Berlin

Revolution 1989/2019

Die Helden der 89er-Revolution haben viel gemeinsam mit heutigen Bewegungen – mit Klimakämpfern, Mietaktivisten oder Flüchtlingshelfern. Die geteilten Träume: offene Grenzen, sozialer Frieden, Umweltschutz. Hier reden sie über ihre Ideen

9. Oktober 2019, Aktivisten der Klimaschutzbewegung Extinction Rebellion blockieren die Marschallbrücke am Reichstag
Foto: Saskia Uppenkamp

Clara Thompson ist hochmotiviert, aber etwas blass im Gesicht. Die junge Aktivistin hat die Nacht nicht geschlafen. Sie lag zwar zwei Stunden im Zelt, „aber ich war viel zu aufgeregt“, sagt sie. Um 2.30 Uhr ging es los, dann besetzten sie und ihre Mitstreiter von Extinction Rebellion die Marschallbrücke hinter dem Reichstag. Jetzt ist es 10 Uhr, und auf der Brücke sitzen rund 200 meist junge Menschen auf Isomatten, noch viel mehr stehen drumherum. Die Besetzer machen Seifenblasen, trommeln, spielen Gitarre oder singen. Neun haben sich an einem Floß aus blauen Tonnen festgekettet.

Am 9. November jährte sich der Mauerfall, der Höhepunkt der friedlichen Revolution in der DDR, zum 30. Mal. Heute erobern wieder Massenbewegungen die Straßen und  Debatten: In Berlin laufen acht Volksbegehren und Volksinitiativen, dazu durchschnittlich etwa zwölf Demonstrationen am Tag.


Clara Thompson
Foto: Saskia Uppenkamp

„Von den DDR-Bürgerrechtlern können wir lernen, wie Angst in Mut und Kraft umgewandelt wird. Was ich krass finde, das ist dieser Wille zur Veränderung.“

Clara Thompson, 23, Extinction Rebellion

1989 wäre eine derartige Meinungsfreiheit im Ostteil der Stadt noch undenkbar gewesen, doch es gibt trotz aller Unterschiede auch einige erstaunliche Gemeinsamkeiten. 1989 und 2019 sind Jahre, in denen Umbrüche in der Luft lagen und liegen. Wo Menschen sich zusammenfinden, auf die Straße gehen, sich organisieren, weil sie der Überzeugung sind, dass die politischen Entscheidungsträger auf die Fragen der Zeit keine überzeugenden Antworten haben. Und dass das System an seine Grenzen gekommen ist, womöglich generell zur Disposition steht.

„Die Themen, um die es ’89 ging und um die es heute noch geht, sind alte Themen der Menschheit. Letztlich geht es immer um Freiheit“, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker und Ex-DDR-Bürgerrechtler. Und die Ex-DDR-Bürgerrechtlerin Katrin Hattenhauer, die für ihr Engagement sogar im Gefängnis saß, sagt: „Die Erinnerung an die friedliche Revolution von ’89 hat nur persönlichen Wert, aber keine gesellschaftsverändernde Kraft, wenn wir sie nicht aufs Heute beziehen.“


Ilko-Sascha Kowalczuk, deutscher Autor und Historiker, Foto: © Ekko von Schwichow

„Erfolgreiche Bewegungen stehen auf einem Trümmerfeld von anderen, die das zuvor schon versucht haben. Die DDR-Bürgerrechtsbewegung hat gesiegt, weil es immer mehr Menschen wurden, die sich an dem Mut der wenigen ein Beispiel genommen haben.“

