Pointierte Thesen für alle

Ringvorlesungen

Wissensdurst hat wenig mit bestimmten Schul­abschlüssen zu tun. Zu Berlins soeben gestarteten Ringvorlesungen, ­offenen ­Hörsälen und Vorträgen in Unis, Akademien oder anderen Bildungsinstitutionen darf jeder, der Interesse hat. Macht Spaß, klug – und ist ­meistens kostenlos

Die Einwohner*innen von Berlin müssten eigentlich zu den gebildetsten Bürger*innen der Republik zählen. Nirgendwo in Deutschland wird so freigiebig so viel Wissen geteilt: in offenen Hörsälen und an Abendakademien, nicht nur an den drei großen Universitäten der Stadt, sondern auch in vielen weiteren Bildungshäusern. Das Spektrum reicht von Ringvorlesungen an der Freien Universität über die Vorträge in der Akademie des Jüdischen Museums bis zur königlichen „Queen’s Lecture“, die die Britische Botschaft und das British Council einmal im Jahr mit der Technischen Universität veranstalten und wo es kürzlich um Übergewicht, Gesundheit und Politik ging. Anderswo geht es um Wasserwirtschaft, Aufstieg und Fall des Automobilismus oder kulturelles Erbe.

Rechtzeitiges Erscheinen hilft: Bei den oft kostenlosen Ringvorlesungen, offenen Hörsälen oder Vorträgen für jeden sind die Plätze schnell belegt
Foto: thomasfuer / photocase.de

Man muss das mal mitmachen. Die vollen Säle. Das aufgeregte Publikum, wenn da Größen eines Fachs ihr Wissen ausbreiten und sich den Fragen der Moderation stellen. Es ist aber auch zu aufregend, wenn ein Name, der sonst nur in der Suchmaschine oder auf einem Buchdeckel erscheint, plötzlich eine Stimme, einen Körper erhält: der Soziologe Pierre Bourdieu, ruhe er in Frieden, einst an der Humboldt-Universität, die Soziologin Saskia Sassen am Haus der Kulturen der Welt (HKW), dort auch der Historiker Dipesh Chakrabarty. Im HKW spricht nun Sassens Mann, der Soziologe Richard Sennett, am 8. November über den „Kampf um die Stadt“.

Wer dagegen Erklärungen dafür sucht, warum autoritäre Regierungen und Regimes erstarken, wird bei den Mosse-Lectures an der Humboldt-Universität fündig, die in diesem Quartal „Autokratien“ verhandeln. Zu den Redner*innen zählen der Rechtsprofessor Christoph Möller (8. November), der Historiker Karl Schlögel (22. November), der Putin unter die Lupe nimmt, und die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, die am 6. Dezember über „Theokratie ohne Theologen“ und den Iran spricht. Welten können aufpoppen, das Hirn beginnt zu britzeln, wenn kluge Köpfe pointierte Thesen vertreten und komplexe Zusammenhänge anschaulich machen. Und das gibt es meist für umsonst. Welch ein Luxus. Man muss nur rechtzeitig da sein, damit man einen freien Platz bekommt, oder einen Kopfhörer für die Übersetzung.

Selbstverständlich geht es auch niedrigschwelliger. Auf den Stühlen der Ringvorlesungen und offenen Hörsäle nehmen Studierende, Lehrende aus dem Mittelbau und bildungseifrige Bürger*innen aus der ­Nachbarschaft Platz, nicht selten können sie am Ende Fragen stellen. Hier gibt es auch mal einen So-lala-Vortrag, von schüchternen Doktorand*innen zum Beispiel, aber eben auch frappierende Einblicke in größere Zusammenhänge. Freuen lässt sich beispielsweise auf die Vorlesung des Politikwissenschaftlers Wolfgang Merkel am 10. Januar an der Humboldt-Universität: Er spricht über die Nachhaltigkeit von Demokratien. Merkel ist bekannt aus Funk und Fernsehen, somit hängt die Messlatte hoch.

Nicht zu vergessen ist das Drumherum. Was für einen Spaß es macht, wieder – oder erstmals – an die Uni zu gehen, ohne Druck von Scheinen, Noten, Hausarbeiten. Die Gebäude sind inzwischen renoviert, die Unis werden nicht mehr totgespart. Hier zeigt sich brutalistische Architektur, dort glänzt eine Jugendstilvilla, da bietet eine Fachbereichsbibliothek ausrangierte Bücher für ein paar Cent an. Rund um die Unis liegen bezahlbare Cafés und gut sortierte Buchhandlungen, und in absolut unhippen Kiezen warten stille Kulturhäuser wie das Museum Europäischer Kulturen in Dahlem oder das Verborgene Museum nahe des Ernst-Reuter-Platzes. Nur jung wird man nie wieder. Spätestens in der Mensa wird das klar, wenn die Dame an der Kasse nicht etwa einen Studierendenausweis sehen will, sondern sofort fragt: „Mitarbeiter oder Gast?“. Naja, Gast halt. Kostet etwas mehr. Aber diese kleine Demütigung ist der Spaß mehr als wert.

FU Berlin: „Zwischen Liebe und Revolte. ­Studentische Lebensformen in der Nachkriegszeit“ (und weitere offene Vorlesungsreihen)
www.fu-berlin.de/sites/offenerhoersaal/index.html

HU Berlin: „Der grüne Faden – ein integrierter Blick auf Nachhaltigkeit“ (und 16 weitere offene Vorlesungsreihen)
www.hu-berlin.de/de/service/veranstaltungen/ringvorlesungen-und-offene-veranstaltungen/wintersemester2018-19

Mosse-Lectures an der HU-Berlin: „Autokratien – Herausforderungen der Demokratien“
www.mosse-lectures.de/web/index.php/de/content/program.html

TU-Berlin: „Kultur der Migration – Migration der Kultur“ (und 26 weitere offene Veranstaltungsreihen)
www.pressestelle.tu-berlin.de/fileadmin/a70100710/VAK/Uni_fuer_alle.pdf

Evangelische Hochschule Berlin: „100 Jahre Frauenwahlrecht“
www.eh-berlin.de/studium/studium-generale/aktuelle-ringvorlesung.html

Katholische Akademie in Berlin, Akademie­abende: „Scharia-Debatten in Afrika – ein ­Ländervergleich“ (und weitere Themen)
www.katholische-akademie-berlin.de/de/startseite/index.php

HKW, Democracy Lecture 2018: „Richard Sennett – Der Kampf um die Stadt“
www.hkw.de/de/programm/projekte/veranstaltung/p_143667.php

Jüdisches Museum: „Wissen und Glauben im Judentum und Islam“
www.jmberlin.de/ringvorlesung

DHM: „Weimars Wirkung. Das Nachleben der ersten deutschen Republik“
www.dhm.de/fileadmin/medien/relaunch/kalender/Weimars_Wirkung_Folder_web.pdf