiterin und Erzieherin an einer Brennpunktschule mit Ganztagsbetreuung erzählt: „Dass wir pro Kind und Jahr nur rund 7 Euro für Bastelmaterial zur Verfügung haben, fangen wir dadurch auf, dass wir von unserem privaten Geld Material anschaffen. Und wenn eine Familie, die nicht so gut deutsch kann, die Wohnung verlieren soll oder von Schimmel in der Wohnung betroffen ist, schreibe ich die Briefe an den Vermieter und den Mieterverein. Unbezahlte Überstunden. Viele Eltern aus Südosteuropa arbeiten hart, stocken zum Teil auch auf, trotzdem gibt es Kinder, deren berufstätige Eltern sich die 37 Euro Essensgeld pro Monat nicht leisten können. Hungrige Kinder können nicht lernen, also habe ich immer ein paar Brote dabei.” Die Sozialarbeiterin weiß aber auch, wie Eltern ein wenig mehr bekommen können: „Geld für Klassenfahrten kann man beim Amt beantragen. Auch kann man sich an Stiftungen wenden, fast jede größere Firma hat eine.“ Es sei auch wichtig, seine Rechte und Chancen zu kennen: Wer schwanger ist, kann „erhöhten Bedarf“ und das Erstausstattungsgeld beantragen. „Sofern die Miete nicht über den Kopf wächst, kann man mit ,Gewusst wie‘ so zumindest die schwierigsten Lebensphasen überbrücken“, sagt sie.


Linda

44, Lehrerin mit zwei Kindern, hat das Schicksal erfahren, vor dem sich die meisten Interviewpartner so fürchten: Sie wurde von den steigenden Mieten aus Berlin verdrängt. Aus einem Grund, der oft dafür verantwortlich ist, dass eine Existenz ins Straucheln geraten kann: eine Scheidung.

Als sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, wuchsen ihr die Kosten für die schöne Kreuzberger Altbau-Mietwohnung schnell über den Kopf. „Wir hatten fünf Zimmer, hohe Decken, Balkon, alles, was man sich wünscht. Wir zahlten zu zweit 2.300 Euro warm, das ging, weil beide gut verdienten.“

Als die Scheidung durch war, „waren die Konten leer, die Kids und ich brauchten Urlaub“, erzählt Linda. Aber von ihrem Netto-Einkommen von rund 3.000 Euro konnte sie die Wohnung allein nicht bezahlen. Schon bald fand sie eine neue Liebe. Als ihr aber nach einem halben Jahr der Wohnungssuche klar wurde, dass sie Vergleichbares in Berlin nicht mehr finden würde, fasste sie mit ihrem neuen Partner den Plan, „der jetzt einfach zu klappen hat: raus aufs Land. „Wir mieten jetzt ein Haus bei Michendorf mit 100 Quadratmetern Wohnfläche und Garten für 1.500 Euro warm. Die Kinder haben Freiheit und Auslauf. Nur muss ich täglich nach Berlin und zurück pendeln.”

Linda hat wieder Boden unter den Füßen bekommen. Vielen anderen raubt die Sorge ums eigene Auskommen die Nerven. „Reicht mein Geld?“ ist längst keine rhetorische Floskel mehr. Es ist die Angst, sie eines Tages mit „Nein“ zu beantworten. Trotz allen Kämpfens.