Ilko-Sascha Kowalczuk, 52, Ex-DDR-Bürgerrechtler

Rechtsaußen beziehen sich viele ganz bewusst auf die DDR-Bürgerrechtsbewegung. Die AfD nutzt Slogans wie „Vollende die Wende“, und Pegida veranstaltet Montagsdemos. Dabei wollten die DDR-Bürgerrechtler weniger Machtkonzentration, Rechte aber wollen traditionell mehr: starke Führer nämlich. Der Ex-DDR-Bürgerrechtler und Soziologe Dieter Rink sagt: „Vollende die Wende – worauf das hinausläuft, ist der Ausschluss von Migranten aus der Gesellschaft, eine Beschneidung des Asylrechts und von demokratischen Freiheiten. Das konterkariert den Gedanken der DDR-Bürgerrechtler, denn damals ging es ja gerade darum, die Demokratie herzustellen. Das ist die reine Demagogie.“

Demo zum 4.November 1989 DDR, Berlin, 04.11.1989, Gewaltfreiheit war grundlegend, damit die Revolution von 1989 so erfolgreich werden konnte
Foto: Rolf Zöllner/imago images

Was den Protest der DDR-Bürgerrechtler hingegen wirklich mit vielen heutigen sozialen Bewegungen verbindet, ist die strikte Ablehnung von Gewalt.

Gewaltfreiheit

Im Oktober haben Aktivisten von Extinction Rebellion, kurz XR, eine Woche lang mit verschiedenen Aktionen Berlin friedlich in Aufruhr gebracht. Die Brückenbesetzung, bei der Clara Thompson mitmachte, war Teil davon. Wenn die Staatsmacht durchgriff, antworteten die Nachwuchs-Weltverbesserer nicht mit einem Steinhagel, sondern sie steckten ein – und gingen danach in ein spezielles Zelt in ihrem Camp, um darüber zu sprechen.


Katrin Hattenhauer Oppositionsgruppe 1989 Leipzig
Foto: Katrin Hattenhauer

„Wir demonstrierten damals für mehr Demokratie, Meinungsfreiheit und Reisefreiheit – von allem also mehr. Die Klimabewegung muss sagen: Ihr könnt nur noch weniger haben. In einer reichen Gesellschaft die Menschen zum Verzicht zu bewegen, ist viel schwieriger.“

Katrin Hattenhauer, 50, Oppositionsgruppe von 1989 in Leipzig

Auch die Aktivisten von Fridays for Future, kurz FFF, die jeden Freitag für das Klima streiken, agieren aus Prinzip gewaltfrei. Tom Patzelt, Aktivist bei Fridays for Future, sagt: „Wir wollen gemeinsam zeigen, dass friedliche Proteste Erfolg haben können. Da können wir uns sehr gut was von den Protesten damals abschauen.“

Auf dem Tag genau 30 Jahre vor dem 9. Oktober, dem Tag, an  dem Clara Thompson die Marschallbrücke mitbesetzte, wurde in Leipzig klar, dass diese Bürgerrechtsbewegung keinen Bürgerkrieg provozieren würde. Panzer standen bereit, als 70.000 Menschen über den Leipziger Ring zogen, noch nie protestierten in der DDR so viele öffentlich. Die vorherige Montagsdemo war noch mit Gewalt aufgelöst worden, auch bei den Protesten zum 40. Jahrestag der DDR zwei Tage zuvor wurden Demonstrierende in Berlin misshandelt. Doch diesmal blieb es friedlich.

Das ist sicher nicht nur den Demonstrierenden zu verdanken, sondern auch den sechs Menschen, die über Lautsprecher in der Stadt zur Besonnenheit aufriefen, außerdem dem Bezirkseinsatzleiter, dem Leipziger Polizeipräsidenten und nicht zuletzt Michail Gorbatschow, der zuvor angekündigt hatte, dass die DDR bei der Niederschlagung eines Aufstandes nicht mit sowjetischer Unterstützung rechnen könne. Niemand wählte also den Weg der Gewalt. 

