Bienensterben

Rettet die Bienen! Aber welche?

Der Kampf um die Artenvielfalt erreicht Berlin und Brandenburg. Und Imkerkurse „gegen das -Bienensterben“ boomen in Berlin. Doch die tatsächliche Problemlage ist etwas komplizierter

Diese Wildbiene, eine rote Mauerbiene beim Sammeln von Nektar, bestäubt mal nebenbei  jenes Obst, das wir im Herbst ernten. Foto: Frank Sorge / imago

Uwe Meyer hat das Volk genau im Blick. Mit ­etwas Abstand beobachtet er, wie ein ­Schüler einen Holzrahmen aus einem Bienenstock manövriert, der vor Hunderten Bienen wimmelt. Ein anderer Schüler pustet Rauch in den Holzkasten. „Nicht so ruckartig“, sagt Meyer mit ruhiger Stimme. „Mehr Rauch.“

Jeden Mittwoch kommen die Schüler der „AG ­Junge Imker“ vom benachbarten Gymnasium herüber in den Bienenlehrgarten des Imkervereins „Wuhletal 1864“ in Hellersdorf. Meyer ist seit den 70er-Jahren Imker, mittlerweile Vereinsvorsitzender des Imkervereins, pflegt zwölf Völker und isst nach eigener ­Aussage jeden Tag einen Esslöffel Honig. Und er sagt: „Das ­Interesse ist gestiegen.“ Während der Imkerverein in seiner fast 155-jährigen Geschichte den ein oder anderen Mitgliederschwund durchgestanden hat, begeisterten sich in den letzten Jahren immer mehr Menschen für das ­Imkern. Aber nicht nur das: „Sie wollen was für die ­Natur machen“, sagt Meyer. 

Nicht nur in Hellersdorf ist das so. Nach und nach scheint ein Aufwachen durch das Land zu gehen, der Kampf um die Artenvielfalt erreicht nun auch die ­Region Berlin/Brandenburg. Nachdem das Volksbegehren in Bayern im Februar mit dem Titel „Rettet die Bienen!“ in 14 Tagen 1,74 Millionen Unterschriften ­gesammelt hat, kündigten nun auch NABU und BUND in Brandenburg an, eine Initiative für mehr Artenvielfalt zu starten. Nach Ostern sollen die ersten Unterschriften gesammelt werden. Und die ­Landesverbände in ­Berlin möchten den Schwung aus Bayern ebenso ­nutzen, um das Thema weiter voranzubringen – auch wenn sie ­keine ­eigene Initiative planen: „Wir wollen die Aktio­nen unter­stützen, die schon beschlossen sind – zum Beispiel das Stadtgrün auszuweiten. Diese Sachen müssen jetzt in die Umsetzung“, sagte der Landes­geschäftsführer des BUND Berlin, Tilman Heuser.

Insekten-Ödnis oder auch -Paradies

Die Biene avanciert zum Wappentier einer Bewegung für Artenvielfalt. Doch ist eine Losung der Devise ­„Rettet die Biene, dann geht es der Natur gut” wirklich so einfach? Und um welche Biene geht es hier eigentlich? Möchte man erfahren, wie es in Berlin um das ­Imkern steht, um die Bienen und die Artenvielfalt – der Bienenlehrgarten ist ein guter Ausgangspunkt dafür. 

Die Bienen sind aufgeregt, das Surren in der Luft schwillt an. Die Schüler und Uwe Meyer bleiben gelassen. Sowieso ist Meyer ein ruhiger Typ, er macht wenige unnötige Bewegungen. „An der Biene hängt sich jetzt halt alles auf“, sagt er. „Dabei geht es um das Stadtgrün generell.“ Heute sollen die Schüler nachsehen, wie es dem Volk nach dem Winter geht. Sie tragen einen Imker­anzug mit Netz vor dem Gesicht, aber keine Handschuhe. Einer der Jungs rechtfertigt sich: „Wer Handschuhe trägt, ist kein richtiger Imker“, würden manche Altimker sagen. Man müsse das Volk spüren, die ­Wärme, die Vibrationen. Also ohne.

