KOMMENTAR

René Pollesch übernimmt die Volksbühne

Der Regisseur und Dramatiker René Pollesch wird ab der Saison 2012/22 das berühmte Theater am Rosa-Luxemburg-Platz leiten – als Autorentheater. Ein Kommentar

René Pollesch nach der Bekanntgabe seiner designierten Volksbühnen-Intendanz im Roten Salon der Volksbühne – Foto: Friedhelm Teicke

René Pollesch wird also Intendant der Volksbühne. Kultursenator Klaus Lederer hat die Personalie nach langer Bedenkzeit nun auf einer Pressekonferenz bekanntgegeben. Sie ist derart vernünftig und naheliegend, dass man sich schon fragt, wieso die Entscheidungsfindung so lange gedauert hat. Pollesch gehörte bereits seit 2001 zu den prägenden Köpfen der Volksbühne unter der Intendanz von Frank Castorf. Betrachtet man auch das Personal, das mit dem Regisseur und Dramatiker an die Volksbühne zurückkehren wird, wirkt die Entscheidung wie ein nostalgisches „Volksbühne Reloaded“.

Mit Pollesch werden nämlich auch prägende Schauspieler des Castorf-Ensembles an den Rosa-Luxemburg-Platz zurückkehren: Martin Wuttke, Kathrin Angerer, Fabian Hinrichs, Christine Groß und Sophie Rois (letztere erst zur Spielzeit 2022/23, wenn ihr Vertrag am Deutschen Theater ausgelaufen ist). Mit Vegard Vinge und Ida Müller kommt auch ein Künstlerduo als Hausregisseure an die Volksbühne zurück, das an der Nebenspielstätte Prater mit verstörenden Ibsen-Inszenierungen fulminant reüssiert hatte. Ida Müller wird zudem als Chef-Ausstatterin gewissermaßen die Nachfolge des legendären Bert Neumann antreten.

Die Personalie Pollesch scheint daher eher für ein Zurück zu dem vom Chris-Dercon-Intermezzo unterbrochenen Erfolgsmodell als für einen Neuanfang und eine Neuausrichtung zu stehen. Kein Wunder, dass die Berufung von allen Castorf-Volksbühne-Fans sehr begrüßt wird, erste Spekulationen in den Sozialen Netzwerken hoffen schon auf eine Rückkehr von Castorf als Regisseur ans Haus. Also alles auf Anfang?

Ganz so wird es vermutlich nicht. Denn Pollesch will „hier nicht als trojanisches Pferd der alten Volksbühne“ sitzen, wie er auf der Pressekonferenz betont und in seinem auf der PK von ihm verlesenen „Bewerbungsschreiben“ an Lederer unterstreicht: „Ich bin ganz klar von Castorf zu unterscheiden.“ Pollesch will seine „Arbeitspraxis“ der Kunstproduktion mit allen Beteiligten auf Augenhöhe auf das ganze Haus anwenden, die Schauspielerinnen, Bühnen- und Kostümbildnerinnen verstehen sich dabei als souveräne Mitautorinnen und Autoren.

Überhaupt Autorenschaft. Das ist vermutlich das entscheidend Neue und Andere der Volksbühne unter Pollesch. Pollesch spricht interessanterweise nicht von Regisseuren und Konzepttheater. Er will ein Autorenthea­ter, wie es einst Brecht am BE verwirklichte, allerdings postdramatisch, performancenah und auch dem Tanz geöffnet: Die tollen Choreografinnen Constanza Macras und Florentina Holzinger werden fest ans Haus geholt.

Die Entscheidung ist so durchaus begrüßenswert, auch wenn die einst von Lederer ausgegebene Maxime für die Besetzung – „ diverser, weiblicher, jünger“ – kaum mit dem 56-jährigen Starautor und -regisseur in Einklang zu bringen ist. Sie ist vernünftig, konsensuell und sicher beliebt. Mutig aber ist sie nicht. FRIEDHELM TEICKE