20. September 2019, weltweiter Demo-Tag für das Weltklima. Allein in Deutschland nahmen 600 Städte teil
Foto: Lena Ganssmann

Katrin Hattenhauer hatte vor 30 Jahren bereits am 4. September mit einer Freundin vor der Leipziger Nikolaikirche demonstriert – mit dem Banner: „Für ein offenes Land mit freien Menschen“. Die Aktion war der Beginn der Montagsdemonstrationen. Hattenhauer sagt: „Uns war vor 30 Jahren auch sehr klar, dass Gewalt kein Weg ist. Wir wollten eine Zukunft erstreiten, und das wollen FFF und XR heute auch. Aber auf dem Boden von Gewalt gibt es keine Zukunft, da siegt immer der Stärkere.“

Der Ex-DDR-Bürgerrechtler Roland Jahn, heute Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, sagt: „Mit Gewalt wird man immer nur eine bestimmte Zielgruppe erreichen, die sowieso schon von der Sache überzeugt ist. Setzt man aber auf Gewaltlosigkeit, kann man Menschen für eine Sache gewinnen, die erst im Erkenntnisprozess sind.“

Risiko

Die Kulturwissenschafts-Studentin Clara Thompson ist aus Leipzig für die XR-Proteste nach Berlin gekommen. Sie will, wie die anderen Aktivisten von XR, dass die Politik den Klimawandel anerkennt, effektiv dagegen kämpft und dafür eine umfassende Bürgerbeteiligung einführt. Sie will die Brücke nicht verlassen, bis ihre Forderungen erfüllt sind und sagt: „Ich habe Angst vor Schmerzen und Repression, aber weniger Angst als vor der drohenden Klimakatastrophe. Wir müssen etwas tun, um die Veränderung zu erzielen, die wir so dringend brauchen.“

15. August 2018, Bootsdemo für Reisefreiheit und offene Grenzen
Foto: snapshot-photography/K.M.Krause /imago images

Dieter Rink, heute Soziologe am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, war vor 30 Jahren auf der alles entscheidenden Demo in Leipzig. In seinem Freundeskreis wurden vorher Testamente geschrieben und Vereinbarungen getroffen, was mit den Kindern passiert wenn man verhaftet wird oder ausgewiesen. Er sah Soldaten mit Kalaschnikows in den Straßen. Rink sagt: „Ich hatte Angst. Aber ich wusste: so kann es nicht weitergehen. Dann läuft es auf eine politische und gesellschaftliche Katastrophe hinaus.“

Rink hat in den letzten 30 Jahren zur DDR-Bürgerrechtsbewegung und heutigen sozialen Bewegungen geforscht und sagt: „Das ist ein riesengroßer Unterschied, dass heute diese Freiheiten da sind, XR kann natürlich Plätze und Brücken besetzen, alle möglichen Gruppen können protestieren. Die Aktivisten von XR agieren unter einem ganz anderen Niveau von Bedrohung, aber auch sie gehen ganz bewusst ein Risiko ein.“

Gesicht zeigen

Katrin Hattenhauer sagt: „Die friedliche Revolution von ’89 ist auf der Straße erstritten worden. Es war die kritische Masse von Menschen, die nicht mehr geglaubt haben, dass sie nichts ändern können.“ 30 Jahre später, am 20. September 2019, veranstaltete Fridays for Future einen weltweiten Klimademo-Tag, allein in Deutschland waren 600 Städte dabei, in Berlin etwa 270.000 Menschen auf der Straße.


Dieter Rink
Foto: André Künzelmann / ANDRE KUENZELMANN

„Die junge Protestgeneration kann von der DDR-Bürgerrechtsbewegung lernen, dass es einen Sinn hat, bei seinem Ziel zu bleiben und von Woche zu Woche zu mobilisieren. So lange bis man seine Forderungen durchgesetzt hat.“