Summenversteher: Heinz Risse erklärt die „wesensgemäße Bienenhaltung“ Foto: F. Anthea Schaap

Meyer und die Schüler stehen eingerahmt von Sträuchern, Nisthilfen – auch als Insektenhotels bekannt, einem Tümpel, einem Kräuterbeet, einem ­Stapel aus alten Stämmen, einem Bauwagen und Schilfgras. Der Bieenlehrgarten ist Brache, Wildnis, Wiese und Wald zugleich. Ein Lernort für Artenvielfalt. Nur 100 Meter entfernt pfeifen Autos über vierspurige Asphaltdecken, türmen sich Wohnblocks bis in den sechsten Stock.

Ein Gegensatz, wie man ihn überall finden kann in Berlin. Eine Großstadt kann Ödnis sein für Insekten – aber auch Paradies. Fast 21.000 Tier- und Pflanzenarten leben hier nach Angaben des „Naturbarometer 2015“, den die damalige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt herausgegeben hat. Mit einem Grünflächenanteil von 60 Prozent ist Berlin die achtgrünste deutsche Großstadt. Manchen Insekten geht es zwischen stillgelegten Bahntrassen und verlassenen Backsteinfabriken besser als auf den Äckern im Speckgürtel oder in Brandenburg, wo Pestizide und Monokulturen ein Problem sind. Andere werden von Rasenmähern oder Betonmischern verdrängt und stehen auf der roten Liste.  

Vor zwei Jahren erregte eine Studie des Entomologischen Vereins Krefeld Aufsehen. Innerhalb von 27 Jahren sei die Masse der Fluginsekten um 75 Prozent zurückgegangen. Auch wenn die Untersuchung teilweise als unwissenschaftlich angezweifelt wird, beim Trend sind sich alle einig: Die Artenvielfalt schrumpft. Ohne Insekten versiegt die Nahrungsquelle der Vögel, Spitzmäuse oder Spinnen. Ökosysteme brechen zusammen. Und für den Menschen droht Hungersnot. Denn weil die Bienen und andere Insekten so eifrig hin und her fliegen, um Nektar zu sammeln, können sich ­beispielsweise Kirschen oder Erdbeeren überhaupt fortpflanzen. Die Insekten tragen den Pollen zur Narbe, die Spermien zur Eizelle quasi.

In der Landwirtschaft übernehmen Honigbienen etwa 80 Prozent der Bestäubungsleistung – das sagt ­zumindest der Deutsche Imkerbund. Es gibt Skeptiker, die davor warnen, diesen Anteil zu überschätzen. Doch fehlte die Biene gänzlich, könnten andere Insekten und der Wind den Verlust nicht kompensieren.

Wabenkunde: im Bienenlehrgarten des Imkervereins „Wuhlethal 1864“ Foto: David von Becker

Pestizide werden in dieser Diskussion oft genannt, sie gelten als Insektentöter schlechthin. Kürzlich brachten die Regierungsfraktionen Berlins deshalb einen ­Antrag ins Abgeordnetenhaus ein: Pestizide sollen von landeseigenen Flächen verbannt werden, um Insekten zu schützen. Insbesondere auf Glyphosat zielt der ­Antrag ab. Hier solle dem Vorbild der Berliner Stadtreinigung gefolgt werden, die seit 2016 mit ­glyphosatfreien Mitteln arbeitet. Unkraut solle stattdessen mechanisch oder biologisch entfernt werden. Über den Antrag soll im Abgeordnetenhaus abgestimmt werden, sobald er in den Ausschüssen beraten wurde.

Und Ende des Monats will der Berliner Senat ­seinen Abschlussbericht „Strategien für Bienen und andere ­Bestäuber“ vorstellen – ein Großprojekt für mehr biolo­gische Vielfalt, das seit Anfang 2018 von den Senatsverwaltungen Umwelt sowie Justiz koordiniert wird.

Die Vorstöße zielen auf die Artenvielfalt, den ökologischen Landbau und das Stadtgrün. Geworben wird dabei oft mit der Biene.

Was der Eisbär für die Erd­erwärmung, ist die Biene für das Artensterben: ein Symbol. Mit ihr lassen sich die sperrigen Ökothemen auf verständliche Botschaften eindampfen. Deshalb kehrt seit einigen Jahren ein Hobby zurück nach Berlin, das besonders für junge Menschen lange eher unattraktiv war: das Imkern.

