Restaurantbesuch

Reservieren oder Schlange stehen?

Love

Food-Redakteur Clemens Niedenthal freut sich auf kurzentschlossene Restaurantbesuche
Foto: F.A. Schaap

Das beste Restaurant dieser Stadt, na gut: eines der besten, ist die produktfetischistische Sterneküche von Dylan Watson Brawn und seinem Restaurant Ernst in der Gerichtstraße im Wedding. Bisher war ich dort genau zwei Mal. Und das liegt gar nicht mal am Geld. 185 Euro kostet das Menü, die Weinbegleitung nicht einmal eingerechnet. Aber das wäre mir diese gleichsam kluge wie sinnliche Messe einer bäuerlich-saisonalen Küche durchaus wert. Es liegt, nun ja, an der Propheterie. Wer weiß schon drei Monate im Voraus, ob man an einem Dienstag im Mai besonders geschmacksempfänglich ist? Aber es ist nun mal so: Die wirklich sehr guten der sehr guten Hauptstadtküchen müssen Wochen, zumindest aber Tage im Voraus reserviert werden. Das gehört sozusagen zum Fine-Dining-Paket.

Von wegen Fine Dining. Brunch in Neukölln, Pizza im Bänschkiez, gesmoktes Gemüse in der Craft-Beer-Brauerei – wie, sie haben keine Reservierung? Und der Gast fühlt sich wie ein kreuzbandrissiger Kassenpatient auf der Suche nach einem MRT-Termin: Schön, dass Sie vorbeigehumpelt sind, Ende April wäre was frei.

Kurzum: Ich begrüße es aus vollem Herzen und mit vollem Mund, dass Lokalitäten wie das mexikanische La Lucha am Paul-Lincke-Ufer oder Gazzo Pizza im Reuterkiez (unbedingt das Softeis probieren) jetzt gänzlich auf Reservierungen verzichten. Come as you are – und wann immer man Lust und Hunger hat. Auch feinere Lokale, so das Otto oder Irma La Douce, haben nun häufig einen Tisch oder Thekenplätze für spontane Gäste.

Berlin will eine Food-Metropole sein? Wer London oder Paris kennt, weiß, dass diese Möglichkeit zum Heißhunger dann unbedingt dazugehört. Und wenn in der Pizzeria schon die nächsten Gäste im Eingangsbereich warten, ist es vielleicht mal an der Zeit, dass die Sauerteigpizza und das Glas Bier kein abendfüllendes Thema sind. Schon gar nicht für die Kalkulation eines Gastronomen.

Hate

Stadtleben-Redakteurin Julia
Lorenz, will nicht zum Essengehen in der Schlange stehen
Foto: Lena Ganssmann

Vielleicht würde es diesen Nörgeltext nicht geben, wenn sie mich nicht um meinen Morgenkaffee gebracht hätten. Kürzlich nämlich wollte ich in einem Frühstückslokal, das mir schon einige Freund*innen empfohlen hatten, mein Wochenende beginnen. Allein der Gedanke an French Toast mit einem Berg Früchte motivierte mich zum Frühaufstehen. Aber dann musste ich wieder abziehen: Eine Horde Gäste in Fußballmannschaftsstärke wartete im Eingangsbereich auf einen Tisch. Wer drankommen wollte, musste eine Nummer ziehen, reservieren durfte man nicht. Dasselbe war mir wenige Tage zuvor in einem beliebten Ramen-Restaurant passiert. Auch dort war ich wieder getürmt. Wenn ich scharf auf das wohlig-erniedrigende Gefühl bin, mir mit Warten die Eintrittskarte zu einem exklusiven Erlebnis zu sichern, gehe ich lieber ins Berghain.

Die Nachricht, dass zunehmend mehr Berliner Lokale auf Reservierungen verzichten, ist in meinen Augen keine gute – obwohl mir die Mahnung zu mehr Organisation eigentlich widerstrebt. „Walk-in-Tables“ klingen nach Lässigkeit, Spontanität und Savoir Vivre, Tischreservierungen nach Spießertum. Niemand hat gern die Pickelhaube auf, wenn es um ein sinnliches Thema wie Essen geht. Das Problem in vielen Berliner Restaurants, die das angebliche Laissez-faire praktizieren, ist allerdings: Sie haben keine vernünftige Infrastruktur dafür. Einen Pulk Hungrige ohne Zeitangabe warten zu lassen wie auf dem verdammten Bürgeramt, ist die affektierteste Art, die Beliebtheit eines Lokals auszustellen – und bestimmt kein Vergnügen für alle, die sich von den rumstehenden Gästen auf den Teller glotzen lassen müssen.

Wie es anders gehen kann, erlebte ich kürzlich in einem Restaurant in Palermo: Da wurden die Wartenden in einem angesagten Lokal an einen großen Tisch verfrachtet und mit Oliven ausgestattet. So gefällt mir das mit der Spontanität schon viel besser.