Dieter Rink, 60, Ex-DDR-Bürgerrechtler

Der FFF-Aktivist Tom Patzelt sieht Parallelen zur DDR-Bürgerrechtsbewegung. Er sagt: „Beides sind Bewegungen, die mit sehr wenig Menschen anfingen, jede Woche weitergemacht haben und dabei relativ schnell gewachsen sind.“ Dieter Rink sagt: „Das ist eine urdemokratische Tradition, dass man für sein Anliegen einsteht, mit Gesicht und Person, mit seinem Körper. Es reicht nicht, das im Internet zu veranstalten, wie bei der Klickdemokratie der Kampagnenplattformen.“ Roland Jahn sagt: „Noch wirksamer wurde der Protest, als Menschen in Fernsehkameras sprachen und sich über Missstände beklagten. Die haben dazu beigetragen, dass andere ihre Angst überwunden haben.“ Die Extinction-Rebellion-Aktivistin Clara Thompson sagt: „Wir stehen mit unserem Gesicht zu dem Protest und geben bei Polizeikontakt auch unsere Personalien an. Wir zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind, die Angst um ihre Zukunft haben.“ Die Ex-DDR-Bürgerrechtlerin Katrin Hattenhauer zeigt sich beeindruckt: „Mir imponiert, dass sich die Aktivisten von Extinction Rebellion, nicht hinter Masken verstecken, dass sie sich für das, was sie fordern, ganz bewusst festnehmen lassen und dann gemeinsam vor Gericht gehen. So wird hoffentlich eine Veränderung erzwungen.“

Umweltschutz

Den Aktivisten von Fridays for Future und Extinction Rebellion geht es, kurz gesagt, um Umweltschutz. Der hat auch vor 30 Jahren schon eine zentrale Rolle gespielt. Katrin Hattenhauer sagt: „Das war meine Initialzündung, über die ich zur Opposition gekommen bin. Die DDR berichtete nicht über Umweltprobleme, auch Tschernobyl wurde unter den Tisch gekehrt. Für seine Doktrin hätte das Regime die Bevölkerung über die Klinge springen lassen.“

Ähnliche Themen wie schon 1989: Aktion für das Volksbegehren für ein Transparenzgesetz
Foto: Christian Ditsch / imago

Ilko-Sascha Kowalczuk, der gerade das Buch „Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“ veröffentlicht hat, erlebte die friedliche Revolution in Berlin. Heute sagt er: „99 Prozent der stehenden Gewässer waren kaputt, fast so viele fließende Gewässer, der Schwefeldioxid- und Kohlendioxid-Ausstoß war der höchste in Europa. Das waren alles Staatsgeheimnisse, aber das roch jeder, das sah jeder. Also war klar, das muss beendet werden.“

Reisefreiheit

Eine zentrale Forderung der DDR-Bürgerrechtsbewegung war die Reisefreiheit. Menschen, die die deutsch-deutsche Grenze überwinden wollten, sollten nicht mehr ihr Leben, ihre Gesundheit, ihre Freiheit riskieren müssen. Auch heute gibt es eine Bewegung, die sich für die Durchlässigkeit von Grenzen einsetzt. Zum Beispiel mit dem Bündnis Seebrücke, das Flüchtlinge mit Fähren und Flugzeugen nach Europa holen will. Christoph Kleine, Aktivist bei der Seebrücke, sagt: „Die Mauer von heute verläuft im Mittelmeer und hat allein dieses Jahr schon über 1.000 Tote verursacht, mehr als es Grenztote in Deutschland während der gesamten Existenz der DDR gegeben hat. Die Unterscheidung, in welche Richtung eine Grenze tödlich ist, finde ich sehr akademisch. Menschenrechte gelten für alle.“ Die Ex-DDR-Bürgerrechtlerin Katrin Hattenhauer sagt: „Jeder Mensch, der beim Überwinden einer Grenze stirbt, hat denselben Wert.“ Der Ex-DDR-Bürgerrechtler Dieter Rink hält dagegen: „Es gibt einen deutlichen Unterschied zu heute. Menschen aus manchen afrikanischen Ländern können nicht überall hinreisen, weil sie nicht reingelassen werden. Bei uns war das so: wir kamen nicht raus. Wir waren eingesperrt.“