Das merkt auch Heinz Risse in seinen Kursen ­„Wesensgemäße Bienenhaltung“: Sie sind immer ausgebucht. An einem Samstagmorgen blickt Risse in ­einem Seminarraum in 24 Gesichter. Die Menschen zwischen 25 und 50 Jahren haben sich für diesen ersten Kurs im Jahr angemeldet, fünf Termine, jeweils sechs Stunden, 280 Euro insgesamt. Bei gutem Wetter finden die ­Kurse im Prinzessinnengarten statt, heute regnet es – nur ein kleiner Abstecher zu den Völkern wird später möglich sein.

Was der Eisbär für die Erderwärmung, ist die Biene für das Artensterben: ein Symbol. Mit ihr lassen sich sperrige Ökothemen auf verständ­liche Botschaften eindampfen

Bei der Vorstellungsrunde im Stuhlkreis wird deutlich: Den wenigsten hier geht es um das Honigernten. Sie wollen sich erstmal allgemein mit der Biene befassen, „etwas für den Naturschutz tun“, dem „Bienen­sterben entgegenwirken“. Julian Mehler aus Treptow hat den Kurs von seiner Frau geschenkt bekommen. Den jungen Familienvater begeistert die Perfektion des Wabenbaus, die Arbeitsteilung eines Bienenstaates: „Es ist schön zu sehen, dass wir als Menschen uns vieles davon noch nicht erklären können.“ Mystische Faszination Biene.


Auf Pestizide,
chemische Dünger, Insektensprays
und -fallen sollte man besser ganz verzichten

Foto: Stefan Boness / Ipon / imago
Regionalen Honig vom
Land kaufen, um
Imkervereine zu stärken

Foto: Addictive Stock / Photocase

Honigbienen leben in Völkern mit bis zu 50.000 ­Tieren in einer Beute – so heißt der Holzkasten, in dem das Volk haust. Die Arbeitsteilung ist strikt: Es gibt Putzbienen, Ammenbienen, Bau- und Wächterbienen, Sammelbienen und die Königin. Auf der Suche nach Nektar fliegen die Sammelbienen bis zu fünf Kilometer weit. Die Bienenköniginnen sind Züchtungen, besonders ­robust und ertragreich. Sie legen zwischen 1.000 und 3.000 Eier täglich. Um überwintern zu können, sammeln die Bienen bis zu 70 Kilogramm Honig pro Jahr, einen Teil entnehmen Imker und ersetzen ihn durch eine Zuckerlösung. Honigbienen gelten als Nutztiere, ähnlich wie Kühe – doch auch hier kommt es auf die Haltung an.

Himbeerblüten bewirken das große Summen
Foto: Dragon30 / photocase

Phacelia erfreut die Vielflieger
Foto: Löwenzähnchen / photocase
Für Weidenpollen fliegt die Biene meilenweit
Foto: H.-R. Mueller / blickwinkel / imago

Die Kurse des Vereins Mellifera im Prinzessinnen­garten versprechen nicht umsonst „wesensgemäße“ Bienenhaltung. Risse ist es wichtig, eine ­Alternative zum „konventionellen“ Imkern aufzuzeigen, wie er sagt. Er lasse seine Völker mit dem eigenen Honig überwintern, füge keine Zuckerlösung hinzu. Die ­Flügel der Königin beschneide er nicht, sodass das Volk ausschwärmen kann. Und er verwende keine vorgefertigten Industriewaben, sondern Naturwaben.„Deswegen finde ich den Kurs hier gut“, sagt Teilnehmer Julian Mehler. „Wir lernen das eher aus einer alternativeren Richtung. Eine Umdrehung mehr Natur.“

Apfelblüten sind nicht nur bei Bienen beliebt
Foto: salvia77 / photocase
Wilder Wein tut auch gut
Foto:Weingartner/ CHROMORANGE / imago

Das begeistert auch Marion Tuor. Die Neuköllnerin besitzt mit ihrer Familie einen Schrebergarten in Brandenburg. „Die Kinder kriegen dort mit, wie alles wächst, wie Gemüse entsteht“, sagt sie. Das Imkern könne ein Weg sein, mehr über die Natur zu lernen und zur Vielfalt in der Landwirtschaft beizutragen.

