Berliner Museen

Rembrandt oder nicht Rembrandt?

Das ist hier die Frage: Das Kupferstichkabinett zeigt rund 100 Zeichnungen, die ursprünglich alle einmal dem Barockgenie  Rembrandt zugeschrieben wurden – in einer Indizien-Ausstellung, spannend wie ein Krimi

Sie sind alle nicht wirklich schlecht und sie sind zudem alle irgendwie „rembrandtesk“. Nur im Vergleich zu den etwa zehn als authentisch gekennzeichneten Rembrandts in der Schau erkennt zumindest Kurator Holm Bevers vom Kupferstich­kabinett signifikante Unterschiede. Schüler und Werkstattmitarbeiter sind mit ­ihren Zeichnungen eben nicht ganz so gut wie der Meister selbst. Das kann man sehen, wenn man – wie Bevers – jahrzehntelange Erfahrung hat, und man kann die unsignierten Blätter dann sogar einzelnen Personen zuschreiben: 50 Schüler Rembrandts sind namentlich bekannt, dazu kommen etwa zehn anonyme.

 

© Jörg P. Anders / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
Constantijn Daniel van Renesse & Rembrandt: Die Verkündigung an Maria 2 um 1652 © Jörg P. Anders / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Der eigentliche Gewinn bei dieser Ausstellung ist das Angebot, genau hinzusehen. Wandtexte von Bevers geben Hilfe­stellung. Am aufschlussreichsten ist der direkte Vergleich zwischen thematisch ähnlichen Zeichnungen von Meister und Schüler. Etwa bei einer „Kostümstudie“ mit einer einzelnen Frauenfigur, die vermutlich bei einer gemeinsamen Sitzung im Atelier Rembrandts entstanden ist. Rembrandts „Strichführung“ sei „äußerst differenziert“, die Schülerarbeit dagegen „gleichförmiger“, „Gesicht und Kopfbedeckung der Frau weniger differenziert“ und „weniger plastisch“. Rembrandt akzentuiert „mit breiten Federstrichen einzelne Teile des Gewandes am Rücken“, seine „nuancierten Striche dienen zur Andeutung des Lichteinfalls an der Schulterkrause und am Nacken“, erklärt Bevers’ Text.

Nur eine Handvoll Experten und Expertinnen

Betrachter*innen können versuchen, das Gesagte mit eigenen Augen nachzuvollziehen. Ob es ihnen gelingt, ist vielleicht nicht die entscheidende Frage. Nur eine Handvoll Experten und Expertinnen können mit einiger Sicherheit sagen, ob eine vermeintliche Rembrandt-Zeichnung tatsächlich von ihm oder doch von einem Schüler stammt. Zumindest gibt es bei diesem Rembrandt-Krimi das Vergnügen, die Indizien ständig vor Augen zu haben.

Carel Fabritius: „Junges Paar zu Pferde“, o.J., Feder in Braun © Dietmar Katz / Constantijn Daniel van Renesse / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Nebenbei erfährt man auch, wozu die öffentlichen Museen gut sind. Hier wird Expertise produziert über Dinge, über die Normalsterbliche nicht ohne Weiteres verfügen. Erstaunlicherweise sind sich die wenigen Experten und Expertinnen weltweit im Wesentlichen darüber einig, welche von den einst 1.600 Rembrandt zugeschriebenen Blättern authentisch sind. Es sind zwischen 600 und 700.

Die Verwirrung früherer Zeiten hatte ihre Ursache darin, dass die Zeichnungen aus Rembrandts Werkstatt unsigniert waren, aber Schüler im Stile Rembrandts zeichneten und die Blätter von Schülern wie Meister zusammen in thematisch geordneten Alben aufbewahrt wurden. So kamen sie zum Verkauf. Eine Unterscheidung zwischen Meister und Schüler war beim späteren Wiederverkauf gar nicht mehr vom Handel erwünscht.
Das Publikum des Kupferstichkabinetts wird also tatsächlich in eine Art von kriminalistischer Spurensuche verwickelt. Wo und warum gibt es den Verdacht auf Lug und Trug, der über Jahrhunderte die Expertise zu Rembrandts Werk begleitete? Spannend. 

Bis 18.11. Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz, Tiergarten, Di–Fr 10–18,  Sa/ So 11–18 Uhr, 6/3 €, bis 18 J. frei