Filmessay

Right Now, Wrong Then

Was wäre wenn? Über Geschlechterrollen, Reis-Branntwein und Zufälligkeiten im Werk des südkoreanischen Filmemachers Hong Sang-soo und in seinem neuen Film.

ZITTY-Bewertung: 5/6
ZITTY-Bewertung: 5/6

Wenn man von den Charakteren des ­koreanischen Regisseurs Hong Sang-soo eines erwarten kann, dann, dass sie aus der Rolle fallen werden. Vorzugsweise sind es die Männer, die sich in fast allen ­Filmen Hongs als „starke Trinker“ entpuppen, Spitznamen wie „Psycho“ („Oki’s Movie“, 2010) ­tragen und sich nur schwerlich an Gepflogen­heiten des allgemeinen Umgangs zu halten wissen.

Foto: Grandfilm

Bereits in Hongs erstem Film „Der Tag, an dem ein Schwein in den Brunnen fiel“ (1996) ist dies vordergründig – der Titel ­übrigens ist einer Short Story John Cheevers entliehen, die 1954 im „The New Yorker“ erschienen ist. Da bietet ein junger Mann einer zurückhaltenden Dame etwas Soju an, den Reis-Branntwein, der in allen Filmen Hongs flaschenweise fließt, welchen diese allerdings höflich ablehnt. Die Absage ist inakzeptabel. Dreimal, viermal, fünfmal wird daraufhin nachgefragt, bis einem Umstehenden endlich der Kragen platzt.

Es sind meist sehr schmale Grate, auf denen sich in Hong Sang-soos Kino bewegt wird. Situationen sind unberechenbar, ­Erwartungshaltungen lösen sich selten ein – und wenn doch, dann ist es eine ­besondere Überraschung. Zudem mag der Regisseur das Spiel mit dem „Was wäre wenn?“. So auch in seinem jüngsten Film „Right Now, Wrong Then“, der von einer Zufallsbegegnung bei ­einer Palastanlage erzählt. Ham Chun-su (Jung Jae-young), ebenfalls Regisseur, soll seinen Film im hiesigen Kino vorstellen. ­Sowieso begegnet man in Hongs Filmen ständig Regisseuren, nicht wenige von ihnen sind gescheitert oder kokettieren mit dem Aufgeben. Allerdings ist Ham einen Tag zu früh angereist, was ihm zum Müßiggang ermuntert.

„Right Now, Wrong Then“ ist in zwei Teile ­gegliedert, die sich aus einem Wortspiel mit dem Filmtitel ergeben. Der erste Teil trägt den Namen „Wrong Then, Right Now“, während der zweite dem des Films entspricht. Es ist auch ein Gedankenspiel, das sich so oder so ähnlich in vielen Arbeiten des Südkoreaners wiederfindet. Ein bisschen erinnert das an Éric Rohmer, der ganze Filmzyklen mittels ­bestimmter inhaltlicher Umbauten bestritt. Details, die sich von einem Film zum anderen verschieben und ein völlig anderes Ergebnis zur Konsequenz haben.
Tatsächlich spitzt Hong Sang-soo dieses Konzept noch zu, wenn er es in ein und demselben Film demonstriert und dabei nicht einmal seine Protagonisten austauscht. In „Right Now, Wrong Then“ treten also Figuren doppelt auf: Ham Chun-su und vor ­allem Yoon Hee-jung (Kim Min-hee). Letzterer begegnet er bei der Anlage, wo sie in beiden Teilen eine Bananenmilch trinkt. Chun-su spricht sie an, und zweimal wird ihm mit großer Bewunderung begegnet, als er seinen Namen nennt: Ja, er ist der berühmte Regisseur. Bei Hee-jung handelt es sich hingegen um eine Malerin, die sich bereiterklärt, ihm ihr Atelier und ihre Bilder vorzuführen. Bis hierhin verlaufen beide Teile weitgehend simultan. Der Bruch folgt mit Hams abweichender Einschätzung der Gemälde Yoons, auf welche diese wiederum unterschiedlich reagiert: einmal ermutigt, dann erzürnt.

Jene emotionale Divergenz beeinflusst den weiteren Verlauf des Films, der jedoch in beiden Episoden dieselben Stationen aufweist: Palastanlage, Café, Atelier, Restaurant, ein Abendessen bei Freunden, die Filmvorführung – eine stark konzeptuelle Herangehensweise, doch sie ist vergnüglich und interessant. Es ist ein Kino, das sich mehr aus Beobachtungen denn aus Annahmen heraus ergibt, das sich für zwischenmenschliche Prozesse entzündet und keine Skrupel hat, seine Charaktere hässlich werden zu lassen, um sie dann auch wieder zu verschönern.

In „Oki’s Movie“ gibt es eine Episode ­namens „King of Kisses“, in der ein Regie­student einer Kommilitonin inmitten eines Gewächshauses Avancen macht. Er stellt sich recht ungeschickt dabei an, zunächst scheint die Absage klar. Zu allem Übel stürzt er sich auch noch auf sie, umklammert sie, bedeckt sie mit ungefragten Küssen. Ewig dauert ­diese Prozedur. Doch Sensation: der Student – er ist es, den man „Psycho“ nennt – wird zum „sehr guten Küsser“ geadelt.
Diese gewisse ­Ergebnisoffenheit ist den ­Filmen Hong Sang-soos gemein. In ihnen darf ein jeder stümperhaft sein, sogar pervers oder gewissenlos. Denn das Leben entspinnt sich ohnehin. Auf diese oder jene Weise. Hier wird Zufälligkeit und Beiläufiges sowohl thema­tisiert als auch konstruiert. Auch wenn einem die Welten Hong Sang-soos fremd erscheinen mögen: Der manchmal merkwürdige Kurs des Alltäglichen tut es sicher nicht.

ROK 2015, 121 Min., R: Hong Sang-soo, D: Jung Jae-young, Kim Min-hee, Start: 8.12.

https://www.zitty.de/event/drama/right-now-wrong-then/