Zu viele Bienenvölker sind auch nicht gut

Besonders die durchstrukturierten Agrarflächen können eine Hürde für die Artenvielfalt sein. Selbst wenn Blühstreifen zwischen die Felder gesät werden, sind ­Blumen darauf oft mit Pestiziden belastet. Bienen und andere Insekten müssen weit fliegen, um Wildwiesen oder blühende Randstreifen zu finden. Gleichzeitig kämpfen die Imkervereine außerhalb der Städte mit Nachwuchsmangel. Auf einen Quadratkilometer sind in Brandenburg beim Deutschen Imkerbund gerade einmal 0,8 Völker Honigbienen registriert.

Im Kurs möchte Marion Tuor die Fülle an Informationen erstmal auf sich einwirken lassen. „Noch traue ich mir nicht zu, genau abzuschätzen, welche Strategie nun die richtige ist“, sagt sie. Denn sie habe auch ­gelesen: Zu viele Bienenvölker auf einem Fleck sind nicht gut. 

Tatsächlich ist die Zahl der Stadtimker in Berlin in den letzten Jahren stark angestiegen. Nachdem der Doku­mentarfilm „More Than Honey“ von Markus ­Imhoof ab 2012 in den Kinos lief und die Debatte um Bienen anschwoll, schnellte die Mitgliederzahlen in den Verbänden des Deutschen Imkerbundes sprunghaft hoch: in Berlin um 18 Prozent von 2013 auf 2014.

Noch immer liegen die Zahlen der Neumitglieder in Berlin jedes Jahr über dem bundesweiten Durchschnitt. Vor allem Frauen wie Marion Tuor interessieren sich vermehrt für das Imkern. Hier im Kurs von Heinz Risse ist fast die Hälfte der Teilnehmenden weiblich, in den Vereinen des Deutschen Imkerbundes in Berlin sind es über 30 Prozent der Mitglieder, in Brandenburg nur 20 Prozent – Bundesdurchschnitt. 

Zudem hat Berlin mit rund acht Völkern pro Quadratkilometer die höchste Dichte an Honigbienen deutschlandweit, gemessen an den im Imkerbund registrierten Völkern. Mittlerweile kommen hier nach Schätzungen der Vereine auf knapp 10.000 Völker rund 2.000 Bienenhalter. Ein Betreuungsschlüssel, den sich manche Kita wünschen würde.

40 Prozent der Berliner Wildbienenarten stehen auf der Roten Liste, sind also gefährdet oder bereits verschollen

Doch „mehr Bienen“ bedeutet nicht ­automatisch, dass es ihnen dadurch besser geht: Umso dichter die Völker in der Stadt stehen, umso leichter könnten sich Seuchen und Parasiten ausbreiten. Die Varroamilbe ist ein Dauerthema unter Imkern, und auch die Amerikanische Faulbrut schwächt die Völker. ­Bakterien zersetzen die Larven, ein Volk kann daran sterben. Im Dezember letzten Jahres musste ein Imker in ­Pankow zehn Völker mit rund 100.000 Bienen töten, obwohl nur zwei Völker von der Faulbrut befallen waren. Der Bezirk und das Veterinäramt befürchteten, dass sich die Faulbrut wie eine Epidemie über Berlin ausbreiten könnte. 

Viele Imker kritisieren jedoch das rigide ­Vorgehen, halten es für überzogen. Der Präzedenzfall schafft ­Unsicherheit. Imker und Naturschutzvereine fordern nun klare Richtlinien und vor allem ein flächendeckendes Monitoring. Denn es besteht die Gefahr, dass nicht jeder Befall gemeldet und unter Umständen mit einem kranken Volk weitergearbeitet wird. Zudem sollen Seuchensach­verständige ausgebildet werden, die als Schnittstelle zwischen Imkern und Ämtern wirken.

