Kommentar

Rettet den Berlkönig!

Unser Autor findet, dass manche Kritik am Berlkönig zwar berechtigt ist, aber die Vorteile überwiegen.

Foto: imago images/Stefan Zeitz

Freitagabend in der Friedrichshainer Stammkneipe. Kurz bevor ich den schalen Rest meines letzten Biers runterkippe, rufe ich die Berlkönig-App auf, tippe meine Adresse ein und schicke die Anfrage ab. In fünf Minuten soll das Auto da sein. Zeit für eine letzte Zigarette, ehe alle in der Nacht verschwinden. Das Fahrzeug kommt pünktlich eine Straßenecke weiter zum Stehen. Ich steige ein und setze mich neben eine hektisch telefonierende Frau. Hinten diskutieren junge Menschen über Politik. Im Radio dudelt weichgespülter Rock. Ich schnalle mich an, und das Fahrzeug rauscht durch die Nacht. Ein Blick aufs Handy verrät: In 20 Minuten bin ich in Mitte. Kein langes Warten, keine überfüllten Bahnen oder Züge, keine Betriebsstörungen – und keine Betriebsstörer. Ich lehne mich entspannt zurück.

Zwei Sammeltaxikonzepte sollten ursprünglich vier Jahre lang in Berlin erprobt werden: der Berlkönig, eine Kooperation von BVG und ViaVan, und Clevershuttle. Bei letzterem Unternehmen ist die Deutsche Bahn Mehrheitseigentümerin. Zumindest der Berlkönig könnte nun von den Straßen der Hauptstadt verschwinden. Ende April läuft der Vertrag mit dem US-amerikanischen Partnerunternehmen aus. Die BVG müsste allein weitermachen. Würde sie das und dazu noch – und das ist einer der Hauptkritikpunkte am derzeitigen Service – das Einzugsgebiet von der östlichen City auf die gesamte Stadt ausweiten, wären Subventionen in Höhe von jährlich 43 Millionen Euro nötig. Zu viel für die Koalitionspartner. Linke und SPD haben der möglichen Förderung bereits eine Absage erteilt. Das Urteil scheint gefällt. Doch es ist ein Fehler, den Berlkönig aufzugeben.

Am Angebot gibt es berechtigte Kritik. Da wäre die Beschränkung des Service auf die Innenstadt, die viele Berliner aufgrund der ohnehin guten Anbindung an den ÖPNV als elitären Luxus beanstanden. Die Straßen würden verstopft, Schadstoffe in die Luft gepustet. Auch die gebeutelte Taxibranche ächzt.

Der Fahrdienst hat aber auch seine Vorteile, und ich glaube, diese überwiegen. So spricht das Berlkönig-Angebot endlich die Berliner an, die auch bei günstigeren Ticketpreisen, neuen Verbindungen und dichteren Takten nicht vom Auto auf Bus und Bahn umsteigen würden. Und zwar all diejenigen, denen Komfort wichtig ist, die möglichst bequem, sicher und gemütlich unterwegs sind. Und das alles zu einem soliden Preis-Leistungsverhältnis. Auch das Argument, die Fahrzeuge wären Klimakiller, kann nicht aufrechterhalten werden. Die Flotte ist bereits jetzt zur Hälfte elektrisch, bis Ende des Jahres sollten alle Fahrzeuge auf Stromantrieb umgestellt werden. Der im Übrigen nicht von „Zapfsäulen“ auf der Straße stammt. Man hat eine eigene Infrastruktur aufgebaut, und baut nicht wie die Leihwagenfirmen auf das bestehende, völlig ungenügende System.

Dazu kommt, dass der Berlkönig die Unzulänglichkeiten von BVG und Senat kompensiert. Bestes Beispiel: Der Kauf neuer U-Bahnen steht auf der Kippe, die gerichtliche Entscheidung: einmal mehr vertagt. Ähnlich vertrackt sieht es auch beim Bau von Fahrstuhlanlagen in U-Bahnhöfen aus. Das Ziel, alle Bahnhöfe bis 2022 barrierefrei zu machen, kann nicht gehalten werden. Beim Berlkönig sieht es anders aus: eine moderne Flotte, 100 Prozent barrierefrei. Es sind nicht nur die Heimwege, die der Berlkönig so angenehm macht. Er steht auch für wichtige Aspekte der Verkehrswende. Darum: Rettet ihn!