Seebrücke Christoph Kleine

„Wenn gesagt wird, die DDR-Flüchtlinge seien Deutsche gewesen und hätten daher das Recht gehabt, die Grenze zu überwinden, ist das eine nationalistische Betrachtungsweise. Pässe sind zufällig. Wo man geboren ist, ist kein eigener Verdienst.“

Christoph Kleine, 53, Seebrücke

Ein Teil der Deutschen, vor allem auch im Osten, fordert heute eine restriktive Migrationspolitik. Nach dem Fall der Mauer war die Stimmung im Westen ähnlich. Laut einer Studie von Emnid aus dem Frühjahr 1990 wollten 81 Prozent der BRD-Bürger, dass nur übersiedeln darf, wer Arbeitsplatz und Wohnung bereits zugesagt bekommen hat. Der Seebrücken-Sprecher Kleine sagt: „Dass die, die sowieso schon relativ weit unten in der Gesellschaft stehen, um Ressourcen wie Arbeitsplätze und Wohnraum konkurrieren und sich gegeneinander wenden, anstatt die Ungerechtigkeit insgesamt anzugehen, das gab es damals natürlich auch. Aber das war nur eine Stimmung und die ist nicht politikleitend geworden.“ Heute sei es so, dass die Gesellschaft in Wirklichkeit eine viel größere Aufnahmebereitschaft zeige – über 100 Kommunen in Deutschland bieten an, Gerettete aufzunehmen. „Aber das wird vom Bund blockiert, weil man Angst vor ein paar Rechten hat.“

In der Diskussion wird oft unterschieden zwischen Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen und sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen. Die Ex-DDR-Bürgerrechtlerin Hattenhauer sagt: „Die Leute, die damals über Ungarn weggegangen sind, die kamen nicht aus einem Kriegsland und sie haben nicht gehungert, nach heutigen Maßstäben wären das Wirtschaftsflüchtlinge.“

Transparenz und Datenschutz

Die Bürgerrechtsproteste in der DDR waren nicht zuletzt auch Proteste von Datenschützern, die sich gegen die Spionage der Stasi richteten. Auch der Transparenzgedanke war stark: Als die Bürgerrechtler die Stasi-Behörden stürmten, versuchten sie, so viele Akten zu sichern wie möglich. Man wollte wissen, was die Stasi über einen weiß. Die Stasi-Akten werden heute den Betroffenen von einer extra dafür geschaffenen Behörde zur Verfügung gestellt, wohingegen die aktuellen Geheimdienste im Dunkeln agieren.

Doch es gibt in Berlin eine Gruppe von Menschen, die das nicht hinnehmen mag. Sie will einen Volksentscheid für ein Transparenzgesetz – und so alle Behörden des Landes zu umfassender Auskunft verpflichten. Die Unterschriftensammlung für die erste Stufe ist gerade abgeschlossen, rund 25.000 Berliner haben unterschrieben.


Roland Jahn
Foto: Ronny Rozum für die BStU

„Der Gang aus den Kirchen auf die Straße ist ’89 von jungen Leuten um die 20 auf den Weg gebracht worden. Die Parallele zu heute ist, dass da junge Leute sind, die fragen: Was ist meine Zukunft? In diesem Land damals – und jetzt globaler betrachtet.”

Roland Jahn, 66, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen

Der Berliner Arne Semsrott engagiert sich für den Transparenz-Volksentscheid. Er sagt: „Mit dem Volksbegehren Transparenz würde der Verfassungsschutz genauso transparenzpflichtig werden wie andere öffentliche Stellen auch, natürlich mit Ausnahmen, wie sie für alle gelten: Schutz der inneren Sicherheit oder Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse.“

Roland Jahn, der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, sagt: „Es gibt einen absoluten Unterschied zwischen einem Nachrichtendienst in einer Demokratie und der Geheimpolizei in einer Diktatur. Das sollte man bei Vergleichen schon beachten. Der Anspruch in der Demokratie, Nachrichtendienste besser zu kontrollieren, muss stetig neu ausgelotet werden. Dabei geht es im Kern um die Frage: Wie weit muss staatliches Handeln offengelegt werden, ohne das Wirken staatlichen Handelns zu gefährden?“