Für die Bienen: „Unordnung“ und Wildwuchs im Garten zulassen. Gras und -Wiesen nicht zu kurz mähen und mindestens zehn Zentimeter lang halten. In den frühen Morgenstunden oder spätabends mähen – je seltener, desto besser Foto: una.knipsolina / photocase

Sinnvolle Pläne, doch Biene ist nicht gleich Biene. Bei all dem Aufwand um die Honigbiene würden ihre Verwandten oft vergessen, kritisiert Christoph Saure: die Wildbienen. Der selbstständige Biologe führt in ­Berlin das Büro für tierökologische Studien, fertigt Gutachten zur Artenvielfalt an. Wildbienenarten unter­sucht und bestimmt er seit 30 Jahren. Er arbeitet außerdem an den Roten Listen des Landes Berlin mit und zählt, welche Wildbienenarten hier vorkommen – und welche plötzlich verschwinden.

„Der Laie wirft da viel durcheinander. Er hört dann irgendwo, der Biene gehe es schlecht“, sagt Saure. „Aber das ist bei der Honigbiene in Berlin gerade nicht so. Hier geht es der Honigbiene sehr gut, weil die Imkerei so stark zugenommen hat.“ Den Wildbienen hingegen weniger. Von den 585 in Deutschland lebenden Arten finden sich 320 in Berlin. Ein guter Schnitt für eine Großstadt, findet Saure. „Die Wildbienen profitieren hier von den Brachflächen, Baulücken und Güterbahnhöfen“, sagt er. Doch genau diese Lebensräume würden langsam verschwinden, „alles wird zugebaut“. 40 Prozent der Berliner ildbienenarten stehen auf der Roten Liste, sind also gefährdet oder bereits verschollen.

Wildbienen leben meist allein, „solitär“ in der Fachsprache. Das Weibchen versorgt die Brut von etwa zehn Eiern selbst, das Männchen stirbt recht bald nach der Begattung. Wildbienen müssen im Winter kein Volk versorgen, deswegen lagern sie keinen Honig ein. Die wenigsten Arten überwintern als ausgewachsenes Tier. Sie leben meist etwa sechs Wochen, passend zu der Blütezeit der Pflanze, auf die sie spezialisiert sind. Ihr Flugradius zum Sammeln von Nahrung beträgt nur wenige Hundert Meter.

Die große Zuwendung, die Honigbienen in der Stadt erfahren, könne sich deshalb auch zum Nachteil der Wildbienen auswirken, warnt Christoph Saure. „Es ist wissenschaftlich zwar schwer nachzuweisen. Aber ich denke, dass es besonders nach der Lindenblüte im Juli und August eine Nahrungskonkurrenz gibt.“

Denn dann kommen zu den rund 10.000 Völkern der Vereins- und Hobbyimker nochmal 10.000 Völker der Wanderimker hinzu. Sie bringen ihre Beuten in die Stadt, damit die Bienen den Nektar aus den Linden ziehen können. 20.000 Völker Honigbienen, aber nur eine ­gedeckte Blütentafel. An ihr sitzen noch Wildbienen, Hummeln und andere wildlebende Insekten. Die Wildbienen könnten darunter leiden, da Honigbienen nach der Blüte auf krautige Pflanzen ausweichen – und damit zum Nahrungskonkurrenten werden, meint Christoph Saure.

Und auch Heinz Risse in seinem Lehrgang „Wesens­gemäße Bienenhaltung“ sagt: „Ruhigen Gewissens kann ich euch kaum empfehlen, hier in Berlin zu ­imkern. Die Anzahl der Bienen ist extrem hoch.“

Es gibt also nicht „das Bienensterben“. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land, Honigbiene und Wildbiene sind groß. Nach Zahlen der Welternährungsorganisation kam es weltweit sogar zu einem ­Anstieg der Honigbienen, da Regionen wie ­Südamerika und Afrika den Verlust andernorts ausgleichen.

