Interview

Robert Zemeckis: „Ich begebe mich an Orte, die es in der ­Realität nicht gibt“

Hollywood-Legende Robert Zemeckis, 67,  über Tricks im Kino, interessante ­Figuren und seinen neuen Film „Willkommen in Marwen“

Mark und seine starken Mädels
Fotos: Universal Pictures

Mr. Zemeckis, Sie erzählen in Ihrem neuen Film „Willkommen in Marwen“ die wahre Geschichte des Künstlers Mark ­Hogancamp, der halbtot geprügelt wurde und sein Trauma samt Gedächtnisverlust mit Hilfe eines von Puppen bevölkerten Miniatur­dorfes verarbeitete. Wie stießen Sie auf diesen Stoff?

Ich sah einen Dokumentarfilm über Mark und war zunächst einmal fasziniert von ­seiner Geschichte. Außerdem sind die heilenden Kräfte der Kunst ein Thema, das sich bestens für einen Spielfilm eignet. Überhaupt fand ich dieses Medium perfekt für Marks Geschichte, denn all die Geschichten in seinem Kopf, die er mit seinen Puppen in diesem selbst geschaffenen Dorf umsetzt, lassen sich im Kino mit modernen Technologien ganz hervorragend realisieren.

Die technische Herausforderung war also auch ein Anreiz, diesen Film zu drehen?

Selbstverständlich. Dies erschien mir die ­ideale Gelegenheit zu sein, um zu zeigen, was mit dem ­Performance-Capture-Verfahren inzwischen alles möglich ist. Ich beschäf­tige mich damit ja schon seit den Ursprüngen, und lange war es ein Problem, tatsächlich die Emotionen und die Ausstrahlung eines Menschen, also den Kern einer schauspielerischen Leistung, einzufangen. Inzwischen sind die Fortschritte diesbezüglich enorm, aber wir unternahmen trotzdem noch vor Drehbeginn umfangreiche Tests, um wirklich zu gewährleisten, dass die Essenz von Steve Carell und seinen Kolleginnen auch noch dann zu sehen ist, wenn wir sie als ­Puppen präsentieren.

Gab es bei der Besetzung des Films bestimmte Faktoren zu beachten, weil Sie mit Performance Capture arbeiteten?

Foto: CC BY 2.0 – Dick Thomas Johnson from Tokyo, Japan – Robert Zemeckis „The Walk“ at Opening Ceremony of the 28th Tokyo International Film Festival / Wikipedia

Nein, gute Schauspieler sind gute Schauspieler, und man muss keine sonstigen Fähig­keiten mitbringen, um auf diese Weise zu arbeiten. Steve Carell war einfach ­deswegen meine erste Wahl, weil ich jemanden brauchte, der wunderbar komisch ist, aber auch viel dramatisches Talent hat. Insgesamt war es nur wichtig, dass ich die Besetzung der Rollen sehr früh festlegte, weil wir ja alle Darsteller scannen und Puppen von ihnen anfertigen lassen mussten, für die Szenen, in denen Mark mit ihnen spielt.

Sie haben schon vor 15 Jahren „Der Polarexpress“ auf diese Weise gedreht. Ärgert es Sie, dass heute immer als erstes der Name Andy Serkis fällt, wenn es um Performance Capture geht?

Ach was, ich habe die Sache doch nicht gepachtet. Performance Capture ist ein Werkzeug fürs Filmemachen und steht uns allen zur Verfügung. In vielen Fällen braucht man es nicht, aber wenn man Affen sprechen lassen möchte oder Puppen gegen Nazis kämpfen sollen, ist es perfekt. Trotzdem ist es nur eines von vielen technischen Hilfsmitteln, die wir nutzen, um eine Illusion zu erzeugen.

Die Begeisterung für Tricks und Technik zieht sich durch Ihre gesamte Filmografie. Wann und wie ist die entstanden?

Die lässt sich gar nicht trennen von ­meiner Liebe zum Film allgemein. Denn sie erwachte, als mich als Kind nach jedem Kinobesuch die Frage umtrieb, wie man solche Tricks und Effekte hinbekommt. Später habe ich natürlich auch die Kraft einer ­emotionalen Geschichte zu schätzen gelernt, in der manchmal eine Nahaufnahme der größte Spezialeffekt sein kann. Aber bis heute gibt es für mich nicht Schöneres, als mich mittels meiner Filme an einen Ort zu begeben, den es in dieser Form in der Realität nicht gibt. Darum geht es mir in meiner Arbeit.

Ihr Werk umfasst Filme wie „Zurück in die Zukunft“, „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ oder „Forrest Gump“ ebenso wie zuletzt die Spionage-Romanze „Allied“. Gibt es ein bestimmtes Muster, nach dem Sie sich Ihre Stoffe aussuchen?

Ich frage mich das mittlerweile selbst manchmal, denn auf den ersten Blick ist vermutlich wirklich keine Gemeinsamkeit in meinen Filmen erkennbar, die man als „typisch ­Zemeckis“ bezeichnen könnte. Klar, alle sprechen immer von den Spezial­effekten, aber die sind es nicht, ­weswegen ich mich in erster Linie für ein Projekt ­interessiere. Der gemeinsame Nenner: Ich suche stets nach interessanten Figuren. Ich ­brauche, so wie bei „Willkommen in ­Marwen“, eine Geschichte, die mich menschlich und emotional interessiert.

So viele Ihrer Arbeiten sind in die Filmgeschichte eingegangen. Sind Sie auf eine besonders stolz?

Verdammt schwierige Frage. Eigentlich muss ich sagen, dass mir alle meine ­Filme gleich viel bedeuten, jeweils aus unterschiedlichen Gründen natürlich. Die ­Filme, auf die ich am häufigsten angesprochen ­werde, sind ganz klar „Zurück in die Zukunft“ und ­„Forrest Gump“, auf Platz drei kommt ­„Roger Rabbit“. Dabei würde ich selbst sagen, dass „The Walk“ derjenige ist, der am meisten die Möglichkeiten des Kinos ausgelotet hat. Aber den hat leider kaum ­jemand überhaupt gesehen.