Arne Semsrott
Foto: Fiona Krakenbürger

„Smartphones sind zu einer Verlängerung des Kopfes geworden. Die große Gefahr ist: Was passiert, wenn eine Partei mit wenig Sinn für demokratische Regeln an die Macht kommt und diese Datensammlung verwendet, um Gegner zu verfolgen?“

Arne Semsrott, 31, Volksbegehren Transparenzgesetz

Das Transparenz-Volksbegehren will statt des gläsernen Bürgers einen gläsernen Staat schaffen und gleichzeitig die informationelle Selbstbestimmung der Bürger schützen. Für Datenschutz kämpfte auch das Bündnis Freiheit statt Angst. Doch das bringt heute keine zigtausend Menschen mehr auf die Straße, wie noch 2014. Wie kann das sein – zumal der Datenschutz angesichts von immer neuen Überwachungsmöglichkeiten immer wichtiger wird? Semsrott sagt: „Ich glaube, dass die Bewegung in den letzten Jahren erschlagen wurde mit immer neuen, immer krasseren Entwicklungen. Wenn wir uns das System von vor 20 Jahren anschauen im Vergleich zu jetzt, dann ist die Umgebung für Datenschutz viel komplexer geworden, viel technischer.“

Wohnen

Die Bürgerrechtsbewegung in der DDR war auch eine Antwort auf die Verhältnisse auf dem Wohnungsmarkt. Der Ex-Bürgerrechtler Dieter Rink sagt: „Da wurden flächendeckend Altbauten abgerissen, um anschließend Plattenbauten hinzustellen. Dagegen wurde protestiert. Es ging um den Erhalt von Altbauten auch deshalb, weil sie leichter zugänglich waren. Plattenbauten waren ja den Privilegierten vorbehalten. Wir hätten damals keine Chance gehabt, eine Plattenbauwohnung zu bekommen.“

Rink wohnte im Herbst ’89 schwarz in einem Abrisshaus, mit zwei kleinen Kindern, „weil wir einfach keine Wohnung bekamen“. Auch Ilko-Sascha Kowalczuk litt damals unter der Wohnsituation. „Viele Bürgerrechtler und Oppositionelle wohnten in Ruinen, ich auch“ sagt er. „Die Wohnungsprobleme in der DDR wurden von allen als Folge des Systems, der verfehlten Wirtschafts- und Subventionspolitik angesehen.“


Kurt Jotter Büro für ungewöhnliche Maßnahmen Foto: David von Becker

„Ich habe die Ost-Aktivisten bewundert, dass sie unter diesen Bedingungen – bis hin zum Knast – widerständisch geblieben sind. Sie zeigen: sich beharrlich wehren gegen jede Art von Ungerechtigkeit lohnt sich!“

Kurt Jotter, 68, Mietenwahnsinn-Bündnis

Auch heute erhebt sich Protest gegen die Lage auf dem Wohnungsmarkt. Der Mietendeckel, der in Berlin unter dem Druck der Mieterbewegung gerade verabschiedet wurde, ist ein starker Eingriff in Eigentumsrechte. Selbst die Enteignung, sprich: Sozialisierung der Wohnungen der größten Immobilienfirmen, wird von einigen gefordert, besonders vom Bündnis Deutsche Wohnen und Co enteignen, das einen Volksentscheid anstrebt. Gerade wird dessen Zulassung geprüft. Spricht aus dem Enteignungs-Volksbegehren die Hoffnung auf einen sozialistischen Wohnungsmarkt? Kurt Jotter, Sprecher des Bündnis Mietenwahnsinn, sagt: „Das ist einfach eine Reißleine, die man ziehen muss, um den Auswüchsen zu begegnen, die entstehen, wenn man den Markt einfach machen lässt.“

Demokratie

Extinction Rebellion ist ein Demokratie-Experiment. Die Aktivistin Clara Thompson sagt: „Es ist Wahnsinn, wie sich bei unserer Besetzung von allein eine Struktur entwickelt hat, mit eigenen Plena von Nord- und Südbrücke und den Angeketteten und übergeordneten Formaten, in denen Delegierte miteinander sprechen. Da wurde ganz viel debattiert, das fand ich gut.“ Die basisdemokratische Organisation ist ein Grundsatz von sozialen Bewegungen.