Die große Zuwendung für Honigbienen könne sich zum Nachteil der Wildbienen auswirken, warnt der Experte

„Die Honigbiene ist ein gutes Transportmittel, um Naturschutzgedanken an die Menschen zu bringen. Zudem hat man einen direkten Nutzen, man kann nämlich Honig ernten“, sagt Christoph Saure. „Aber da darf es nicht stehen bleiben. Man muss dann schon den Sprung zur Natur schaffen.“

Wer „Rettet die Bienen!“ sagt, meint nämlich im besten Fall auch Ameisen, Schwebfliegen oder Libellen – also Artenvielfalt allgemein. Damit schraubt sich der Kampf um „die Biene“ hoch zu einer viel grundsätz­licheren Frage: Wer nimmt wie viel Platz in Anspruch? Jeder Quadratmeter, den sich die Menschen ­nehmen, fehlt bei den Tieren. Blumen verschwinden unter ­Asphalt, Gräser werden untergepflügt, Wälder ­weichen der Wohnsiedlung. Wo keine Blumen, da keine Bienen. Wo keine Wildnis, da keine Insekten oder Vögel. Keine Spinne, kein Spatz.

Wer braucht schon englischen Rasen?

Das hat auch die Senatsverwaltung für Umwelt im ­Zwischenbericht ihrer Bienenstrategie erkannt. Im Verwaltungssprech klingt das so: „Nicht systematisch auf Bestäuber ausgerichtete fachgerechte Grünflächenpflege“, „Akzeptanzprobleme gegenüber dem optischen Eindruck bestäuberfreundlicher Flächen innerhalb der Bevölkerung“, oder „Fehlende Abstimmung der ­Akteure untereinander“. Übersetzt heißt das: Wiesen werden gemäht, bevor dort je Biene und Blume zusammengekommen sind. Einwohner blicken lieber auf englischen Rasen statt auf Wildwiese und Brache. Und alle, die sich für die Artenvielfalt einsetzen, tun dies untereinander weitestgehend unkoordiniert.

Illustration: Tobias Meyer

Seit zwei Jahren gibt es deshalb das „Handbuch Gute Pflege“, in dem auch Landschaftsgärtner und Angestellte der Stadt für Bienen- und Artenvielfalt, Schnittzeitpunkte und naturnahes Gärtnern sensibilisiert ­werden sollen. Auch das Projekt „Berlin blüht auf – mehr Bienen für Berlin“ von der Deutschen Wildtierstiftung und der Senatsverwaltung für Umwelt zielt direkt auf Wildbienen ab. Grünflächen sollen so geschützt und aufgewertet werden, dass wilde Insekten sich dort wohl fühlen. Und Vorstöße wie das Pestizidverbot oder die geplante Initiative von NABU und BUND in Brandenburg versuchen aktiv auf die Gartenpflege und die Landwirtschaft einzuwirken.

Zudem startete am 20. März ein Wettbewerb der Grünen Liga Berlin: Bis 30. September können Hobby­gärtner, Initiativen oder Vereine ihre „naturnahen ­Begrünungsprojekte“ einreichen und auf Preise im ­Umfang von insgesamt 5.000 Euro hoffen. Ausgezeichnet werden sollen die Projekte, die besonders auf die ­Bedürfnisse von Insekten und Bestäubern eingehen. Das Projekt wird im Auftrag der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz durchgeführt und von der Deutschen Wildtierstiftung und der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte unterstützt.

„Die Honigbiene hat eine Lobby, weil wir Imker sie betreuen“, sagt Uwe Meyer im Bienenlehrgarten Hellers­dorf. Er hat die Schüler noch immer fest im Blick, während sie am Lehrbienenvolk herumhantieren. ­„Dabei geht es den Wildbienen viel schlechter.“ Das möchte er auch den Schülern nahe bringen, sie für den Nutzen von Wildnis und Vielfalt sensibilisieren. Zudem drängt er beim Bezirksamt darauf, dass stets ein neuer Baum ­gepflanzt wird, wenn ein anderer gefällt wird. „Wir brauchen keinen englischen Rasen. Aber mehr als darauf hinweisen können wir auch nicht. Ob dann der Wille und das Geld da ist, ist eine andere Frage.“

Unabhängig davon, welche Strategie Berlin zu mehr Artenvielfalt, zu mehr Insekten und Bienen ­verhelfen wird: Die Imkervereine freuen sich über den Zuspruch. Im Imkerverein Wuhletal werden sie voraussichtlich bald ihr 100. Mitglied begrüßen dürfen. Nach der ­Wende waren es gerade einmal 28.