Dieter Rink, der unter anderem zur DDR-Bürgerrechtsbewegung geforscht hat, sagt: „Das war auch eine urdemokratische, basisdemokratische Bewegung. Das Neue Forum zum Beispiel hatte ja damals in allen möglichen Stadtteilen Basisgruppen und dann noch thematische Gruppen.“

Demo 1989 Foto: imago/Rolf Zöllner

Die Systemfrage

Der Ex-DDR-Bürgerrechtler Roland Jahn sagt: „Die Klimaaktivisten von heute mahnen lautstark an, dass Entscheidungsträger Schritte unternehmen müssen, die ihrem Anspruch auf eine zukünftige Welt gerecht werden. Das ist eine Aufbruchsstimmung, die durchaus Parallelen mit 1989 hat. Wobei es in beiden Fällen keine detaillierten Konzepte gibt, wie man das Ziel erreichen kann.“

Und beim Klimastreik Berlin 2019: Wenn sogar die Kinder protestieren, läuft in der Gesellschaft sicher etwas falsch
Foto: Lena Ganssmann

Der Ex-DDR-Bürgerrechtler Ilko-Sascha Kowalczuk sagt: „Es fehlt beiden Bewegungen, in der DDR und heute der Umweltbewegung, zumindest im Mainstream der letzte Schritt, dass man sagt: Um die Probleme zu lösen, müssen wir das System überwinden.“ Dabei konstatiert Tom Patzelt, der Aktivist von Fridays for Future: „Unser aktuelles System kommt an seine Grenzen in der Fähigkeit, die Probleme der heutigen Zeit zu lösen. Wir brauchen größere Veränderungen als nur einzelne Gesetze, damit Politik den Menschen dient und nicht ausschließlich Profiten.“ Doch wie ein neues System konkret aussehen sollte, wissen Patzelt und die anderen Klimaretter noch nicht. Laut Kowalczuk liegt darin eine große Gefahr für die Bewegung. Die DDR-Bürgerrechtsbewegung sei nur so lange erfolgreich gewesen, wie man sich einig war, was man nicht wollte. Aber als es darum ging, wie die Zukunft aussehen sollte, habe sich die Bewegung gespalten. Danach kamen andere an die Reihe: diejenigen, die sich den Wiedervereinigungsarchitekten der alten Bundesrepublik, Kohl, Genscher & Co., anbiederten. „Das ist in so Umbruchsituationen völlig normal, dass die einen abreißen, und dann kommen andere und bauen auf.“


Tom Patzelt
Foto: privat

„Wir können Mut daraus schöpfen, dass ein stetiger Protest große, essentielle Veränderungen hervorbringen kann. Die DDR-Bürgerrechtsbewegung hat klargemacht, dass wir uns nicht von den Mächtigen einschüchtern lassen sollten.“

Tom Patzelt, 20, Fridays for Future

Clara Thompson und ihre Mitstreiter von XR wollen das alte System nicht unbedingt stürzen. Aber sie hätten ein paar Änderungswünsche. Die Marschallbrücke halten sie zwei weitere Nächte lang besetzt. Am Morgen des dritten Tages räumt die Polizei das Lager. Die junge Aktivistin lässt sich davon nicht entmutigen. Sie sagt: „Es hat trotzdem Spaß gemacht. Und die Rebellion geht ja weiter, spätestens im April ist die nächste große Welle. Ab dann gibt es eine mindestens zweimal im Jahr.“